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Memoiren
Wie Moby zum Popstar wurde

Düsseldorf. Der Musiker ist ein Nachfahre von "Moby Dick"-Autor Herman Melville. Nun legt er seine Erinnerungen an die 90er Jahre in New York vor. Von Philipp Holstein

Moby kommt als arme Kirchenmaus nach New York, er ist 25 Jahre alt, und als er seinen ersten Job als DJ ergattert, kniet er nieder in seiner Wohnung, die keinen Strom und kein Wasser hat, und dankt Gott. Er legt nun also im "Mars" auf, es ist das Jahr 1990, und eines Abends betreten Run-D.M.C. den Club. Alle Gäste sind aus dem Häuschen, die HipHop-Band wird hingebungsvoll verehrt, und deren Rapper Darryl erklärt sich bereit, live zu performen. Moby soll eine Platte auflegen, Darryl will darauf improvisieren - Ritterschlag. Moby genießt den Moment, es ist so toll, er kann es nicht fassen, da vorne steht sein Held. Moby beginnt zu tanzen, und dabei stößt er gegen den Plattenspieler. Die Nadel kratzt mit einem fiesen Geräusch über die Rille, die Musik ist aus, Darryl schüttelt den Kopf und mag nicht mehr, die Menschen buhen. Und durch Mobys Kopf weht dieser Satz: "Ich habe das Christkind erschossen."

Der US-Musiker Richard Melville Hall, genannt Moby, hat sein Leben aufgeschrieben. "Porcelain" heißen seine Memoiren, und auch wenn er von seinem Ur-Ur-Großonkel, dem "Moby Dick"-Autor Herman Melville, möglicherweise die Herzenswärme, aber sicher nicht das schriftstellerische Talent geerbt hat, ist das eine heitere und erhellende Lektüre. Moby inszeniert sich als liebenswerten Schussel, der zufällig in den Erfolg stolpert. Die Erinnerungen beschreiben lediglich die 90er Jahre, jene Dekade also, an deren Ende Moby "Play" veröffentlicht, das Album, das ihn zum Superstar macht. 18 Millionen Mal verkauft sich die Platte, neun Lieder werden als Singles ausgekoppelt und alle Stücke für Kino, TV-Serien oder Werbespots lizensiert - das titelgebende "Porcelain" etwa für den Leonardo-DiCaprio-Film "The Beach".

Mit zehn Jahren hört Moby "Love Hangover" von Diana Ross, erzählt er im Prolog, damals lebt er bei seiner alleinerziehenden Mutter in Connecticut, den Vater haben sie an den Alkohol verloren, alles ist düster und deprimierend, aber beim Hören des Songs sei die Sonne aufgegangen. Das will er auch, wenn er erwachsen ist: den Menschen Freude machen mit Musik.

"Porcelain" ist ein Bildungsroman, außerdem eine Kulturgeschichte New Yorks in den frühen 90er Jahren, als die Stadt eher prekär als glamourös ist. Moby lebt von zehn Dollar die Woche, er rollt seine Plattenkisten auf einem Skateboard durch sein "schmutziges Mekka" und legt auch auf Hochzeiten und Geburtstagen auf. Irgendwann bietet ihm jemand einen Plattenvertrag an, Moby produziert den Titel "Go", und das Stück elektronischer Musik wird zum Hit in der internationalen Rave-Szene. Plötzlich ist Moby berühmt, tritt mit Phil Collins bei Sendungen wie "Top Of The Pops" auf und muss seine Unschuld als Veganer, Christ, Abstinenzler und Camus-lesender Melancholiker verteidigen. Das geht nicht lange gut. Am Morgen nachdem er erstmals angeschickert mit einem Groupie geschlafen hat, bittet er Gott um Verzeihung.

Moby wirkt wie der "Little Idiot", das liebenswerte Comic-Männchen aus dem Video zu seinem Song "Why Does My Heart Feel So Bad?". Herrlich sind die Beschreibungen der Gepflogenheiten in der Stadt. Das Plattenkaufen etwa: Die berühmten DJs kommen stets freitags in den Plattenladen, sie dürfen neben dem Besitzer stehen, der neue Maxi-Singles auflegt, "und wenn der DJ auch nur leise nickt, schreien alle Anwesenden nach der Scheibe, die eben den Segen erhalten hat".

Im Gegensatz zu vielen Musikerbiografien, die zuletzt erschienen sind, von Patti Smith oder Elvis Costello etwa, wird hier kein Heldenleben beschrieben, sondern endloses Staunen und gelegentliches Fehlen. Moby genießt es, Madonna und Miles Davis zu treffen, aber er bleibt stets Fan. Einmal macht ihn Trent Reznor von der Band Nine Inch Nails mit seinem größten Helden bekannt, mit David Bowie. Moby weiß nicht, was er sagen soll, also fragt er: "Wie fühlst du dich?" Darüber muss Bowie lachen, und weil Moby immer noch nichts Gescheites einfällt, fragt er: "Soll ich dir was zu trinken bringen?". Darauf Bowie: "Nein, ich trinke nicht. Aber du solltest gehen und die Party genießen."

Mitte der 90er Jahre merkt Moby, wie sich die Euphorie der Rave-Bewegung verflüchtigt. Die Musik wird düsterer, die Leute nehmen lieber Drogen statt zu tanzen. Er produziert ein Punkrock-Album, das "Animal Rights" heißt und fürchterlich floppt. Kollegen wie Prodigy, Chemical Brothers und Fatboy Slim verkaufen Millionen Platten, aber er spielt vor 50 Leuten. Nur einer mag die Platte: Guns N' Roses-Sänger Axl Rose ruft an und sagt, dass er nichts anderes mehr hören wolle.

Ende der 90er Jahre beginnt Moby mit den Aufnahmen zu "Play", jener Platte, die ihn zum Multimillionär macht und die Adele soeben als Haupteinfluss auf die Arbeit an ihrem aktuellen Album "25" genannt hat. Moby erzählt, wie er sich am Vorabend der Veröffentlichung sein eigenes Demotape im Auto anhört. Er wirkt zufrieden: "Ich schaltete die Kassette aus und fuhr durch die Stille." Dann endet das Buch.

Moby ist heute 50 Jahre alt. Er lebt inzwischen in Los Angeles, dort kaufte er das Anwesen "Wolf's Lair", das einst Marlon Brando gehörte. Er fand es aber zu groß, verkaufte es mit sechs Millionen Dollar Gewinn und wohnt nun in einem Drei-Zimmer-Apartment, von wo aus er seine veganen Restaurants verwaltet und die Rechte der Tiere verteidigt. Manchmal verschenkt er Musik im Internet. In einem Interview verriet Moby soeben, er schreibe bereits am zweiten Teil seiner Memoiren, der soll von der Zeit nach "Play" handeln. Es dürfte ein Buch über einen glücklichen Menschen werden.

Quelle: RP
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