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Verloren im Paralleluniversum

Daniel Kehlmann fesselt seine Leser in "Du hättest gehen sollen". Von Welf Grombacher

Auf die Frage, wie er beim Schreiben so sei, antwortete Daniel Kehlmann einmal: "Ich weiß es nicht. Es ist ein konzentrierter Zustand, der keine Erinnerung produziert." Und schon sind wir mitten in Kehlmanns neuem Buch "Du hättest gehen sollen": Um in Ruhe an seinem Drehbuch zu arbeiten, mietet sich der namenlose Ich-Erzähler mit Frau Susanna und Tochter Esther in einem Ferienhaus in den Bergen ein. Der Stoff seines neuen Manuskriptes fesselt ihn nicht wirklich, aber sein Produzent Schmidt will eine Fortsetzung seines Erfolgsfilmes haben, und der Kredit für das neue Reihenhäuschen will irgendwie abbezahlt werden.

Die Arbeit geht zäh voran, mit Susanna streitet er über die Bezahlung einer Babysitterin, und wenn Tochter Esther ihm ihr neuestes Bauwerk aus Lego zeigt, sagt er schnell "toll, super", dreht sich weg und schreibt weiter. Beim Einkaufen eines Tages wird er vom Besitzer des Dorfladens aber gefragt, ob "schon was passiert" sei. Und als er kurz darauf auf der Straße auch noch glaubt, die nuschelnde Einheimische habe ihm "geht schnell weg" zugeraunt, verselbstständigt sich die Fantasie des Drehbuchschreibers.

Wenn er abends allein am Tisch über seinen Notizen sitzt, sieht er in der Scheibe zwar, wie sich der Raum spiegelt, er selbst aber fehlt in dem Szenario. Bilder hängen auf einmal nicht mehr da, wo sie am Vortag noch hingen, und Türen existieren, die es gestern nicht gab.

Auch Susanna fühlt sich nicht wohl in dem Ferienhaus. Also beschließen sie abzureisen. Die Koffer sind schon gepackt, nur der Vermieter soll noch informiert werden, als der Drehbuchautor auf dem Handy seiner Frau die Nachricht findet. "Ich will dich wieder anfassen", steht da, und "Du fehlst mir so". Seine Frau betrügt ihn also. Es kommt zum Streit, Susanna setzt sich allein ins Auto und fährt los. Der Autor bleibt mit seiner Tochter zurück.

Er versucht weiterzuarbeiten, doch in seinem Text finden sich auf einmal Botschaften, die er nicht hineingeschrieben hat. "Geh weg", steht da in seiner Schrift. Weil er sich Aufklärung erhofft, ruft er den Ladenbesitzer im Dorf an, fragt, was es mit dem Ferienhaus auf sich habe, und erfährt, dass darin einmal ein Urlauber spurlos verschwunden sei. Früher stand an der Stelle des Hauses ein Turm, von dem erzählt wird, der Teufel persönlich habe ihn gebaut. Immer panischer wird der Drehbuchschreiber, er versucht mit seiner Tochter zu fliehen, doch so oft er auch durch die Tür geht, immer wieder kommt er in dem Raum an, den er gerade zu verlassen glaubte. Als es doch gelingt, ins Freie zu kommen, sieht er eine Person in den Fenstern des erleuchteten Hauses. Handelt es sich um ihn selbst?

Kehlmann führt die Leser mitten hinein ins Schwarze Loch der Literatur. Auch in seinen Büchern tut sich immer der Blick in ein Paralleluniversum auf, in dem der Leser einfach so verschwinden kann. Na und, als Leser folgt man diesem großen Erzähler gerne überallhin.

Quelle: RP
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