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Von wegen Männerlieder: Sopranistinnen erobern Schumann

Der grandiose "Liederkreis" op. 39 wird neu entdeckt: Anna Lucia Fischer und Dorothea Röschmann singen ihn imponierend und nachdenklich. Von Christoph Vratz

Leise kriechen die zarten Klavierakkorde dahin, mal nach oben, mal nach unten. Kurz darauf kurzes Grummeln im Bass, bevor eine Stimme anhebt. Hauchfein singt sie vom Lied, das "in allen Dingen" schläft, "die da träumen fort und fort".

Ein Eichendorff-Text, mehrfach vertont, doch hat man ihn so bestimmt noch nie gehört. Denn es gibt keinen fertigen Notentext, es handelt sich um eine Erfindung aus dem Moment. Anna Lucia Richter, die junge, flammend begabte Kölner Sopranistin, und ihr erfahrener Lied-Pianist Michael Gees haben etwas gewagt, was man allenfalls von der Orgel her kennt oder, ungleich seltener, am Klavier von Pianisten wie Gabriela Montero: Improvisation!

Aber Improvisation im Lied - wie geht das? "Es gibt sehr einfache Melodien, die sofort in den Kopf gehen, die jeder dann noch den ganzen Tag vor sich hin pfeifen kann", sagt Richter. "Aus diesen Melodie-Motiven ergeben sich, wenn man sich atmosphärisch leiten lässt, schnell eigene Gedanken." Die Sängerin hatte Michael Gees während ihres Studiums kennen gelernt, als dieser in Köln einen Lehrauftrag zum Thema "Improvisation" angenommen hatte. Aus anfänglichen Experimenten erwuchs eine Sicherheit, die ihnen mittlerweile erlaubt, in Liederabenden live und vor Publikum zu improvisieren.

So auch auf dieser CD, Richters Debüt-Aufnahme, auf der sechs dieser Spontan-Lieder zu hören sind, alle eins zu eins festgehalten, ungeschnitten und technisch nicht geschönt. Sie sind nicht en bloc platziert, sondern einzeln verstreut zwischen Liedern von Britten, Brahms und Schumanns "Liederkreis" op. 39 - nach Eichendorff. Ein solch originelles, ja kühnes Lied-Projekt hat es lange nicht gegeben. Und Richter, deren Vater im Kölner Gürzenich-Orchester geigt und deren Mutter ihr einst den ersten Gesangsunterricht gab, betört mit ihrer hellen, engelsgleichen Stimme, die sie in wunderbaren Legato-Linien führt.

Durch diese Improvisationen wird Schumanns "Liederkreis" nicht nur um Texte desselben Dichters (darunter "Der alte Garten" und "In der Nacht") thematisch erweitert, sondern gleichzeitig musikalisch mit dem 21. Jahrhundert konfrontiert. Ein "Clash of cultures"? Mitnichten. Eher eine Begegnung, die Neugierde weckt auf mehr, zumal Richter mit ihrem silbrigen, nie monochromen Sopran herrlich natürlich singt, ohne Mätzchen, ohne Gewolltes.

Dass der Schumannsche "Liederkreis" op. 39 eigentlich eine Männerdomäne ist, scheint der CD-Markt derzeit ad absurdum führen zu wollen. Denn mit der Sopranistin Dorothea Röschmann ist gleich eine zweite Aufnahme dieses Zyklus mit Sopran erschienen. 14 Jahre hatte es gedauert, bis 2014 Dorothea Röschmann endlich wieder ein Solo-Album veröffentlichte. Dann folgten in relativ kurzen Abständen eine fulminante Aufnahme mit Mozart-Arien (Sony) und, als Konzert-Mitschnitt vom Mai 2015 aus der Londoner Wigmore Hall, ein Lied-Recital mit der Pianistin Mitsuko Uchida.

Röschmann hat das "Freischütz"-Ännchen- und das "Fidelio"-Marzellinen-Dasein hinter sich, sie ist stimmlich gereift, ihr Timbre hat sich eingedunkelt und an Farbenvielfalt gewonnen. Auf dieser Lied-CD paart sie den "Liederkreis" mit "Frauenliebe und -leben" nach Chamisso und mit sieben frühen Liedern von Alban Berg.

Wer einen exemplarischen Eindruck von dieser durchdringend-poetisch-feinen Aufnahme bekommen möchte, braucht nur das "Waldesgespräch", diesen Dialog mit der Hexe Lorelei, zu hören. Wie sicher Röschmann sich durch die hohen und tiefen Tonregionen bewegt, wie sie oben alles Schrille meidet und unten herbstlaubfarben variieren kann, ist ebenso eindringlich wie Mitsuko Uchida, die das am Ende verhallende Nachspiel mit wunder-voller Nachdenklichkeit spielt, mit einem Schleier aus Trauer und Melancholie.

Uchida hat die Balance aus Solistentum und Begleitung im Sinne von Assistenz glänzend verinnerlicht. Wie sie ihre Töne sanft, zart, weich aus- und verklingen lässt, ist wie ein Gedicht jenseits des Textes. Mit Dorothea Röschmann bildet sie ein tadellos harmonierendes Duo, und auch hier lautet das fragende Fazit: Gibt's bald mehr?

Quelle: RP
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