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Berlin
Der preußische Ikarus wird 80

Berlin. Das Leben des Sängers und Balladendichters Wolf Biermann erzählt auch die Geschichte der beiden Deutschlands. Von Lothar Schröder

Dieses Foto erzählt viel von ihm. Mit dem kindlichen Freudentanz, naiv und besoffen vor Glück. Wie Wolf Biermann da mit seiner Gitarre über die Bühne der natürlich ausverkauften Kölner Sporthalle jubelnd taumelt. Und weil er in der DDR so viele Jahre schon mit Auftrittsverbot belegt war, will er jetzt kein Ende finden: viereinhalb Stunden dauert sein Konzert, in dem er sich die Freiheit aus dem Leib singt, seine Liebe und sein Leid und seinen Glauben an die gerechte, immer noch sozialistische Welt.

Was Biermann in diesem großen Augenblick nicht weiß und auch nicht ahnt: dass er nicht mehr in die DDR zurückfahren darf und die Sozialistische Einheitspartei Deutschlands (SED) schon vor Antritt seiner Reise beschlossen hatte, den lästigen und provokanten Biermann mit der Tournee nach Köln und Bochum zu entsorgen. Nur einen Tag nach dem Auftaktkonzert wird das ostdeutsche Regime tätig und ihm "den weiteren Aufenthalt in der Deutschen Demokratischen Republik entziehen". Damit ist Biermann im November 1976 ausgebürgert.

Ein weiteres Unglückskapitel im Leben eines Mannes, der heute vor 80 Jahren als Sohn stramm kommunistischer Eltern in Hamburg zur Welt kam. 1939 wird der Vater von den Nazis verhaftet, wegen Vorbereitung zum Hochverrat. Und als der vor der Gestapo steht und ein Beamter die Personalien so runterleiert, wünscht der Hafenarbeiter Dagobert Biermann eine Änderung. "Religion: keine", steht da. Aus purem Trotz besteht der Angeklagte aber darauf, dass er Jude ist. Das ist das Todesurteil von Wolf Biermanns Vater.

Auch das stärkt Wolf Biermanns Glauben an den kommunistischen Sieg. Und anfangs mag sogar die DDR dieses schnauzbärtige Großmaul. Schickt ihn 1965 zum Ostermarsch in den Westen, weil Biermann so schön für Abrüstung eintritt. Ein intellektueller Friedensfreund aus der DDR - was konnte es Besseres geben? Bis sein Freund Wolfgang Neuss auf den Gedanken kommt, eine unbekannte Ballade Biermanns zu publizieren. Große Literatur, die sich nicht nur im Titel zu seinem unerreichten Vorgänger Heinrich Heine bekennt. Freche, grandiose, virtuose und unbekümmerte Verse, die die DDR, sein Vaterland, so bedichten: "So gründlich haben sie geschrubbt / Mit Stalins hartem Besen / Dass rot verschrammt der Hintern ist / Der vorher braun gewesen".

Der Friedensengel wird zum Feind. Und so findet die Geduld der Machthaber für diesen Biermann ihr jähes Ende. Auftritte werden ihm nicht mehr gestattet. 30 Jahre ist der Sänger und Dichter erst alt und bereits an ein Ende gekommen - das er natürlich auch besingt.

Und so liegt die Befürchtung durchaus nahe, dass die 1976 überraschend genehmigte Westreise böse Folgen haben könnte. Doch glaubt er immer noch, sich hinreichend gewappnet zu haben. Mit seinem Freund, dem Regimekritiker Robert Havemann, bespricht er das Konzertprogramm. Also höchstens Lieder wie "Die hab' ich satt!"; aber auf keinen Fall das Schlimmste vom Schlimmen, die "Stasi-Ballade" etwa. Vor allem aber: keine Interviews! Was also kann da schon passieren?

Wie Biermann und seine Freunde den DDR-Staat unterschätzen, so unterschätzt das Regime die Folgen der Ausbürgerung. Eine große Solidarität mach sich breit unter den Intellektuellen Europas. Joan Baez und Louis Aragon protestieren gegen die Ausbürgerung; auch Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre. Weit schlimmer ist, dass auch die Kunstschaffenden der DDR reagieren und eine Petition unterzeichnen. Viele von ihnen werden bald darauf der DDR den Rücken kehren. Wie Jurek Becker, Sarah Kirsch und Günter Kunert, etwas später Manfred Krug und Amin Müller-Stahl.

Das ist nicht der Anfang vom Ende der DDR. Die wird es noch weitere 13 Jahre gaben. Aber mit der Ausbürgerung Wolf Biermanns beginnt der Exodus der Intellektuellen und Künstler. Und die, die trotz allem bleiben, wie beispielsweise Christa Wolf, begeben sich im Arbeiter- und Bauernstaat in eine Art innere Emigration.

Das alles hat nicht nur mit der Person Biermann zu tun, sondern auch mit der Kraft seiner Balladen. Es passiert schrecklich leicht, die Poesie seiner Lieder in all dem deutsch-deutschen Getöse zu unterschätzen. Dass er neben vielen anderen Ehrungen auch jene im Namen Heinrich Heines entgegennehmen konnte, passt zu ihm nicht schlecht. Fehlt dem letzten großen Balladendichter unserer Zeit eigentlich nur noch der Lorbeer Schillers. Ein bisschen klüger, besser: gewitzter ist Biermann in all den Jahren auch geworden. "Die schlechteste Demokratie ist unendlich viel besser als die beste Diktatur", schreibt er in seiner mächtig lesenswerten Autobiografie.

Doch solche Weisheiten liegen ihm nicht. Viel lieber weint und jauchzt er, flucht wie ein Bierkutscher und bettelt wie ein Kind, er ist ein Melancholiker und Großmaul, steckt voller Selbstzweifel und ist maßlos selbstgewiss. Auch darum sieht er sich viel lieber als "preußischen Ikarus", jene Wappenfigur an der Weidendammerbrücke in Berlin, der er eine Ballade widmete: "Dann bin ich der preußische Ikarus / mit grauen Flügeln aus Eisenguss / dann tun mir die Arme so weh / Dann flieg ich hoch - dann stürz ich ab / mach bisschen Wind - dann mach ich schlapp / am Geländer über der Spree."

Quelle: RP
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