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Serie Luther und der Glaube (2)
Wie Luther mit dem Glauben rang

Serie Luther und der Glaube (2): Wie Luther mit dem Glauben rang
„Gesetz und Gnade“ heißt das um 1529 entstandene Bild Lucas Cranachs d. Ä. Zu sehen ist allerlei Allegorisches, aber vor allem Johannes der Täufer, der einen Sünder zum Gekreuzigten Heiland führt, damit er in den Genuss der Gnade des Herrn gelangt - symbolisiert durch den Blutstrahl aus dem Leib Christi. Die Ikonografie dieses Themas gehöre zu den folgenreichsten Bilderfindungen der Cranach-Werkstatt, schreibt die Kunsthistorikerin Susanne Wegmann, da es zum lutherischen Glaubensbild an sich avancierte. Das Motiv wurde als Titelblatt lutherischer Schriften und Bibeln weit verbreitet und später von Cranach d. J. fast originalgetreu kopiert FOTO: dpa
Er war ein Kämpfer, ein Polemiker, ein leidenschaftlicher Mensch, und er entwickelte sich vom Mönch aus Wittenberg zum Kirchenkritiker und Reformator. Martin Luther konnte hart in der Sache sein. Ohne Zweifel aber war er nicht. Von Jens Voss

In der wärmsten, lyrischsten, sanftesten Schrift Luthers gibt es eine zärtliche Passage, die vielleicht die zärtlichste überhaupt ist in seinem schriftstellerischen Schaffen: Luther geht in "Von der Freiheit eines Christenmenschen" auf die Frage ein, ob nicht gute Werke schlechthin überflüssig sind, wenn alles von der Gnade Christi abhängt. Oft hat der Reformator an einem solchen Punkt zu einer Schimpftirade ausgeholt; hier aber bleibt er sanft, still, nachdenklich, fast hört man ihn flüstern: "Nein, lieber Mensch", lautet die Antwort, "nicht so. Es wäre wohl so, wenn du durch und durch ein innerlicher Mensch und ganz geistlich geworden wärst, was aber bis an den jüngsten Tag nicht geschieht. Es ist und bleibt auf Erden nur ein Anfangen und Zunehmen, das in jener Welt vollendet wird."

Lieber Mensch. Eine solche Anrede war selten in dem von Kampf und Hass geprägten Jahrhundert der Reformation. Und doch ging es um ihn, den lieben Menschen, für den alles ein Anfangen und Zunehmen in einem endlichen Körper und einem brüchigen Geist ist. Unser Schicksal ist Vorläufigkeit; was tun, wenn wir dem Absoluten begegnen?

Das Getöse aus Polemik, Wut Kampf und mörderischer Rechthaberei, das aus dieser Epoche zu uns herüberschallt, verdeckt manchmal, wie groß die Verzagtheit der Menschen war. Auch Luther war wie viele seiner Zeitgenossen angstgeplagt, ja angstbesessen. Wie kriege ich einen gnädigen Gott, lautet seine berühmte Frage, die ein ganzes Zeitalter umgetrieben hat. Luther hat den Zwiespalt, als schwacher Mensch dem absoluten Gericht ausgesetzt zu sein, offenbar als existenzielle Krise durchlebt - psychisch und sogar physisch. Er berichtet, dass er "nimmermehr satt beichten" konnte, weil er fürchtete, eine Sünde zu vergessen. Er fühlte sich als "der elendste Mensch auf Erden, Tag und Nacht war da nichts als Heulen und Verzweifeln". Einmal soll Luther seinem Beichtvater Staupitz sechs Stunden am Stück gebeichtet haben; überliefert ist Staupitz' ratlose Bemerkung gegenüber dem Mönch: "Ich versteh euch nicht." Luthers innere Not hatte auch physische Konsequenzen wie Herzrasen und Schweißausbrüche.

Dieses Leiden war nicht die Neurose eines außerordentlichen Menschen, sondern hatte etwas Epochales. Angst vor dem richtenden Gott, Angst überhaupt vor dem Zugriff des Absoluten, Angst davor, dass etwas Schreckliches hinter der sichtbaren Welt liegt, war kollektiv. So wurde auch die Welt zum unheimlichen Ort.

Bester Beleg ist das für uns so befremdliche Ablasswesen. Sich freikaufen von den Qualen der Hölle: Dieses Geschäftsmodell konnte nur in einem Milieu hysterischer Besorgnis aufgehen. Das Ablasswesen kann auch als Zeichen einer geistigen Krise gesehen werden: Die Antworten der scholastischen Theologie zum Thema Heil und Gericht reichten nicht mehr aus. Die Menschen gierten nach Gewissheiten.

Dabei sollte man sich hüten, allzu rasch den Stab über dieser im Mittelalter fein ausgearbeiteten Theorie zu brechen. Die Scholastiker versuchten, die Natur des Menschen, seine Geschöpflichkeit, seine Freiheit, aber auch seine Unvollkommenheit mit der Vollkommenheit Gottes zusammenzudenken.

Der protestantische Kampfbegriff von der "Werkgerechtigkeit" wird diesem komplexen Modell nicht wirklich gerecht: Auch die Scholastiker waren nicht so naiv zu glauben, man könne sich Gottes Gnade verdienen; auch bei den Scholastikern war es am Ende die Gnade Gottes, die den Menschen freisprach. Doch blieb die "stufenweise aufeinander aufbauende Verbindung menschlichen Tuns und göttlicher Anerkenntnis" entscheidend, wie es der protestantische Kirchenhistoriker Thomas Kaufmann formuliert. Etwas davon hallt im Faust nach, wenn es dort heißt: "Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen." Dem strebenden Bemühen des Menschen kam die Gnade Gottes entgegen: Gnade aber war auch in der Scholastik sehr wohl ein freier Akt göttlicher Liebe.

