| 07.09 Uhr

Düsseldorf
Wenn daheim der Flüchtling klopft

Düsseldorf. Philipp Löhles "Wir sind keine Barbaren!" am Düsseldorfer Schauspielhaus Von Dorothee Krings

Gut gepolstert leben Barbara und Mario, Linda und Paul ihr deutsches Wohlstandsleben: fester Job, feste Partnerschaft, hübsche Wohnung - genau gleich geschnitten, man trinkt Prosecco auf gute Nachbarschaft. Und redet über Arbeit, Ernährung, Fitness, über das, was Menschen bewegt, für die Armut das Problem der anderen ist. Bis es klopft. Und ein triefender Mann ohne Papiere vor der Tür steht. Und rein will.

Eine schräg gestellte Sofalandschaft hat sich Mona Kraushaar für ihre Inszenierung von Philipp Löhles Gesellschaftsstück "Wir sind keine Barbaren!" am Düsseldorfer Schauspielhaus auf die Bühne bauen lassen. Alles schön abgefedert, sogar der Boden, wer fällt, tut sich nicht weh. Doch dann kommt dieser Eindringling, der Flüchtling, der Bobo heißt, vielleicht aber auch anders, genau versteht man ihn nicht. Dieser Fremde fordert die Paare heraus, denn das Elend der Welt will ab jetzt bei ihnen wohnen.

Löhle dekliniert nun mit großer Wonne durch, wie vier harmlose Westeuropäer reagieren, wenn ihre Empathie direkt gefordert ist, wie sie sich winden, abgrenzen, ihren latenten Rassismus hervorholen oder sich ins Elend verlieben und ihr Gutmenschentum zelebrieren. Barbara nimmt den Mann nämlich auf, plötzlich kann sie ihr kleines Leben überhöhen, ihr schlechtes Gewissen abarbeiten und sich den anderen überlegen fühlen.

Stefanie Rösner wirft sich mit schöner Gehässigkeit in diese Figur, kostet deren eklige Selbstgefälligkeit herzhaft aus. Jonas Gruber ist hübsch zerknirscht der angepasste Mario an ihrer Seite, der sich vor allem für seinen gigantomanischen Fernseher interessiert und seine Frau halt Menschen retten lässt. Bettina Kerl ist mit vollem Eifer die fitte Linda, die sich über den Kalkgehalt ihres Trinkwassers mehr Sorgen macht als über das Schicksal eines Illegalen und ihre Mitleidlosigkeit aggressiv verteidigt. Dirk Ossig gibt jovial den prolligen Paul, der schon mal einen Panikraum zimmert. Für demnächst, wenn die Afrikaner kommen.

Das ist alles bitter lustig und trifft die Zeit, denn längst herrscht ja auch in Deutschland dieses "Man wird ja wohl mal sagen dürfen"-Klima, die Wirklichkeit hat selbst die absurden Argumentationslinien des Stückes längst eingeholt. Löhle spiegelt also die Wirklichkeit, über diesen kabarettistischen Zugriff kommt sein Text allerdings nicht hinaus. Obwohl er noch eine zweite Ebene einzieht: ein "Heimatchor" tritt auf, Düsseldorfer Bürger verkünden - zum Wir verstärkt und bestens einstudiert - was den Deutschen so bedrängt. Auch das ist bitter komisch und entlarvend. Trotzdem bleibt der Abend letztlich harmlos, weil er nur karikiert, spiegelt, nicht nach Ursachen fragt. So lässt sich herzhaft über die Barbaren lachen. Es sind ja die anderen.

Quelle: RP
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