| 10.01 Uhr

Mönchengladbach
Wie ich beinahe gegen Garry Kasparow gewann

Mönchengladbach. Der Ex-Schachweltmeister spielte gestern in Mönchengladbach ein Simultan-Turnier gegen 16 Amateure. Unser Redakteur spielte mit. Von Wolfram Goertz

Einmal schaut er nicht aufs Brett, sondern an die Decke. In seinem Gedächtnis sucht er vermutlich nach einer ähnlichen Partie, die er in den 90er Jahren gegen seinen Erzrivalen Anatoli Karpow gewonnen hat. Und schwupps ist sein Zug von damals auf dem Brett von heute. Und in genau diesem Moment bin ich dem Untergang geweiht.

In Mönchengladbach ist der Ex-Schachweltmeister Garry Kasparow zu Gast. Gestern Abend hielt der Vielreisende einen Vortrag darüber, was Politiker von Schachspielern lernen können. Am Nachmittag spielte er ein Simultan-Turnier gegen 16 heimische Spieler von guter bis mittlerer Stärke; Damen sieht man nur auf den Brettern. Ich zähle zu den eher mittelmäßigen Amateuren in dieser schweigsamen Runde, die im Saal "Viktoria" der Kaiser-Friedrich-Halle ihrer Filettierung entgegensieht. Im Hintergrund starren knapp 100 Zuschauer auf die Leinwand, auf die jede Partie gebeamt wird, sie bangen und hoffen mit uns, wundern sich über unsere Patzer und bewundern den Großmeister. Die Frage schwebt im Raum, ob einer ein Remis schafft. Das aber ist unwahrscheinlich, denn Kasparow hat sich ausbedungen, dass Spieler mit einer ELO-Norm über 2000 (er hatte mal 2812) gar nicht erst antreten dürfen. Ha! Der Mann hat Muffen!

Kasparow erscheint in sommerlichen Farben mit Krawatte, Hemd und Unterhemd, vielleicht etwas warm für den schwülen Raum, er glaubt wohl, mit uns allen kurzen Prozess machen zu können. Damit er die Richtung jedes Spiels lenken kann, zieht er als Erster mit den weißen Figuren. Er ist sehr konzentriert, keine Höflichkeiten, kein Lächeln. Sein Blick ist finster, seine Augenbrauen wirken wie die Adjutanten einer Entschlossenheit, vor der schon andere kapituliert haben.

Gegen mich zieht er 1. e4. Damit keiner beim Nachbarn abguckt, hat er für jeden eine andere Offensive in petto. Er eilt von Brett zu Brett, schaut nur kurz auf die Stellung, zieht fix, dann geht er weiter. Für eine Runde braucht er drei, vier Minuten. Was für ein Tempo!

Anfangs schlage ich mich wacker, ich wähle die Steinitz-Variante der Spanischen Eröffnung, sie gilt als solide, doch etwas defensiv. Ich übertreibe indes die Defensivarbeit, igele mich ein und begreife schon bald: Das wird nicht gutgehen. Nach dem 11. Zug von Weiß zeichnet sich ab, dass meine Hasenfüßigkeit demnächst bestraft wird. Was soll ich tun? Gibt es Gegengifte? Soll ich auf Kasparows Damenflügel attackieren? Nun, dazu werde ich wohl nicht mehr kommen.

Ohnehin habe ich alles vergessen, was ich vorbereitet hatte. Ich grüble, martere mein Hirn, mein Blick wird glasig. Schon wieder eilt Kasparow heran, noch zwei Bretter ist er vor mir, ich hätte jetzt bitte 30 oder besser noch 60 Minuten Bedenkzeit, aber laut Regularien muss ich ziehen, sobald der Titan vor mir steht.

Andererseits würden diese Riesenportionen Bedenkzeit gar nichts bringen, denn nur sehr, sehr eingeschränkt vermag ich mehrere Züge im Voraus zu kalkulieren. Auch bei ganz normalen Alltagspartien übersehe ich etwas, am häufigsten die eigenen Verlustzüge. Irgendwann bietet Kasparow ein Opfer (19. Te7) an, das keines ist, sondern ein Gewinnzug, zu dem ich den Champion höflich eingeladen habe. Man spiele unsere Partie nach und betrachte meine vogelfreie e-Linie: Sie ist die Allee, auf welcher sich der Konvoi der Kasparow'schen Türme Zufahrt zu meiner zweiten Reihe verschafft. Um einer heimtückischen Springergabel zu entgehen, muss ich ein Opfer bringen, das mich jedoch nicht rettet, sondern nur noch tiefer ins Verderben reitet.

Am Ende stehe ich mit einem Offizier weniger in den Miesen, Kasparow verdoppelt die Türme auf der 7. Reihe - oh je, das wird finster. Dann eine Fata Morgana: Wenn es mir gelänge, einen Turm nach e8 zu bugsieren, hätte ich sogar die minimale Chance eines Matts mit Dame auf e1. Doch Garry Gnadenlos sieht alles, erkennt alles, weiß alles. Dann guckt er ein zweites Mal zur Decke, dann aufs Brett - und als er gezogen hat, weiß ich: Das Ende naht. Augenblicklich wird mir leicht zumute. Bald hat er auch die letzten Spieler, großartig zähe Kollegen, erledigt. In deren Haut wollte ich nicht stecken: Sie fühlten für undenkbar lange Minuten diese Augenbrauen über sich!

Selten hat einem Verlieren so viel Spaß gemacht.

Quelle: RP
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Mönchengladbach: Wie ich beinahe gegen Garry Kasparow gewann


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.