| 10.46 Uhr

Düsseldorf
Vorwürfe überschatten Start des Bowie-Musicals

Düsseldorf. In einem offenen Brief klagen Mitarbeiter des Burgtheaters über das Verhalten ihres früheren Chefs Matthias Hartmann. Der wehrt sich. Von Annette Bosetti

Es war nicht gerade die feine Art, wie 60 Mitarbeiter des Ex-Direktors des Wiener Burgtheaters versucht haben, ihn öffentlich an den Pranger zu stellen. Etwa 24 Stunden vor der deutschen Erstaufführung von "Lazarus" in Düsseldorf unter der Regie von Mattias Hartmann haben Theaterangestellte, darunter Techniker und renommierte Schauspieler, einen offenen Brief in der Presse lanciert, in dem sie ihrem Ex-Chef - Hartmann leitete von 2009 bis 2014 die Burg - nachträglich eine "Atmosphäre der Angst und Verunsicherung" vorwerfen.

Tatsächlich werden in dem Brief keine strafrechtlich relevanten Vorwürfe erhoben, aber es werden Beschwerden laut über sein Verhalten, die im Fahrwasser der #MeToo-Debatte Bedeutung erhalten können, da sie Herabwürdigungen anderer Menschen wie Sexismus, Rassismus oder Homophobie andeuten. Er habe in seiner Doppelrolle als regieführender Intendant ein problematisches Abhängigkeitsverhältnis geschaffen, heißt es. Hartmann wird auch ganz konkret die Frage an Schauspielerinnen während einer Probe vorgeworfen, ob "sie beim Oralverkehr das Sperma schlucken würden, oder ob das einer kalorienbewussten Ernährung widerspricht". Einmal soll er einen dunkelhäutigen Choreografen als "Tanzneger" bezeichnet haben.

Hartmann ist ein erfahrener Regisseur, der den Theaterbetrieb kennt wie kein zweiter. Auch seine Schwächen scheint er gut zu kennen. Er hat zu allen Punkten Stellung bezogen. Seine Aussage zum Spermaschlucken habe er als Witz verstanden, auch habe er schon einmal Witze über Homosexuelle gemacht. Der "Tanzneger" habe sich selbst als solcher bezeichnet. Hartmann sagt: "Ich bin groß, durchsetzungsstark und ungeduldig. Ich habe es stets versucht zu vermeiden, mit der Macht zu spielen, die mir zu Gebote war. Das ist mir vielleicht nicht immer gelungen." In einzelnen Fällen und pauschal bittet der Regisseur um Entschuldigung: "Falls ich dennoch jemanden verletzt oder beleidigt haben soll, möchte ich mich in aller Form dafür entschuldigen."

Dass man ihn fertigmachen will, davon ist er nach der Premiere von "Lazarus" immer noch überzeugt. Matthias Hartmann sagt im Gespräch mit unserer Redaktion, dass der Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses bösen Briefes nicht zufällig sei. Jemand wolle seinen Erfolg mindern. Er sieht den Brief in Zusammenhang mit seiner Entlassung als Intendant des Burgtheaters, das er nach einem Etatloch von 20 Millionen Euro 2014 verlassen hatte. Seit dem 25. Januar sind diese Vorwürfe null und nichtig. Vor Gericht wurde Hartmann in allen Punkten entlastet. Seine Entlassung ist demnach nicht mehr rechtens. Er ist sich sicher, dass der Brief eine juristisch gesteuerte Aktion ist. Einige der Unterzeichner kenne er gar nicht. Seit dem Erscheinen bekunden ihm viele Kollegen, darunter namhafte Schauspielerinnen, ihre Solidarität.

Auch für den Düsseldorfer Intendanten Wilfried Schulz (65) kam die Anti-Hartmann- Kampagne äußerst ungelegen, drohte sie doch, einen Schatten auf seine ambitionierte "Lazarus"-Produktion zu werfen. Im Gespräch weiß der kampfeserprobte Theatermacher gleichzeitig zu beruhigen. Die Kunst sei autonom, getrennt davon zu beurteilen. Schulz sagt, er kenne Hartmann seit 1993 und habe stets vertrauensvoll mit ihm zusammengearbeitet. "Dass er manchmal einen selbstbewussten Ton hat, der nicht so gut ankommt, ist bekannt." Er will das Problem nicht kleinreden. "Die Situation an den Theatern befindet sich im Wandel." Grundsätzlich sei künftig die Debatte darüber zu führen, wie man mit Macht und Ohnmacht im künstlerischen Betrieb umzugehen habe. Nach #MeToo habe eine Sensibilisierung für den Umgang miteinander stattgefunden, auch führe eine junge Generation Debatten anders als amtierende Theaterchefs. Aus den vielfachen Reaktionen auf die Hartmann-Schelte destillierte sich über das Wochenende in verschiedenen Beiträgen die Forderung heraus, die Schulz vertritt. Dass Intendanten inszenieren, ist nicht das Problem. Es scheitert in den meisten Fällen am respektvollen Umgang miteinander. Die Zeit der Prinzipalen ist jedenfalls vorbei.

Quelle: RP
 
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Düsseldorf: Vorwürfe überschatten Start des Bowie-Musicals


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.