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Urlaub ohne Aufsicht

Irgendwann wird es ernst mit dem Urlaubsspaß: mit der ersten großen Reise nur mit Freunden. Ohne Eltern. Und oft ohne Plan. An ihre erste Urlaubsfahrt mit dem Gefühl von unerhörter Freiheit und begleitet von diversen Pannen erinnern sich in unserer neuen Serie neun RP-Redakteure. Von Lothar Schröder

In diesem Sommer hat immer nur die Sonne geschienen. Also auch in den französischen Alpen, unserem ersten Zwischenstopp, bei dem wir abends aber nicht irgendwo nächtigten, sondern im Eiltempo noch zu einer halbhohen Hütte raufgestolpert sind, besoffen vor Glück, im Sonnenuntergang ein Bier zu trinken. Spätestens da war uns klar, dass in diesem Sommer alles möglich ist. Ein Sommer der Anarchie, der unser erster richtiger Sommer sein würde. Und dass jeden Tag die Sonne scheinen würde, daran glaubten wir fest mit der Überzeugungskraft unserer unerschöpflichen Naivität.

Wir, das sind meine Oberstufenmitstreiter Jutta und Michael - und ich. Und unser Ziel war das Tal der Ardéche in Südfrankreich, von dem wir Sagenhaftes (von älteren Geschwistern) gehört hatten und das wir (in Zeiten vor der Erfindung der Navigationssysteme) auf abenteuerlichen Wegen erreichten.

Meiner mutig, aber völlig unkundig zusammengeschweißten Ente - 2 CV 4 mit putzigen 23 PS - wollten wir den Weg ebenso wenig zutrauen wie Michaels Fiat 500, der nach dem irrwitzigen Einbau nagelneuer Recaro-Rennsitze ohnehin nur zwei Leuten Platz bot. Ohne Gepäck. So lieh uns Michaels Mutter ihren Wagen - merkwürdig lässig und ohne jede Unterweisung -, einen größeren und eben nicht sehr coolen Renault.

Überhaupt war das Verhalten unserer Eltern bedenklich. Es gab keine Proteste gegen unsere Reisepläne, keinerlei Bedenken und nicht einmal Ratschläge. Wir begannen langsam zu ahnen, dass sie offenbar auf unsere Volljährigkeit und unsere obligate Nestflucht gewartet hatten. Endlich wieder einmal in die Berge fahren ohne einen schwer pubertierenden und dauergenervten Zögling im Schlepptau!

Nun gut, am Anfang unserer großen Freiheit Nr. 1 stand zunächst diese kleinere Ernüchterung. Und wenn wir drei unseren Aufbruch damals mit Kategorien aus der Tierwelt bedacht hätten, wären wir sicher mit dem sekundären Nestflüchter einverstanden gewesen, der im Vergleich zum primären oder gar extremen Nestflüchter der sanfteste Vertreter unter allen Ausreißern ist.

Natürlich waren wir unvorbereitet. Jutta hatte wenigstens das Taschenbuch aus der Reihe "Anders Reisen" besorgt, das versprach, nicht spießig zu sein und das - wie sich später herausstellte - oft leider nicht sehr nützlich war.

Dennoch sind wir irgendwann angekommen. Eigentlich unfassbar, dass wir es geschafft hatten. Von der Straße sahen wir die grünlich blaue Ardéche weit unter uns, eingerahmt und geführt von den schroffen steilen Felsen. Schon im Auto hatten wir ein ganzes neues Lebensgefühl entdeckt: rauchend und ziemlich laut unsere Lieblingsmusik hörend, die wir vorher auf etlichen Musik-Casetten zusammengestellt hatten. Ich fürchte, dass auch "On the Road again" von Canned Heat dabei gewesen ist. Stundenlang dauerte die Fahrt. Was angenehm war, da das Unterwegssein an sich gut war und keine weiteren Entscheidungen von uns verlangte.

Im Ardéche-Tal mussten wir erst einmal die Melancholie der Ankunft verkraften. Das war es also, das Paradies der Freiheit direkt vor unseren Füßen. Jetzt musste etwas passieren oder irgendetwas eintreten, von dem wir noch keine Vorstellung hatten.

Wir retteten uns in Tätigkeit. Es gab gleich unten am Fluss einen preiswerten Campingplatz, dessen kleines und nur mit einem Tau abgestecktes Areal wie wildes Zelten aussah. Wer ein paar Meter dahinter sein Zelt aufschlug, musste sogar gar nichts bezahlen. Das aber trauten wir uns nicht, weil wir sonst ein mulmiges Gefühl gehabt hätten, später in der Bruchbude des Platzvermieters einen Milchkaffee zu trinken - aus Tassen freilich, die man nicht genau anschauen sollte. Jutta jedenfalls bestellte nichts. Wir ekelten uns zwar auch, bewiesen im wackeren Selbstexperiment aber den Unsinn solcher Vorsicht.

Leider war es noch viel peinlicher, da wir Jutta jedes Mal auch noch traktierten mit ihrer "post-faschistoiden Hygienesucht", einem Satz, den wir vom linken Deutschlehrer gehört und natürlich sofort inhaliert hatten.

