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Vergessenes Genie

Eine grandiose Box mit 38 CDs erinnert an den Dirigenten Hermann Scherchen. Seine Beethoven- und Mahler-Aufnahmen sind epochal. . Von Wolfram Goertz

Sein klingendes Vermächtnis ähnelt einem Geisterschiff. Von Zeit zu Zeit taucht es auf fernen Meeren auf, dann gehen Teile der Ladung verloren, schließlich wird es unter neuer Fahne wieder gesichtet. Hermann Scherchen war einer der bedeutendsten Dirigenten des 20. Jahrhunderts. Leider nahm er für die amerikanische Firma Westminster auf, keines der großen Labels; und als Westminster unterging, bekam es diverse neue Besitzer und ging irgendwann in den Besitz der Deutschen Grammophon über, die aber keinerlei Lust auf Scherchen-Aufnahmen hatte. Die Zuhörerschaft allerdings auch nicht.

Hermann Scherchen (1891-1966) war vermutlich einer der meistgehassten Dirigenten des 20. Jahrhunderts. Orchestermusiker, die sein Lehrbuch des Dirigierens von 1929 lasen, diese klirrend präzise Handlungsanweisung für Logik, Klang und Genauigkeit, überkam das Frösteln. Scherchens Kälte und Majestät vereisten jeden Einwand. Erst recht in der Praxis: Wer sich Scherchen widersetzte, der litt. Wenn seine seltsam hohe, zirpende Stimme erklang, stöhnten die Musiker innerlich.

Für Scherchens Schallplattenaufnahmen interessierte sich lange Zeit nur jener Typ des Enthusiasten, den es nicht stört, dass sie jedwedem Schönheitsideal entsagen. Dass der Lack fehlt. Dass man dem Orchester Widerstand anmerkt. Das es manchmal zum Heulen klappert. Dass Scherchen Tempi forderte, für die es keine Tradition gab. Sein Beethoven, zur reinen Energie befreit, begann Schrecken zu verbreiten. Gequält reagierte das Publikum: Gab es nichts Klangvolleres?

Jetzt sind große Teile von Scherchens Aufnahmen wieder aufgetaucht, und zwar zum einen als 27-CD-Box beim englischen Raritäten-Label Scribendum, zum anderen als (wieder zugängliche) 38-CD-Box bei der Deutschen Grammophon. Sie beweisen, dass Scherchens Rastlosigkeit sich quer durch die Zeiten fräste. Er dirigierte Bachs Orchestersuiten und unbekannte Symphonien des Russen Reinhold Glière, Mozarts "Requiem" und Gustav Mahler, Ravels "Bolero" und Liszts dröhnende "Les Préludes". Und jetzt sitzen wir wieder fassungslos vor Glück im Sessel und fragen uns: Wieso mussten wir auf diese Auferstehung so lange warten?

Weil Scherchen für jede Zeit zu modern ist. Ein Leben ohne Atem, ohne Ruhe, oft ohne Mittagessen, am Rande der Armut - und ein Dauerkampf für die Avantgarde. Scherchen, in Berlin geboren, hatte sich nach eher provisorischem Unterricht auf eine Bratschenstelle bei einem Berliner Orchester hochgeübt. Als Arnold Schönberg ihn 1912 bei einer Tournee einige Male den "Pierrot lunaire" dirigieren ließ, verbannte Scherchen die Bratsche in den Koffer und entschied sich für ein neues Leben. Er ging als Chefdirigent nach Riga, kam in russische Gefangenschaft und spürte den Hauch der Oktoberrevolution. Der Sozialismus als Segen der Menschheit - diese Idee ließ Scherchen nicht mehr los. Vor genau 100 Jahren übersetzte er das russische Arbeiterlied "Brüder, zur Sonne, zur Freiheit" ins Deutsche.

