Streit um neues Dom-Fenster: Viel Kritik an Meisners Moschee-Äußerung
VON ANNETTE BOSETTI UND BERTRAM MÜLLER - zuletzt aktualisiert: 31.08.2007 - 08:00Düsseldorf (RP). Wörtlich hatte Kardinal Meisner gesagt: "Das Fenster passt nicht in den Dom. Es passt eher in eine Moschee oder in ein Gebetshaus." Das sieht der weltweit anerkannte Künstler Gerhard Richter anders. Für eine Moschee hätte er niemals gearbeitet, sagte er gestern unserer Zeitung: "Dazu habe ich gar keine Beziehung."
In einem Punkt gibt Richter dem Kardinal recht - seine Fenstergestaltung sei nicht katholisch: "Aber wie sähe eine katholische Gestaltung aus, die nicht plagiatorisch die Historie beschwört und nicht kunstgewerblich ist?"
Richter ist eigenen Angaben zufolge schon als junger Mann aus der evangelischen Kirche ausgetreten und würde sich heute am ehesten als Agnostiker bezeichnen, also als einen Menschen, der davon überzeugt ist, dass alle über die sinnliche Wahrnehmung hinausgehenden Phänomene nicht erkannt werden können. Richter fühlt sich aber als Spross des Christentums: "Das Christentum hat uns entscheidend geprägt und hat sogar Atheisten hervorgebracht."
Der Künstler zeigt in seinem Domfenster eigener Aussage zufolge den Zufall als überwältigende Macht, nicht etwa göttliche Vorsehung. Dennoch vertritt er die Meinung, dass das Fenster sich in sakralem Rahmen am richtigen Platz befinde. Wenn er auch keiner Glaubensgemeinschaft angehöre, so sei er doch der Auffassung, dass "man ohne Glauben gar nicht leben kann", ohne den Glauben an eine höhere Macht oder an "etwas Unbegreifliches".
Der Kölner Museumsdirektor Kasper König sagte, Meisners "unqualifizierte Bewertung" sei kein Beitrag zur Kulturdiskussion: "Meisner wurmt nur, dass er im Kölner Dom nichts zu kamelle hat", sagte König unserer Zeitung. Außerdem, so König, sei das Werk Richters gar nicht rein abstrakt. Es enthalte ein in anderthalbjähriger Maßarbeit entwickeltes Bildprogramm, das von der Geschlossenheit und von den durchs Licht initiierten Farbeffekten lebe.
Es sei gut, dass dieses Meisterwerk gerade im Dom die Moderne markiere. Die Geschichte der Kirchenfenster sei mit wenigen Ausnahmen von klassischen Kirchenfenstergestaltern geschrieben worden. Richter sei es gelungen, mit seiner zurückgenommenen Expressivität einen neuen Maßstab zu setzen.
Für den Kunsthistoriker Werner Spies kommt dieser Streit nicht überraschend. "Das zeigt uns nur wieder den Bruch zwischen Klerikern und Kunst", sagte Spies gegenüber unserer Zeitung. Er halte die Kritik des Erzbischofs für eine verbitterte Reaktion.
"Gerade im Augenblick, wo es um Entspannung in der Welt und zwischen den Religionen geht", so Spies weiter, "ist Meisners Position indiskutabel und eine unnötige aggressive Reaktion gegenüber einem anderen Glauben."
Gestern Abend hielt Kardinal Meisner in der Thomas-Morus-Akademie in Bensberg einen Vortrag zum Thema "Wie viel künstlerische Avantgarde verträgt die Kirche?". In seiner etwa halbstündigen Rede ging er mit keinem Wort auf die Diskussion ein, die er ausgelöst hatte.
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