In Erinnerung geblieben ist mir noch ein langhaariger Deutscher am Nebentisch, der mit Schulenglisch einer französischen Hübschheit den Inhalt von Stefan Zweigs "Schachnovelle" zu erklären versuchte. Ziemlich schlecht, wie ich fand - und auch sagte -, schließlich hatte ich erst wenige Wochen vorher ein Referat im Deutschunterricht über dieses Werk gehalten, so dass ich mich für den aktuell größten Kenner dieses Werks hielt. Dass es am Nebentisch gar nicht um die Schachnovelle ging, ahnte ich in meinem betulichen Bildungseifer nicht.

Jedenfalls konnte, sollte und musste jetzt die große Freiheit kommen. Sie traf uns anders als erwartet. Denn gebadet wurde in der Ardéche ausschließlich nackt, wie wir betroffen sehen mussten. Und da wir viel zu schüchtern waren, um uns dem freien Körperkult ringsum zu widersetzen, entkleideten wir uns nach kurzer Beratung auch; retteten uns auf irgendeinen randständigen Felsen und hockten dort so cool es eben ging mit dauernd angezogenen Beinen.

Die große Freiheit kam unscheinbar. Als wir uns und allen anderen nichts mehr beweisen mussten. Als wir einfach unsere Badehosen wieder anzogen und zu unserer Überraschung nicht doof angeschaut wurden. Unsere große Freiheit entpuppte sich tatsächlich im gelassenen Nichts. Wir schlunzten so durch den Tag, rauchten die erste Zigarette schon vor dem Frühstück, das ohnehin nur aus Kaffee bestand. Wir haben mordsmäßig viel gelesen damals, auf jeden Fall "Silbermond und Kupfermünze" von Somerset Maugham. Das speckige Taschenbuch steht heute noch im Regal als Relikt einer Zeit, die das Unbeschwerte entdeckte. Von Verwahrlosung konnte bei uns keine Rede sein, auch wenn "Rei in der Tube" mit der absolut praktischen Bürste kaum noch zum Einsatz kam.

Unsere große Freiheit war ein Versprechen. Unsere große Freiheit war die Illusion, alle Zeit der Welt zu haben. Unsere große Freiheit war eine gute Portion Naivität, ohne die es kaum Anfänge gibt. Vielleicht ahnten wir, dass diese Freiheit auch ein Übergang ist, und dass sie zerstört wird, wenn man an ihr festhält.

Wer solche Freiheit erleben will, darf sie nie einfordern. Sie geschieht, oder sie bleibt immer nur ein Traum von etwas. Ob es dann fünfzehn oder zwanzig Urlaubstage waren - das verrät mein Gedächtnis nicht mehr. Es bewahrt vielmehr ein Gefühl, das nicht messbar ist.

Das nächste Erinnerungsbild ist das von der Heimreise. Irgendwann war es gut mit diesem Sommer. Und ohne darüber zu sprechen, war allen klar, dass kein Zwischenstopp mehr eingelegt werden sollte. In einem Rutsch nach Hause also; keine weiteren Eindrücke sollte unsere Ardéche-Welt beflecken. Den halben Tag und die ganze Nacht sind wir durchgefahren. Angehalten wurde nur zum Tanken, zu essen gab es ein paar Brote, geraucht wurde ohnehin bedenkenlos im Auto.

Die letzte Etappe hatte ich zu fahren, die ich mit Hilfe einer Schokolade aus roten runden Blechdosen überstand. Aufputschen sollte die Süßigkeit, die angeblich auch Piloten im Zweiten Weltkrieg verabreicht wurde und die darum Fliegerschokolade hieß. Und während die beiden anderen im Wagen schliefen, näherten wir uns der Dunstglocke des Ruhrgebiets. Ich sah die grellen Lichter der Chemieindustrie, die roten Verfärbungen des Himmels bei einem Hochofen-Abstich. Es war sehr still in unserem Auto in dieser Nacht.

Wenig später ging für uns alle das Erwachsenwerden weiter. Nicht sehr überraschend. Wir alle wussten, dass nach der Ankunft etwas Neues beginnt. Was das heißen würde, wussten wir nicht; vielleicht wollten wir es auch gar nicht wissen. Ich blieb jedenfalls daheim, bereitete mich im Jugendzentrum der Gemeinde auf meine Gewissensprüfung vor der sogenannten Wehrbereichskammer vor. Ein solcher Test war damals noch nötig, um den Zivildienst leisten und den Kriegsdienst mit der Waffe verweigern zu können.

Michael stattdessen ging zur Bundeswehr. Und weil er immer schon gern die Alpen bereiste, meldete er sich zu den Gebirgsjägern in Mittenwald. Ein Fehler, wie sich nach und nach rausstellte. Jutta schließlich studierte Medizin, wie schon ihr älterer Bruder.

Unsere Reisegesellschaft in die große Freiheit hat merkwürdigerweise nie mehr zusammengefunden. Als sei ihr Sinn genau eine Reise gewesen. Und als sei genau diese Reise das Tor zu einer für uns jeweils anderen Welt geworden. Die Spuren der anderen wurden zunehmend blasser. Michaels verschwanden in der Schweiz, Juttas als Ärztin in Neuseeland.

In diesem Sommer aber schien die Sonne tatsächlich Tag für Tag. In einem Sommer, in dem noch alles möglich war.

Jedenfalls in meiner Erinnerung. Und die ist, wie es der Schriftsteller Cees Nooteboom einst formulierte, ein Hund, der sich hinlegt, wo er will - diesmal ins Ardéche-Tal des Sommers 1982.

Quelle: RP
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