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Wuppertal
Verheißungsvoller Neustart an der Wuppertaler Oper

Wuppertal. Die Wuppertaler Oper durchlebt bewegte Zeiten: Als vor zwei Jahren der damalige Generalmusikdirektor Toshiyuki Kamioka auch noch Opern-Intendant wurde, schaffte er im Spar-Wahn das beliebte Sänger-Ensemble ab und spielte nur noch angestaubte Tournee-Produktionen. Der Schuss ging nach hinten los, das Publikum blieb weg, die Kritik zürnte. Von Regine Müller

Kamiokas Nachfolger Berthold Schneider hat sich nun mit dem Segen der lernfähigen Politik wieder auf das alte Prinzip besonnen, ein neues Ensemble aufgebaut und einen Spielplan mit Eigenproduktionen entwickelt. Beim Auftaktwochenende jüngst wurden die programmatischen Eckpfeiler erfahrbar. Bewusst stellte Schneider "Three Tales" - eine Video-Oper von Steve Reich und Beryl Korot - an den Anfang; ein legendäres Werk, das bisher nur auf Festivals zu sehen war, das zudem taufrisch wirkt und durchaus repertoirefähig ist. Eine echte Entdeckung.

Der zweite Schlag gelang mit Jacques Offenbachs "Hoffmanns Erzählungen", die Schneider von gleich vier namhaften Regisseuren erzählen ließ: Charles Edwards, Nigel Lowery, Christopher Alden und Inga Levant zeigten vier Sichten auf das Musiktheater und inszenierten kurzweilig, bildermächtig und in Sachen Personen-Führung penibel durchgearbeitet. Das Niveau des neuen und spielfreudigen Ensembles ist enorm.

Jetzt kam die dritte Neuproduktion heraus, Sergej Prokofjews "Die Liebe zu den drei Orangen" in der Regie von Sebastian Welker. Verglichen mit den ersten beiden Abenden ist diese Arbeit zwar auch gesegnet mit prallen Bildern, wimmelnder Aktion und musikalischer Delikatesse. Das Konzept aber wirkt unfertig und beliebig. In Prokofjews Märchenoper werden aktuelle Fragen nach dem wahren Theater erörtert, die Welker zugunsten einer grellbunten Revue-Show vernachlässigt und noch dazu die abgenudelte Zirkus-Metapher als Rahmen-Konzept aus der Mottenkiste holt. Ein bisschen aktuell soll's aber schon auch sein, und so tummeln sich bereits vor der Vorstellung im Foyer Choristen und schießen gackernd zahllose Selfies. Die Ästhetik von Bühne und Kostümen ist trashig bunt und zielt auf ein Szenepublikum, das man eher in Berlin in der Komischen Oper findet. So kommt der Verdacht auf, dass Berthold Schneider womöglich im Sinn hat, es dem erfolgreichen Berliner Intendanten gleich zu tun und so etwas wie der Barrie Kosky von NRW zu werden? Das bleibt abzuwarten und wäre nicht das Schlechteste.

Quelle: RP
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