| 02.30 Uhr
Düsseldorf
Verteufelt gute Faust-Oper
Düsseldorf. Igor Strawinskys Oper "The Rake's Progress" wurde unter einhelligem Jubel in der Düsseldorfer Rheinoper aufgeführt. Sabine Hartmannshenn inszenierte mit witzigen Bildern, Axel Kober und die Düsseldorfer Symphoniker ließen die Partitur funkeln. Von Wolfram Goertz

Natürlich ist das eine Faust-Oper, natürlich geht es um Fleischeslust und Seelenfang, natürlich spielt der Teufel eine Hauptrolle – aber weil der Komponist Igor Strawinsky ist, der mit Opern erklärtermaßen nichts am Hut hatte, ist die Sache pikant. "The Rake's Progress" (Das Leben eines Wüstlings) ist nämlich eine Anti-Oper, ein frivoles Gegenbild, eine schaurige Parodie. Sie gewinnt indes dadurch an Wucht, dass Strawinsky nur den Besten parodiert, nämlich Mozart, und außerdem extrem viel Phantasie ins Opus steckt. Ironisch betrachtete er nur, was er heimlich liebte. Alles andere ignorierte Igor.

Die Rheinoper Düsseldorf spielt nun dieses Satyrstück, in dem das Landei Tom Rakewell auf einen Glücksmakler (den Teufel) reinfällt, in London eine Puffmutter verputzt, die bärtige Türken-Baba ehelicht und schließlich mit einer Brotmaschine steinreich zu werden gedenkt. Am Ende vom Lied will Nick Shadow, der anstellige Mephisto bei Strawinsky, Toms Seele rauben und hat dazu schon eine Grube ausgehoben – doch Tom glückt eine List in einer Karten-Wette (Parodie auf Tschaikowski und Bizet) und wird vom Teufel zum Irrsinn verdonnert. Anne Trulove, die ihren Tom unbeugsam liebt, gibt ihm am Ende – dies der finale Trick der Regisseurin Sabine Hartmannshenn – Schlaftabletten, weil sie sich und den Geliebten, der Adonis zu sein glaubt, von ihrer nunmehr unmöglichen Liaison erlösen möchte.

Hartmannshenn setzt mit ihrem Ausstatter Dieter Richter und der Kostümbildnerin Susana Mendoza auf knackige, einfache, aber wirkungsvolle Bilder. Das heimatliche Idyll bei Rakewell ist rustikal holzgetäfelt, der Puff wummert dagegen als Glitzerhölle, in welcher der glänzende Chor der Rheinoper ganz legal die Sau rauslassen darf. Die Türken-Baba ist auch ohne Bart ein Monstrum, aber eines mit Seele (prachtvoll orgelnd: Susan Maclean); ihr Penthouse guckt imperial zu den Houses of Parliament hinüber – und der Friedhof erinnert wieder an "Don Giovanni", jedoch in Zeiten elektrischer Beleuchtung.

Es ist nicht einmal der Glanz der Regie, der den Abend zu Recht bejubelnswert macht. Sie nimmt vielmehr eine dienende Haltung ein, sie erfindet klug-zarte Bilder (Annes Warten vor der Hoteldrehtür ist geradezu herzerweichend) und will der Musik nicht die Show stehlen. Ja, diese "schöne Musik mit ein paar falschen Noten drin", wie Strawinskys Neoklassizismus durchaus kenntnisreich bespöttelt wurde, ist selbst eine große Bühne, ein fulminanter Teilchenbeschleuniger, ein szenisch wirkendes Babylon der Anspielungen, doch auch der tiefsinnigen Emotionen. Der Abschied von der Türken-Baba ist nicht etwa grotesk, sondern unheimlich traurig; die Szene im Irrenhaus begibt sich mit ihrer Adonis-Venus-Metaphorik als Abendspaziergang der Mythologie.

Axel Kober dirigiert seinen Strawinsky zuweilen mit spitzen Fingern, er gibt dann den Barkeeper, der es ausschließlich "extra dry" liebt. Kobers Strawinsky hat aber auch dynamisches Feuer, fleischliches Temperament. Es darf zur Sache gehen, seine Schätzchen sind die Düsseldorfer Symphoniker, die – das ist ein Markenzeichen dieser Partitur für kleines Mozart-Orchester mit Cembalo – handverlesene Soli zu leisten haben, die samt und sonders meisterlich glücken. Ihr Drive ist ja die Kehrseite einer Musik, die anderswo von unendlicher Zärtlichkeit ist, von paradiesischer Lauterkeit des Gefühls, von holz- und glasbläserischer Intensität. Es gibt da bei Strawinsky diese – ihre Sänger schier verzehrenden – lyrischen Kurven, an die Puccini und Verdi nur in ihren besten Momenten heranreichen. So emphatisch wie Anne in ihrer Cabaletta kann sich freilich keine Landpomeranze dieser Welt ins ferne London stürzen, um ihren Liebsten zu retten.

Es wird nun in Düsseldorf aber auch wirklich aufregend gut gesungen. Bo Skovhus ist fraglos der Star des Abends, ein Mephisto mit verteufelt gut sortierter Garderobe (Handelsvertreter, Tunte, Strizzi) und gefährlich gut geführtem Bariton – nie zu viel Druck, immer ein bisschen Reserve, auch in der Hüfte. Anett Fritsch stattet die Anne mit Poesie, toller Höhe und einem Tonfall zwischen Backfisch und liebender Frau aus. Matthias Klink absolviert sein Rollendebüt als Tom mit herrlicher Attacke, wirft einen eindrucksvoll legierten Tenor in die Waagschale, könnte allerdings seine Intonation bisweilen noch festigen. Doch die paar falschen Töne hat nicht einmal der Teufel auf seiner Rechnung.

Dieser Abend ist selbst die ideale Petition für die Rheinoper. Großer, einhelliger Jubel eines ebenso vergnügten wie berührten Publikums.

Quelle: RP
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