| 09.28 Uhr

Düsseldorf
Wenn der olle Beethoven zu jazzen beginnt

Düsseldorf. Die Chinesin Yuja Wang gab einen großartigen Klavierabend in der Düsseldorfer Tonhalle. Von Wolfram Goertz

Was hat die chinesische Pianistin Yuja Wang mit Madonna und Lady Gaga gemeinsam? Sie wechselt bei einem Soloauftritt mehrfach die Kleider. Bei Klassikkünstlern ist das ungewöhnlich, aber apart: Das Auge hört ja mit.

Was die Farbwahl ihrer stets luftleichten, langen, fließenden, superengen Kleider anlangt, so wurden wir zunächst von Rot für Brahms und Schumann und dann von Hellgrün für Beethoven verwöhnt. Soll uns das etwas sagen? Die 29-jährige Wang ist ein lebenspraktischer Typ, sie würde antworten: "Ich hab nach der Pause das Grüne genommen, weil ich da gerade Lust drauf hatte und es im Koffer ganz oben lag!"

Ihr Programm war nichts anderes als ein Visumantrag. Bislang hat sie uns vornehmlich das ganze virtuose Zeug (Tschaikowski, Chopin, Liszt, Rachmaninow) mit einer Brillanz und Instinktsicherheit um die Ohren gehauen, dass man eine junge Martha Argerich vor sich wähnte. Jetzt begehrt sie Einlass in die erhabene Welt der schweren, tiefgründigen Meisterwerke.

Dass sie gleich zu Beethovens "Hammerklaviersonate" greift, ist allerdings kein Frevel. Es macht Spaß zu erleben, wie sie wie eine Gemse durch dieses zerklüftete Gebirge der Klaviermusik springt; wie sie die Fuge mit ihren Läufen und masochistischen Trillern meistert; wie sie im Kopfsatz die Säulen des Majestätischen zu Säulen aus Quecksilber verflüssigt. Wang ist kein fernöstliches Tierchen, das unerlaubt in eine fremde Welt hoppelt - ihr Beethoven ist überlegt und überlegen, der langsame Satz eine Wucht: große Bögen, Linien, freier Atem über den Abgründen. Und dann noch eine fabelhafte Assoziation (beispielsweise in Takt 32): Da flattern die Linien in der rechten Hand so gelassen, dass Beethoven schier zu jazzen beginnt.

Neulich sagte jemand, Yuja Wang sei im besten Sinn eine Frau ohne Eigenschaften, eine Chinesin mit US-amerikanischer Denkungsart. Nun, am Klavier buhlt sie nicht mit Allüren, zeigt weder Zeichen eines effekthascherischen Personalstils noch das Bestreben, sich einen zuzulegen. Sie spielt einfach einfach, klar, sorgfältig, mit hochdifferenzierter Anschlagskultur - und man erlebt fasziniert, wie sich unter dieser Zurückhaltung Werke, wenn man sie nur solchermaßen pfleglich behandelt und wässert, wie Knospen von selbst öffnen.

Auch Brahms' frühe Balladen benötigen keinen Schweißbrenner, die Tresortür dieser Musik öffnet sich von Zauberhand, wenn Yuja Wang sie spielt, und gibt ihre ganze Fülle preis. In Schumanns "Kreisleriana" ist ein bisschen viel Pedal am Anschlag, so dass manche wispernde Nachtmusik etwas bettschwer wirkt. Trotzdem vereint Wang Schumanns Nervosität und Schumanns Poesie eindrucksvoll.

Großer Abend. Visum erteilt.

Quelle: RP
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