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Köln
Von Robotern und Heiligen

Köln. Die zehnte Jahresausstellung im Kölner Kolumba-Museum spannt einen weiten Bogen zur Untersuchung von Individualität und Menschsein. "Me in a no-time state" vereint Werke aller Kunstgattungen vom 6. bis 21. Jahrhundert. Von Annette Bosetti

Zwei Stunden sollte man sich schon Zeit nehmen. Am Ende des Rundgangs durch das Museum der Nachdenklichkeit ist man erschöpft und gleichsam erfüllt, angeregt und tatsächlich nachdenklich. Im zehnten Jahr zeigt das Kunsthaus am Dom in seiner aparten architektonischen Hülle eine Jahresschau, die starke Assoziationen und Emotionen freisetzt. Es geht um den Menschen, der als Individuum befragt wird. Was macht ihn aus, und was prägt ihn? Wie gebärdet er sich heute und künftig in einer zunehmend von Terror und Unsicherheit geprägten Welt? Im weitesten Sinne ist diese Ausstellung sogar politisch.

Kein Mensch ist wie der andere, dieses Besondere jedes Individuums drückten zeitlebens Künstler in verschiedener Manier aus und fanden mannigfaltigen Ausdruck dafür. Der Mensch oder sein Antlitz wurden nachgebildet, fratzenhaft verfremdet, überhöht oder karikiert. Der Körper, die Pose, das Umfeld, die Gruppe und die Positionierung, all das Formale rückt das Individuum in seine Zeit, in Freude und Not.

Von der Vielfalt und dem Wesentlichen, von der Tiefe und dem Charakteristischen des Subjekts lebt die Ausstellung "Me in a no-time state" - Über das Individuum". Wie immer im Kolumba erregt die Schau durch das Prinzip, Dialoge zu eröffnen. Zwischen der Sammlung des Erzbistums und angedockten Leihgaben, zwischen Alt und Neu, Figurativ und Abstrakt, mittelalterlicher Plastik und zeitbasierten Medien.

Der krasseste Dialog dürfte sich entwickeln zwischen der feingeschnitzten Lindenholz-Skulptur zur Darstellung der Heiligen Dreifaltigkeit aus dem 17. Jahrhundert und dem aus fünf rau gemalten Bildern bestehenden titelgebenden Diptychon "Me in a no-time state" von Chris Newman. Newman (Jahrgang 1958) zieht als Kopist durch die Bildfelder von Kollegen, malt Motive von Munch oder Matisse mit reduzierten Mitteln neu, um sie, wie er angibt, zu überwinden. Seine Konfrontation mit der christlichen Skulptur wirft jedenfalls Fragen auf.

Gleich am Eingang steht im Kolumba traditionell ein programmatisches Werk: Eine Armada von Robotern ist es dieses Mal, 100 Exemplare mit unterschiedlichen Reifegraden, gesammelt von der Künstlerin Krimhild Becker und in Vitrinen verstaut. Emiglio zum Beispiel ist ein weißer serviler Maschinenmensch, ferngesteuert. Er kann immerhin Kaffee servieren. Muss uns die rasante Entwicklung von Robotern Angst machen - oder hoffen wir heimlich auf mehr Hilfestellung?

Viele kostbare Heiligenfiguren begegnen uns, komplex gebaute Künstlerräume, Lebenswerke, Videokabinette, Votivgaben, Goldschmiedekunst, Einraum-Möbel, Vitrinen mit Andachtsbildchen oder solche Kostbarkeiten wie die 25 aus Sandstein geschlagenen Archivoltenfiguren vom Petersportal des Kölner Domes. 600 Jahre lang haben sie auf die in die Kirche strömenden Menschen hinabgeschaut. Dass Georg und Gregorius, der Prophet oder der Engel jetzt ausnahmsweise im Museum auf hohen Stelen Platz nehmen dürfen, ist dem Umstand zu verdanken, dass seit 1978 die Sitzfiguren in den Bogenläufen des rechten Seitenportals wegen zunehmender Verwitterung durch Kopien ersetzt wurden. Nun hat das Domkapitel seine Figuren ins benachbarte Museum entsendet. Im großen mit Tageslicht beleuchteten Saal bilden sie eine eingeschworene Gemeinschaft. Anlass der Ausstellung, so erzählt es Museumsdirektor Stefan Kraus, war die nach sieben Jahren abgeschlossene Restaurierung der spätmittelalterlichen Skulpturengruppe der "Vier Gekrönten". "Nette Kerlchen" nennt er sie, und meint das bewundernd, denn restauratorisch ist dem Kolumba eine kleine Sensation gelungen. Bildhauer, Werkmeister, Steinmetz und Polier stammen aus dem Epitaph des Dombaumeisters Nikolaus von Bueren. Sie werden auf Anfang des 15. Jahrhunderts datiert und Konrad Kuyn zugeschrieben. Der Aufwand zur Restaurierung war enorm, zwei Restauratorinnen haben über sieben Jahre täglich drei Stunden an den Skulpturen geforscht und restauratorisch eingegriffen. Heute erkennt man: Der Bildhauer, der das Plakat zur Ausstellung schmückt, war ein Bürger von großem Selbstbewusstsein. Überhaupt zeige sich, so Kraus, an den vier Figuren aus Baumberger Sandstein, wie hoch Mitte des 15. Jahrhunderts schon das Maß der Individuation in der Kunst war.

65.000 Besucher bekunden dem Kolumba jährlich ihren Respekt. Bis zum nächsten Herbst werden sie wieder hinschauen, Kunst erleben. Stefan Kraus, für den Besucherzahlen nach eigenen Angaben keine Relevanz haben, freut sich, wenn sich die Menschen auf Spurensuche in seinem Haus begeben. Er will Deuter des Abstrakten sein.

Quelle: RP
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