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Wie Sarrazins Leser denken

Knapp 1,2 Millionen Exemplare hat Thilo Sarrazin von seiner Streitschrift "Deutschland schafft sich ab" verkauft. Eine Studie versucht nun herauszufinden, wer die Käufer sind und wie sie leben. Ergebnis: Überraschend viele Besitzer des Bandes sind Berufsanfänger.

So etwas wünscht man sich für viele Bücher oder Platten: eine Studie, die Aufschluss darüber gibt, wer sich das jeweilige Werk gekauft hat. Die Ergebnisse könnten Erkenntnisse liefern über die Interessengruppe, über eine Gemeinschaft also: Was treibt sie um? Wie fühlt sie? Was ist das Verbindende? Im Fall des größten deutschen Sachbuch-Bestsellers seit 1945 weiß man all das nun recht genau. Die Gesellschaft für Konsumforschung hat im Auftrag der "Süddeutschen Zeitung" 10 000 repräsentativ für die deutsche Bevölkerung ausgewählte Käufer des Buches "Deutschland schafft sich ab" von Thilo Sarrazin befragt. Sarrazins Ende August 2010 veröffentliche Streitschrift wird zurzeit in der 16. Auflage gedruckt, knapp 1,2 Millionen Mal wurde sie verkauft.

Die meisten Käufer des Bandes sind männlich, ergab die Umfrage, nämlich 62 Prozent. Rechnet man dazu, dass einige Frauen das Buch ausdrücklich für ihre Männer erwarben, ergibt sich, dass sieben von zehn Sarrazin-Lesern Männer sind. Die meisten sind zwar arriviert und verfügen über hohes Einkommen, doch häufig nehmen sich auch Berufsanfänger im Alter von 20 bis 29 Jahren den Sarrazin vor. Noch mehr Abnehmer findet der Autor indes in der "älteren Mittelschicht", die viel Zeitungen liest und den Fernseher für Nachrichten und Kabarettsendungen einschaltet.

Neben der Aufschlüsselung der reinen Zahlen, der kühlen Statistik also, versucht die Studie in die Lebenswelt der Leser vorzudringen, in deren Herzen. Und dabei ergibt sich tatsächlich ein flüchtiger Blick in die Wohnzimmer. So antworteten auffallend viele auf die Frage, ob beruflicher Erfolg in ihrem Leben an erster Stelle stehe, mit ja. Sarrazins Anhängerschaft lebt qualitätsbewusst, die eigenen vier Wände dienen als Rückzugsort und Schutzraum. Ihr ist Sicherheit – gerade auch im Finanziellen – wichtig; Traditionen werden geschätzt, das Ausschweifende liegt ihr fern.

Und: Eine Vielzahl der Käufer dieses aufregenden und offensiven Buches schätzt im Privatleben die Harmonie und das Einverständnis als das Wichtigste überhaupt.

(Rheinische Post)
 
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