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Köln
Willy Fleckhaus - der radikale Minimalist

Köln. Die Schau "Design, Revolte, Regenbogen" in Köln zeigt die Werke von Deutschlands erstem Art Director. Von Jessica Balleer

Am Treppenaufgang des Museums für angewandte Kunst steht ein Zitat von Willy Fleckhaus: "Wichtig scheint mir zu sein, dass man nicht etwas macht, was jetzt so zack da ist, ich möchte immer Dinge machen, die laufen, lange Jahre". Die Ausstellung "Willy Fleckhaus - Design, Revolte, Regenbogen" widmet sich dem Grafiker, der 1983 starb, und sie ist diesem Zitat folgend aufgebaut. Wie eine Chronik ist sie zu verstehen. Und obwohl dort selbstverständlich Museumsruhe herrscht, allenfalls Gemurmel und Schritte zu hören sind, steht der Besucher doch nicht bloß in einem Ausstellungsraum. Im ersten Teil der Schau hängen Magazincover. Sie schreien förmlich von den Wänden.

1925 in Velbert geboren, begann Willy Fleckhaus nach Kriegsende als schreibender Journalist. Für die Zeitschriften "Der Fährmann" und "Der Anwärter" schrieb er Artikel gegen den Krieg und flammende Plädoyers für die Kunst. Doch das Gestalten lag ihm besser: Alles beginnt mittendrin, im lauten, provokativen und aufmüpfigen Jugendprotest der 60er Jahre. "Das Kleine war ihm zuwider", sagte Werbelegende Vilim Vasata einst in einem Nachruf auf den 1983 überraschend verstorbenen Gestalter. "Fleckhaus war Deutschland ein gewaltiger Blasebalg, er hat so lange in den provinziellen Mief hineingeblasen, bis die Elemente aufgeflogen waren." Vasata meinte damit auch Fleckhaus' Arbeit für die Jugendzeitschrift "twen", die ab 1959 Aufsehen erregte. Manche Originale sind im Museum: "Abtreibung", "Sechs Mädchen über Sex" oder "Der Kölner Karneval ist doof" steht auf den Titelseiten. Ein Theoretiker war Willy Fleckhaus nie, das sieht man sofort, wenn man diese erste Ausstellung begeht, die sein Lebenswerk zeigt. Er empfand den Lesestoff als dreidimensionales Objekt, hat ihm Emotion und Sinnlichkeit verliehen.

Der Aspekt "Fleckhaus als Gestalter von Büchern und Buchreihen" nimmt daher viel Raum ein. Fleckhaus gilt als erster Art Director Deutschlands. Er importierte die Architektur der Doppelseite, große Optiken und extreme Fotoschnitte aus Amerika in deutsche Tageszeitungen und Magazine. Sein meistbeachtetes Werk ist wohl die "edition suhrkamp". Seit Mai 1963 erscheinen in ihr jährlich 48 Erstausgaben. Plötzlich stand da nicht mehr nur eine staubige Buchreihe. Fleckhaus brachte einen Regenbogen in die Schrankwände des deutschen Bildungsbürgertums. Er nahm das Farbspektrum des Lichts und verlieh schwerer Kost von Theodor W. Adorno oder Bertolt Brecht optische Leichtigkeit. International gefeiert, wurde Fleckhaus als "Der teuerste Bleistift Deutschlands" bezeichnet.

1974 zog es ihn für eine Professur an die Universität in Essen. Später wechselte er an die Bergische Universität Wuppertal. Doch seine Studenten profitierten immer davon, dass Fleckhaus ein Macher war. "Theorie hin oder her", befand er, er wollte Ideen visualisieren.

Fast am Ende der Ausstellung liegt in einer Vitrine ein Notizbuch aus. Bloß vier Worte stehen da, mit neongrünem Buntstift und in Versalien geschrieben. Natürlich hat der Art Director seine Maxime als Schlagzeile formuliert: "Nur nicht alt sterben", steht da. Dieses Notizbuch allein ist ein Symbol für die gesamte Konzeption der Ausstellung von Kurator Hans-Michael Koetzle: Sie ist klein, aber eindrücklich. Wie die Kunst von Willy Fleckhaus - diesem radikalen Minimalisten.

Quelle: RP
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