Bayreuth: Wagner für alle
VON DOROTHEE KRINGS - zuletzt aktualisiert: 23.07.2008Bayreuth (RPO). Mit „Parsifal“ in der Inszenierung von Stefan Herheim werden am Freitag die 97. Bayreuther Festspiele eröffnet. Vieles wird neu sein – wie die Live-Übertragung der „Meistersinger“ auf einem Großbildschirm. Und manches ist wie immer – so der Aufmarsch der vielen Prominenten.
Leichen wurden schon gesichtet. Hinter der Bühne im Bayreuther Festspielhaus lagen dieser Tage blutverschmierte, teils auch zerfetzte Soldatenfiguren in Uniformen aus dem Ersten Weltkrieg. Stefan Herheim inszeniert „Parsifal“ und wird sein Publikum am Freitag zur Eröffnung der Festspiele auf eine Zeitreise schicken – und weil er bei Kaiser Wilhelm II. beginnt, sind einige grauenvolle Geschichtskapitel zu durchlaufen.
Der „Parsifal“ ist die einzige Premiere bei den Bayreuther Festspielen in diesem Jahr. Man hat sie in die Hände eines aufstrebenden jungen Regisseurs gelegt. Der in Oslo geborene Herheim ist erst 38 Jahre alt, wurde 2007 zum Regisseur des Jahres gewählt und bekommt von Kritikern blumige Superlative zugedacht wie „hemmungslosester Fabulierer des deutschen Regietheaters“.
Sehnsucht nach Erlöserfiguren
Die Sehnsucht nach Erlöserfiguren, die immer wieder Antrieb gewesen ist in der deutschen Geschichte, interessiert Herheim in seiner Parsifal-Interpretation. Sie löst die umstrittene Inszenierung von Christoph Schlingensief aus dem Jahr 2004 ab und wird vermutlich ähnlich widersprüchlich aufgenommen. So soll es ja auch sein auf dem Grünen Hügel – Skandale und Debatten halten die Festspiele im Gespräch und damit am Leben.
Wagners Urenkelin Katharina genügt das allerdings nicht mehr. Wenn die Festspiele am 28. August zu Ende gehen und der Stiftungsrat wieder tagt, wird sie wahrscheinlich zusammen mit ihrer Halbschwester Eva Wagner-Pasquier die Leitung in Bayreuth übernehmen – und neue Wege in der Vermarktung der Festspiele einschlagen.
Die Richtung gibt sie schon jetzt vor. Zum ersten Mal in der Geschichte wird es am Sonntag eine Live-Übertragung aus dem Festspielhaus auf einen großen Festplatz in Bayreuth geben. Dort können mehrere Tausend Menschen die Meistersinger-Inszenierung miterleben, mit der sich Katharina Wagner im vergangenen Jahr auf dem Hügel für den Posten ihres Vaters empfehlen wollte.
Bayreuth konkurriert mit Fußball
Bayreuth tritt also in Konkurrenz zu Fußballgroßereignissen, will das Volk vor dem Großbildschirm zu Wagnerklängen einen. Smoking statt Trikot. Außerdem wird die Inszenierung erstmals zeitgleich ins Internet übertragen. Wer für 49 Euro eine der 10 000 Zugangsberechtigungen kauft, kann live ins Festspielhaus blicken. Acht Kameras übertragen von dort – natürlich unsichtbar fürs Publikum in den berüchtigten Holzstuhlreihen. Zumindest im Festspielhaus soll die Illusion der Exklusivität erhalten bleiben. Dafür dürfen die Fans via Internet in den Pausen hinter die Kulissen schauen. Bisher sei man mit dem Verkauf der Online-Tickets zufrieden, heißt es in Bayreuth, Zahlen gibt’s freilich nicht aus der Pressestelle am Hügel.
Mit dem Schritt in die Multimedia-Vermarktung tritt Bayreuth allerdings auch in Konkurrenz etwa zur New Yorker Met, die schon länger Opernabende in höchstauflösender Qualität in Kinosäle in der ganzen Welt überträgt. Damit wird Bayreuths Sendung an die Heimcomputer nicht mithalten können. Doch sind Public Viewing und Internet ja auch nur erste Schritte. Die DVD zum Abend will Katharina Wagner bald folgen lassen.
"Mein Vater ist ein Kämpfer"
Eröffnen wird sie die Festspiele am Freitag an der Seite ihres Vaters. Dem falle das Laufen zwar schwer, doch wolle er unbedingt zur Eröffnung kommen. „Er hat den Tod meiner Mutter inzwischen sehr gut verkraftet“, so Katharina Wagner. „Mein Vater ist ein Kämpfer. Er lebt für die Festspiele und will, dass sie weitergehen.“ Halbschwester Eva gibt sich dagegen wohl nicht die Ehre. Sie sei verplant, heißt es. Ein Signal, das weitere Spekulationen darüber nach sich ziehen wird, wie ernst die Doppelbewerbung der Schwestern zu nehmen ist.
Dafür hat sich in guter Bayreuther Tradition wieder viel Prominenz angesagt: Natürlich Wagnerianer-Kanzlerin Angela Merkel (CDU), die schon seit vielen Jahren treue Hügelbesucherin ist und auf deren Robe – so viel Frauengeflüster muss sein – nicht nur Klatschreporter gespannt sind. Ferner Wirtschaftsminister Michael Glos (CSU), Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) und FDP-Chef Guido Westerwelle. Aus der deutschen Schauspielerriege kommen unter anderem Sebastian Koch, Michaela May und Martina Gedeck. Und so wird zumindest vor der Eröffnung wohl alles sein wie immer.
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