Doch dieses Modell erwies sich als anfällig für Verflachung und Veräußerlichung, wie sich im Ablasswesen am unverschämtesten zeigte. Luther hat bekanntlich in seinen 95 Thesen Kritik an dieser Perversion kirchlicher Gnadentheologie geübt. "Er wollte", schreibt Kirchenhistoriker Kaufmann, "dem drohenden Glaubwürdigkeitsverlust der Kirche entgegentreten."

Luther traf damit einen Nerv; seine Thesen verbreiteten sich rasend schnell im deutschen Reich. Was dann geschah, beschreibt Kaufmann als eine Geschichte enttäuschter Liebe: Die Kirche, die dieser Mönch aus Wittenberg so sehr liebte, wies den treuen Sohn zurück und reagierte mit Drohungen. Luther reagierte seinerseits mit einer Radikalisierung seines Denkens.

Eine zentrale Rolle dabei spielte die Leipziger Disputation mit Johannes Eck. Die Oxford-Historikerin Lyndal Roper beschreibt in ihrer fabelhaften Luther-Biografie detailliert diese sich über drei Wochen hinziehende Begegnung. Eck galt demnach am Ende als Sieger, weil er Luther zu immer radikaleren Thesen verleitete. Ecks zentraler Schachzug: Er sprach weniger über das Für und Wider des Ablasses; er rückte vielmehr den Gehorsam gegenüber dem Papst ins Zentrum des Gesprächs. Luther trieb im Gegenzug seine Überlegungen Zug um Zug voran und stellte am Ende die Vorherrschaft Roms in Abrede. "Nach Leipzig", resümiert Roper, "gab es für Luther kein Zurück mehr."

Diese Zuspitzung war kein Unfall der Geschichte, kein Versehen, sondern in Luthers Theologie angelegt. Und in seiner Persönlichkeit. Er war ein Kämpfer, ein Polemiker, ein leidenschaftlicher Mensch, hart und mitunter hassend genug, in den Konflikt zu gehen - und brillant genug, um seinen Gedanken mit voller Wucht zu Ende zu denken. Und das tat er nach Leipzig: 1520 veröffentlichte er seine drei zentralen reformatorischen Schriften und wandelte sich vom Reformer zum Reformator: zu einem Mann, der eine andere Kirche als die bestehende wollte.

Die härteste Schrift, die schon im Titel eine Kriegserklärung ist, ist die "Von der babylonischen Gefangenschaft der Kirche". Den Ablass bezeichnet Luther jetzt als "Aberglauben" und "römische Tyrannei"; erstmals führt er das "Sola scriptura"-Prinzip wie ein Schwert: Von sieben Sakramenten kappt er vier; es bleiben Buße, Taufe, Abendmahl. In "An den christlichen Adel deutscher Nation" rief er zu kirchlichen Reformen durch die Fürsten auf.

Die schönste und friedvollste Schrift aber ist "Von der Freiheit eines Christenmenschen". Luther ohne Rüstung: keine Polemik, kein Kampf, kein Hass. Eine Meditation, die Glasklarheit mit Wärme mischt. Luther umkreist das Gefühl existenzieller Verzagtheit im Angesicht des Göttlichen. Wie kann der Mensch, dieses beschränkte, getriebene, in sich verkrümmte Wesen, vor dem Absoluten bestehen? Die Antwort ist so einfach wie erlösend: Nicht wir müssen bestehen - Gott lässt uns bestehen.

Dieser Gedanke steckt auch in der scholastischen Gnadenlehre, doch Luther denkt von ihm her alles ganz neu durch: Liturgie, Amt, Ethik, Heilsgeschichte. Gerade die Ethik zeigt die Neuwertung aller Werte: Gute Werke sind nicht mehr Bedingung für Gnade, sondern ihr Ausfluss: Der von Angst befreite Mensch ist frei, Gutes zu tun. Dieser Gedanke teilt das Schicksal vieler vertrauter Gedanken: Er wird unvertraut vor lauter Selbstverständlichkeit. Dabei ist der Effekt auch in nicht-religiösen Zusammenhängen plausibel: Angst essen Seele auf. Nur wer ohne Angst lebt, ist frei, sich anderen Menschen zuzuwenden.

Es war, als hätten die Menschen zu Luthers Zeiten auf diese Botschaft gewartet. "Sieh, das ist die rechte Freiheit, die das Herz frei macht", schreibt Luther etwa; und all die Menschen, die sich gerade noch von der Hölle freikaufen wollten, sahen sich jetzt allein vor einen liebenden Gott gestellt: Diese Unmittelbarkeit zum Absoluten hatte ihren Schrecken verloren.

Es gehört aus heutiger Sicht zu den Seltsamkeiten der Geschichte, dass diese freundliche Botschaft so viel Wut in der Auseinandersetzung auslöste. Im Kern hat Luther neu betont, was bis heute zum Kern christlichen Glaubens gehört: Lieber Mensch, hinter all dem Sichtbaren der Welt lauert kein Verhängnis, kein absolutes Gericht des Schöpfers über sein schwaches Geschöpf, sondern Trost und gnädige Zuwendung.

Quelle: RP
 
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