Wohin er später kam, nach Donaueschingen, Frankfurt, Königsberg oder Winterthur: Scherchen fühlte sich erst wohl, wenn er eine tintenfrische Partitur auf dem Pult liegen hatte. Bartók, Strawinsky, Berg, Varèse, Hartmann, Nono, Dallapiccola, Stockhausen, Xenakis und all die anderen fanden in ihm einen Getreuen, dem kein Opfer zu groß, kein Stil zu kompliziert und keine Nacht zu kurz war. Die Statistik seiner Uraufführungen füllt ein Buch.

Wie neue Musik klingt aber auch sein Beethoven, etwa im Kopfsatz von Beethovens 6. Sinfonie ("Pastorale"), den Scherchen rigoros den originalen Metronomangaben unterwirft. In seiner schonungslos textnahen Deutlichkeit nahm Scherchen naturgemäß vieles von dem vorweg, was heutzutage - im Reflex auf die historische Aufführungspraxis - keinerlei Diskussion mehr auslöst. Leider fehlt in der Scribendum-Box ausgerechnet seine bedeutendste Beethoven-Einspielung: die schier elektrisch aufgeladene "Eroica" vom 1958 aus Wien. Revolutionärer, brandiger, unerhörter hat man das Werk nie gehört. In der DGG-Lieferung ist sie allerdings enthalten.

Dass der bekennende, zu Lebzeiten oft angefeindete Sozialist eine zu Herzen gehende Wiener Einspielung der h-Moll-Messe zuwege brachte, mag erstaunen. Hört man sie, versinken alle Klischees von musikalischer Sachlichkeit, Romantisierung, Gläubigkeit oder Puristerei in der Lächerlichkeit eines bloßen Paradigmenstreits. Scherchen, der Materialist, rafft alle Gegensätze, um sie in dialektischer Unruhe zu versöhnen. Die Arien ertasten Bekenntnishaftes. Gewiss ist die Qualität der Solisten durchwachsen, doch hat Scherchen ihnen einen bestechend deklamatorischen Gestus anerzogen, der eher nach Brecht als nach Thomanerchor klingt.

Für einen eigensinnigen (und politischen) Störenfried wie Scherchen war 1933 selbstverständlich kein Platz mehr in Deutschland. Das lähmte ihn keine Sekunde. Empört umkreiste er die Heimat als Gastdirigent. Als GMD Oswald Kabasta in Wien alle jüdischen Orchestermusiker auf die Straße setzte, gründete Scherchen mit ihnen sein neues Musica-Viva-Orchester. Zu jener Zeit setzte er in einem einzigen Wiener Winter unerschrocken alle Sinfonien Gustav Mahlers aufs Programm - als flammenden Gruß der Heimatlosen. Drei Mahler-Aufnahmen aus den fünfziger Jahren mit dem Orchester der Wiener Staatsoper bezeugen Scherchens seherische Kompetenz für ein gebrochenes, nie gusseisernes Mahler-Bild. Es ist im Kopfsatz der Fünften voller Grimm und bestürzender Gewalt, es weiß den doppelbödigen Jubel im Finale der Siebten mit vehementer Differenzierung einzufangen. Musizieren als Säurebad.

Und kaum eine Aufnahme hat den wild-verschwörerischen Charakter der Zweiten besessener herausgearbeitet. Wie Scherchen die "Auferstehung" wirklich aussingen lässt, als Choral des visionären Menschentraums - es ist eine Sternstunde der Mahler-Interpretation.

Scherchen stellte an sich ebenso hohe Anforderungen wie an seine Musiker, das rettete ihm jenen lebenswichtigen Rest von Sympathie, ohne den er nirgendwo die Einladung eines Orchesters bekommen hätte. Und Scherchens Aufnahme von Mozarts Requiem ist ein Fall für die Ewigkeit. Das "Tuba mirum" hört man mit einem Kloß im Hals. Das "Rex Tremendae" zwingt einen nieder. Im "Recordare" wird man von Scherchen mit allem Trost, der Musik zu eigen sein kann, wieder aufgerichtet.

Ein eiskalter Dirigent? Doch nur ein Gerücht.

Quelle: RP
 
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