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"The Gouster"
Vergessenes Album aus Bowies Nachlass

Düsseldorf. David Bowie nahm in den 70er Jahren das Soul-Album "The Gouster" auf. Nun erscheint es zum ersten Mal. Von Philipp Holstein

Er hat damals gelebt wie ein Vampir. Die Jalousien seiner Villa in Los Angeles zog er nie hoch, und wenn er Hunger hatte, nahm er meistens Kokain, nur manchmal trank er auch Milch. Sein altes Bühnen-Ego Ziggy Stardust war längst begraben, das neue, der Thin White Duke, noch nicht geboren. Und wenn er sich mal nicht mit Okkultismus beschäftigte, hörte er "What's Going On" von Marvin Gaye und "Innervisions" von Stevie Wonder. Es war das Jahr 1974, und er beschloss, selbst eine Soulplatte aufzunehmen, darauf sollte seine Version von schwarzer Musik zu hören sein. Er mietete die Sigma-Sound-Studios in Philadelphia an, und als er dort ankam, erschraken die Musiker seiner Band: Dieser ausgemergelte Kerl war so unfassbar weiß, er war fast durchsichtig. Sein Name war David Bowie.

"Who Can I Be Now" heißt die neue und auf Vollständigkeit zielende Box, die auf zwölf CDs versammelt, was der im Januar gestorbene David Bowie in den enorm kreativen Jahren 1974 bis 1976 produziert hat. Es geht um die sogenannte amerikanische Phase im Werk Bowies, sie ist fast noch ein bisschen interessanter als die darauf folgenden Berliner Jahre, die zwar "Low" und "Heroes" (beide 1977) hervorbrachten, aber irgendwie auserzählt wirken. Zumal am Ende der Zeit in den USA das Meisterwerk steht, das allerbeste der vielen besten Bowie-Alben: "Station To Station".

Man könnte meinen, in der Schaffensbiografie Bowies sei alles glatt gelaufen, es wirkt ja rückblickend alles so zielgerichtet, aber diese historisch-kritische Ausgabe zeigt, dass auch Bowie haderte und fehlte. Sie enthält eine kleine Sensation, es ist das bisher unveröffentlichte Album "The Gouster". Bowie nahm die Platte innerhalb von nur zwei Wochen in Philadelphia auf, und um es direkt zu sagen: Bowie-Fans, die auch die entlegensten Sammlungen und Deluxe-Ausgaben gekauft haben, dürften darauf keinen unbekannten Song finden. Alle Titel wurden zu Lebzeiten des Künstlers bereits einzeln bei unterschiedlichen Gelegenheiten veröffentlicht, wenn auch teilweise in anderen Versionen.

Das soll das Ereignis indes nicht schmälern, denn das Auflegen der Platte ist eine bewegende Angelegenheit. Erstmals werden die Lieder in der richtigen Reihenfolge präsentiert, von Produzent Tony Visconti klanglich aufgehübscht. Es gibt bestimmt viele, die nun fragen, warum man posthum ein Album veröffentlicht, das von seinem Schöpfer abgelehnt wurde. Aber wenn man "The Gouster" gehört hat, gibt es darauf nur eine Antwort: Weil diese großartige Musik die Lebensqualität enorm steigert.

Bowie wollte eine radikale Abkehr vom Sound der LP "Diamond Dogs" (1974): "Meine Beziehung zum Rock 'n' Roll ist beendet", erklärte er. Also trommelte er Musiker zusammen, die den Groove hatten, er wollte Funk. Die Songs auf "The Gouster" sind lang und haben etwas von einer Jam-Session. Bowie singt im Duett mit David Sanborns Saxophon, es gibt leidenschaftlichen Background-Gesang mit starken Gospel-Anleihen, und im Hintergrund brilliert der junge und noch unbekannte Soulsänger Luther Vandross.

Zu hören ist raffiniert arrangierter, düsterer Soul. Bowie klagt und zweifelt. "Can I be real", fragt er im zentralen Song "Who Can I Be Now?". Seine Stimme klingt aufgewühlt, tiefer als gewohnt und zugleich zerbrechlich. Es gibt zwei mögliche Gründe, warum er dieses ungemein intensive, finster pumpende Werk verworfen hat, nachdem die Testpressungen bereits vorlagen. Die Songs und vor allem die Art, wie er sie interpretiert, geben Einblick in die Seelenlage Bowies, und Authentizität war ihm zuwider. Man erkennt einen einsamen, drogenkranken Mann, der unbehaust und auf der Suche ist. Der rastlose Bowie hatte Eheprobleme, er verließ L.A. bereits nach zehn Monaten, er war eigentlich nur wegen der Dreharbeiten zum Film "The Man Who Fell To Earth" hergekommen, er war ständig auf Tour und versuchte, den Klang der Zukunft zu finden. Die andere, womöglich realistischere Begründung ist die Tatsache, dass der Platte ein Hit fehlte. Bowie wollte in den USA zum Superstar werden, aber seine Songs waren noch nicht radiotauglich genug.

So traf er sich mit John Lennon, schrieb mit ihm zusammen "Fame" und coverte "Across The Universe" von den Beatles. Er wählte vier Songs von "The Gouster" aus, straffte und entkernte sie, wischte Pop-Politur darüber und nahm zwei neue Songs auf. Zusammen ergab das das Album "Young Americans", das Bowie 1975 den amerikanischen Markt erschloss: "Fame" wurde seine erste Nummer eins jenseits des Atlantik. "The Gouster" ist im Grunde also die Vorstufe zu "Young Americans", jenes Albums, das rein strategisch betrachtet eine ganz entscheidende Bowie-Platte ist, auch wenn sie hierzulande zu wenig geschätzt wird - vielleicht, weil Bowie selbst den Sound als "plastic soul" bezeichnet hat, was indes nicht abwertend gemeint war, sondern eine stimmige Beschreibung dieser unterkühlten Tanzmusik ist.

Er habe getan, was er tun musste, nun könne er machen, was er wolle, soll Bowie gesagt haben, nachdem er erfuhr, dass er die US-Charts anführt. Im folgenden Jahr veröffentlichte er "Station To Station", ein fiebriges Gebräu aus Funk, Krautrock und Elektrobeats: Zukunftsmusik. Er trat als Thin White Duke in weißem Hemd und schwarzem Anzug auf die Bühne, er bewegte sich kantig, verharrte in theatralischen Posen, und er perfektionierte die erhabene Stimme, die er auf "The Gouster" erprobt hatte. Diese Stimme, sagte Bowie, gehöre "einem Frank Sinatra der Alpträume".

All das kann man nun nachvollziehen, man begreift jetzt, wie das gelaufen ist, und man kann es dennoch nicht fassen: Nur drei Jahre liegen zwischen den völlig verschieden klingenden Alben "Diamond Dogs" und "Heroes". Sie wirken, als habe Bowie sie auf unterschiedlichen Planeten aufgenommen.

Major Tom war ein Gigant.

Quelle: RP
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