| 10.20 Uhr

Warmherziges Generationenporträt

In "Ruth und Alex" sind Diane Keaton und Morgan Freeman ein Paar. Von Thomas Klingenmaier

Alex Carver hat im Treppenhaus ordentlich zu japsen. Waren das schon immer so viele Stufen bis zu seiner Wohnung? Ja, aber als Alex (Morgan Freeman) und seine Frau Ruth (Diane Keaton) ihr gemütliches Apartment im New Yorker Stadtteil Brooklyn bezogen haben, waren sie 40 Jahre jünger. Nun müssen sie in Richard Loncraines pfiffiger Wohlfühlkomödie "Ruth & Alex" überlegen, wie lange sie in einem wenig altersgerechten Haus ohne Lift noch klar kommen werden.

Aber "5 Flights Up", so der Originaltitel, schiebt den Vorsatz der noch immer Liebenden, ihr Heim zu verkaufen, nicht allein auf mürbe Knochen. Die Nachbarschaft hat sich verändert, sie gentrifiziert nun rapide. Die Läden werden schicker und teurer, die Menschen kälter und unfreundlicher, die Grundsteuer klettert nach oben. Zum Schwund an Vertrautem kommt eine andere Differenz: Alex und Ruth sitzen auf einer kostbar gewordenen Immobilie, haben aber nicht viel Geld zum Leben. Das wird deutlich, als der geliebte Hund der Kinderlosen eine Bandscheibenoperation braucht. Die beiden überlegen ernstlich, ob sie sich das leisten können oder ob die Einschläferungsspritze fällig ist.

"Ruth & Alex" ist ein behutsamer, warmherziger, gutgelaunter Film, den man nicht vorschnell verlogen nennen sollte. Mit der Krankheit des Tieres tippt er für alle verständlich an, ohne jemanden zu erschrecken, dass auch Alex und Ruth bald für ernste Altersbeschwerden hohe Arztrechnungen bekommen könnten. Dann wäre es besser, in einem billigeren Apartment zu leben und den Gewinn des Wohnungswechsels auf dem Konto zu haben. Ruths Nichte, eine Maklerin, hat schon alles organisiert: Die Invasion der Kaufinteressenten beginnt.

Ganz im Stil des alten Hollywood, das ernste Themen gern heiter und bekömmlich eingekleidet hat, inszeniert Loncraine ("Richard III.", "My One and Only") nun die Klassen- und Generationenkluft. Die Yuppies, die schneidig die Wohnung und verächtlich die Lebensspuren der Bewohner inspizieren, sind eine grandiose Folge feiner Karikaturen. Die Nebendarsteller sind so gut aufgelegt wie die Stars in den Hauptrollen. Dass Ruth und Alex dann bei der eigenen Wohnungssuche völlig vergessen, dass sie weniger ausgeben sollten, als sie für ihr altes Heim erlösen können, kann man als falschen Trost für eine verunsicherte Mittelklasse deuten: als sei der Abstiegsdruck dann doch noch nicht so stark. Aber die ulkige Sturheit des Paares kann man natürlich auch als Zuspruch deuten, nicht gleich einzuknicken: Wenn die Wirklichkeit beängstigend genug ist, dürfen Filme auch ein wenig Mut machen.

Quelle: RP
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