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Straelen
Wie übersetzt man "schwarze Haut"?

Straelen. Jenny Erpenbeck hat einen Roman über afrikanische Flüchtlinge in Berlin geschrieben. Im Europäischen Übersetzer-Kollegium in Straelen traf sie jetzt auf Menschen, die ihn in andere Sprachen übertragen - und brisante Fragen stellten. Von Dorothee Krings

Sie hat Fotos mitgebracht, abgeheftet mit Briefen, Dokumenten, Stichwortlisten - oben schauen Büroklammern aus der Mappe hervor. "Damit sie die Menschen auch mal sehen, nach denen ich meine Romanfiguren geformt habe", sagt Jenny Erpenbeck und legt den Schnellhefter auf den Tisch. Doch erst soll es um den Text gehen. Neun Übersetzer aus Ländern wie Dänemark, Griechenland, der Türkei haben ihre Ausgaben von Erpenbecks Flüchtlings-Roman "Gehen, ging, gegangen" längst aufgeschlagen, die Laptops hochgefahren, Zettel voller Anmerkungen ausgebreitet. Nun geht es Seite für Seite durch den Roman. Die Übersetzer fragen kurz, präzise, man spürt, dass sie keine Zeit vergeuden wollen, dass dies kostbare Minuten für sie sind.

Drei Tage dürfen sie mit Jenny Erpenbeck verbringen. Dürfen die Autorin kennenlernen, ein Gefühl für deren Sprachempfinden entwickeln und Detailfragen mit ihr besprechen, die sich in Wörterbüchern nicht nachschlagen lassen. Und weil "Gehen, ging, gegangen" ein behutsames, reflektiertes, politisches Buch ist über einen pensionierten Professor in Berlin, der sich darauf einlässt, Flüchtlinge aus Afrika kennenzulernen - als Menschen mit Stärken und Schwächen, nicht als Fälle in einem integrationsmüden Land -, gibt es gleich brisante Fragen. Nach einem scheinbar simplen Wort: schwarz. Der Übersetzer aus Dänemark hat Passagen, in denen Erpenbecks Professor von Menschen mit schwarzer Haut spricht, mit "dunkelhäutig" übersetzt. "Sonst werden die Kritiker dich Rassistin nennen", sagt er zu Erpenbeck. Die Kollegin aus den USA nickt. "Ich finde schwarz ein gutes, kurzes Wort", sagt Erpenbeck, "es ist eindeutig, darum habe ich es bewusst verwendet." Die Übersetzer geben sich nicht gleich zufrieden, sprechen vom Empfinden in ihren Ländern und davon, dass der Roman bei falscher Wortwahl missverstanden wird. Doch Erpenbeck gibt nicht nach. Später erzählt sie, dass sie das Buch geschrieben habe, weil sie die Gleichgültigkeit gegenüber den Ertrinkenden im Mittelmeer schwer erträglich findet. "Viele wollen keine Flüchtlinge in Deutschland, aber sie sollen abgelehnt werden, ohne dass es jemand merkt", sagt Erpenbeck. Darum habe sie diesen Menschen in einem literarischen Text gleichberechtigt begegnen wollen. Und darum will sie keine politisch korrekten Begriffe in den Übersetzungen, sondern klare Wörter: schwarz auf weiß.

Im Atrium des Übersetzer-Kollegs ist man inzwischen bei unverfänglicheren Fragen: Ob man ein Zimmer tatsächlich "ausweiden" könne, will die italienische Übersetzerin wissen. Erpenbeck nickt. "Ein Arbeitszimmer ist ja ein Organismus", erklärt sie, "wenn man es leerräumt, ist es tot wie ein ausgenommener Fisch." Sie habe zunächst ein Wort wie "ausmisten" verwendet, erzählt die Kollegin aus den Niederlanden, doch das sei ihr dann auch zu belanglos erschienen. Nächste Seite. Nun geht es um Erpenbecks Vorliebe fürs Kursive.

Die Autorin antwortet bestimmt auf alle Fragen, weiß sofort, warum sie welches Wort wählte und in welchem Kontext es steht. Manchmal wirkt sie berührt von der Sorgfalt der Menschen, die ihr da an diesem einzigartigen Ort am Niederrhein gegenübersitzen. Wissen wollen, wie groß der See ist, den sie in ihrem Roman beschreibt oder ob eine Straße zum Steg führt oder nur ein Trampelpfad. Übersetzer sind detailversessen, das wird deutlich an diesem Morgen. Und dass ihre Kunst vor allem in Einfühlung besteht. Sie müssen nicht nur die rechten Wörter finden, sondern den Ton eines Texts treffen. Das, was sich nicht nachschlagen lässt.

Für viele ist das eine Aufgabe, mit der sie einsam daheim am Schreibtisch ringen. In Straelen können sie konzentriert an großen Werken arbeiten, sich mit Kollegen austauschen - und manchmal auch mit den Autoren. Für die ist das meist auch ein Erlebnis: "Übersetzer sind mir die nahesten Leser", sagt Jenny Erpenbeck in einer Pause, "sie beschäftigen sich ja Wort für Wort mit meinen Texten, sie verstehen am besten, was ich da gemacht habe."

Quelle: RP
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