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Düsseldorf
Fanatiker der Wirklichkeit

Wim Wenders setzt analoge Bilder gegen die virtuelle Übermacht
FOTO: Wim Wenders / Courtesy Blain / Southern
Düsseldorf. Wim Wenders' Photographien sind im Düsseldorfer Museum Kunstpalast zu sehen. Er setzt analoge Bilder gegen die virtuelle Übermacht. Von Annette Bosetti

Leise und unauffällig bewegt er sich durch die Bilder seiner Ausstellung. Wie ein Flaneur streift der berühmte Mann mit grau-gewelltem Haar und Rucksack auf dem Rücken durch die Räume des Museum Kunstpalast. Er trägt Anorak, weiche Turnschuhe und weite Hosen. Gleich ist Pressekonferenz, mehr als 100 Blitzlichter werden rattern, und der Museumsdirektor wird um Ruhe bitten müssen, damit die Worte nicht untergehen.

Wim Wenders (69) zieht seine Runden, so als wollte er sich noch einmal vergewissern. Nicht das Perfekte der rund 80 Arbeiten steht infrage, vielmehr will Wenders mit jedem seiner Bilder einen Beweis antreten: "Alles, was Sie sehen, gibt es so. Ich habe es gesehen, es ist also wahr." Als weiteren Beweis führt er den "pH-Wert" an, er schreibt Photographie mit "ph". Dahinter versteckt sich ein Postulat. Eine Klage gegen die virtuelle Übermacht, der wir zunehmend unterliegen und die sich digital vollzieht. Gegen Bilder, die bearbeitet, geschnitten, montiert von vermeintlichen Wirklichkeiten berichten und einer Überprüfung nicht standhalten. Die Diagnose lautet: Vertrauensverlust. "Wir sind umgeben von Möchtegern-Wirklichkeiten", schreibt Wenders im Katalog, "den meisten Menschen scheint das nichts auszumachen. Mich bringt es um den Verstand!" Er entschuldigt sich für seinen Fanatismus, mit dem er das Einmalige, Wahrhaftige und Unwiederholbare seines photographischen Augenblicks verteidigt.

Er glaube fest an die Kraft der Photographie, so wie sie früher einmal war und die Menschen das Staunen lehrte, weil sie Situationen, Menschen und Dinge tatsächlich zum Bild festfrieren konnte. Jedes Photo ist eine Zeitkapsel. Ort und Zeit und Blick und Empfindung fallen in dem Moment zusammen, wenn Wenders auslöst. Zwei Kameras benutzt er, eine für die auseinanderfließenden Panoramen, die andere für das kompaktere quadratische Format. Beide Kameras ermöglichen enorme Vergrößerung, ohne dass das Korn die Bildfläche porös werden lässt. Der Entwicklungsprozess ist unmanipuliert.

Einmal aber wurde Wenders fremdgesteuert. Unterwegs im japanischen Schreckensort Fukushima hatte er Bilder gemacht und musste entstellte, zerstörte Abzüge zur Kenntnis nehmen: Dunkle Phota-graphien, auf die sich helle Streifen in Regenbogenform gesetzt hatten. So ganz eigenmächtig war es nicht, wie sich herausstellte. Die Radioaktivität am verstrahlten Ort hatte Unsichtbares sichtbar gemacht.

Mehr als 40 Jahre photographiert der vor allem als Filmemacher gefeierte Wenders. Seine Filme sind unvergleichlich, internationale Preise bezeugen das. Als Grenzgänger zwischen der bewegten und der statischen Welt, zwischen den schnellen Cuts und den innehaltenden Abzügen profiliert er sich in beiden Genres als zutiefst humanistischer Künstler. In den Photographien, die in seiner Heimatstadt Düsseldorf ausgestellt sind, schwingt das mit: Respekt vor dem Kosmos und der Natur, Anteilnahme an den Dingen des Lebens, an guten mehr als an schlechten Situationen. Große Bühnen, unbegrenzte Räume, weite Dimensionen hat er der Welt verliehen. Wenders ist ein Globetrotter. 400 000 gefahrene Kilometer gibt er an, demnach dürfte er zehn Mal bisher schon um die Welt gereist sein, hat ferne Kontinente besucht, auf den Moment gewartet, dass ein Ort für ihn zum Schau-Platz wird im besten Sinne des Wortes. Er schaut mehrmals hin, bevor er sein Bild plant, lässt sich Zeit und von niemandem führen oder beeinflussen. Allein sein siebter Sinn, gespeist aus Intuition und Empathie, steuert ihn. Schauen soll auch der Betrachter, Anteil nehmen, sich einfühlen und eintauchen. Wenders' "Photographie umhöhlt den Blick". Das sagt der Kunsthistoriker Hubertus von Amelunxen.

Meist sind die Bilder menschenleer, ein See in Galiläa, betäubend schön im Morgenlicht. Die Rocky Montains an einem Sommertag, "die Heuballen sehen aus wie Figuren auf einem riesigen Brettspiel", steht in der Bildlegende. Die andere japanische Serie erscheint so unwirklich, dass man an Wenders' Wirklichkeitsgelübde zweifelt. Wie hat er den toten Baum in Onomichi illuminieren können? Dieses Photo sieht fast aus wie ein Gemälde von Caspar David Friedrich.

Ob Kuba oder USA, Palermo oder Wuppertal - Wenders ist fündig geworden, geheimnisvolle Orte verführten ihn zu einem Augen-Blick. Dokumentarist und Chronist ist er mehr als seine künstlerischen Vorbilder Gursky, Sander und Meyerowitz. "Jedes Bild erzählt eine Geschichte ... manchmal erzählt erst der Gegenschuss die ganze Wahrheit." In Armenien hat er das mit politischem Subtext dokumentiert. Politisch auch die Aufnahmen von Ground Zero - seine Bildlegenden ein Appell für Frieden. Das Licht wirft apokalyptische Schatten. Photographie heißt Malen mit Licht - das ist Wenders' Geheimnis.

Quelle: RP
 
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