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"Gemetzel" in Worms
Nibelungenlied als Heavy-Metal-Musical

"Gemetzel" – Bilder von den Nibelungen-Spielen in Worms 2015
"Gemetzel" – Bilder von den Nibelungen-Spielen in Worms 2015 FOTO: dpa, ua htf cul
Worms. Nico Hofmann produziert sonst Fernseh-Mehrteiler wie "Die Flucht" und "Unsere Mütter, unsere Väter". Nun macht er Theater. In Worms hat er die Intendanz der Nibelungenfestspiele übernommen und lässt dort großes Kino auffahren. Von Dorothee Krings

Unter einem Baum steht Berlins ehemaliger Bürgermeister Klaus Wowereit, marineblauer Anzug, das Hemd aufgeknöpft, und blickt leise lächelnd auf die Menschen im Park. Man hat sich fein gemacht. Viele Frauen tragen Cocktailkleider und Schuhe, die für Rasen nicht gemacht sind. Auf einer kleinen Bühne rackern zwei junge Männer auf ihren Celli: Nirwana-Songs zum Sekt.

Draußen am Roten Teppich stehen ein paar Schaulustige mit Einkaufstüten. Kanzleramtschef Peter Altmaier wird gleich ankommen, die rheinland-pfälzische CDU-Vorsitzende Julia Klöckner und der frühere Hessische Ministerpräsident Roland Koch. Und irgendwann Ex-Boxer Henry Maske, der den Reportern am Teppich erzählt, dass er ein bisschen Angst hat vor dem langen Theaterabend, weil die Geschichte der Nibelungen so kompliziert sei. Und Roberto Blanco im roten Hemd und Max Schautzer im weißen Anzug. Und dann erklingen schon die Fanfaren. 1300 Menschen strömen auf die Tribünen vor dem Wormser Dom.

Meterhohe Ungetüme aus Brettern

Dort sind zwei Kampfwagen vorgefahren, meterhohe Ungetüme aus Brettern - in Elefantenform der eine, mit Totenschädel der andere. Sie sehen aus wie Klettertürme auf einem gruseligen Abenteuerspielplatz, als hätten Kinder sie gezimmert. Es wird an diesem Abend auch um die Ideen eines Jungen gehen, um Ortlieb, den Sohn der Kriemhild, der ein Held werden will, so sagenhaft wie Siegfried. Das Kind wird den Erwachsenen Fragen stellen nach Liebe und Tapferkeit, nach Lüge und Verrat. Es wird von ihnen wissen wollen, wie man ein gutes Leben führt, und wird nur lernen, wie man stirbt. Denn es wird ein Gemetzel geben zwischen den Hunnen und den Nibelungen, zwischen Ortliebs Sippe und dem Clan, zu dem seine Mutter einst gehörte. Bis der Ritter Hagen Kriemhilds Mann Siegfried erschlug. Und die Gewalt ihren Anfang nahm.

"Gemetzel" heißt das Stück an diesem Abend, und in der Tat kann man die große mittelalterliche Sage der Deutschen, das Nibelungenlied, als großes Abschlachten begreifen. Doch Autor Albert Ostermaier hat keine Gewaltorgie verfasst. Er schlüpft in die Randfigur eines Kindes, das im Machtspiel der Erwachsenen geopfert wird, um den Stoff naiv zu befragen. Das ist ein effektvoller Zugriff, denn die Arglosigkeit des Kindes lässt die Brutalität der Erwachsenen nur noch härter zu Tage treten.

Worms - Auf zu den Nibelungen FOTO: hefried

Außerdem kann man einem Kind viel erzählen. Und so wird der Nibelungenstoff an diesem Abend viele Deutungen erfahren, er wird Rittermärchen sein, Psychostudie, Antikriegs-Epos und ein böser Traum. Und wenn man den Stoff gut kennt, ist das alles spannend. Aber leider auch verwirrend. Denn Ostermaier ist zwar ein kluger Kopf und Poet genug, um das Nibelungenlied neu zu dichten, aber er hat sich nicht entschieden, was er in Worms eigentlich sagen will. Und so gibt es ein kopflastiges Spiel mit vielen Deutungsmustern. Aber keine Idee, für die der Abend stünde.

Man kann dem Fernsehproduzenten Nico Hofmann also nicht vorwerfen, er habe es sich leicht gemacht mit dem ersten Stück für seine Intendanz der Festspiele in Worms. Er hat auch Schauspieler engagiert, die auf der großen Freilichtbühne überzeugen. Alina Levshin etwa, das Skinhead-Mädchen aus dem Kinofilm "Kriegerin", spielt den Jungen Ortlieb und es gelingt ihr, Kind zu sein, impulsiv, neugierig, unverbildet, aber nie nur naiv. Die Theaterschauspieler Maik Solbach als Narr, Judith Rosmair und Catrin Striebeck als Kriemhild und Brünhild sind dabei und liefern sich in luftiger Höhe auf einer Brücke zwischen den Kampfwagen packende Psychoduelle. Markus Boysen spielt mit als Etzel, Max Urlacher als Hagen, Heiko Pinkowski als Dietrich - alles Darsteller, deren Gesichter man aus dem Kino und Fernsehen kennt und die auch die großen Gesten auf einer Open-Air-Bühne beherrschen.

Und doch zündet diese Inszenierung nicht, weil sie so bieder daherkommt. Im Rumpf der Kampftürme stehen Musiker, die den Abend mit Saxophon und E-Gitarre begleiten. Sie spielen weich gespülten Heavy Metal, nett wie für ein Musical. Immer, wenn Ortlieb die Geschichte seiner Ahnen erzählt wird, treten Tänzer auf, die das Geschehen ohne Worte, leider auch ohne Mehrgewinn, darstellen. Die Kostüme sind kitschiger Fantasy-Mittelalter-Verschnitt. Dazu gibt es auch mal Akrobatik am Seil, doch diese Einlagen, der Unterhaltung geschuldet, dehnen den Abend nur.

Eine anspruchsvoll gedachte Etüde

"Gemetzel" ist kein Open-Air-Spektakel, sondern eine anspruchsvoll gedachte, zerfasert geratene Etüde über den Nibelungenstoff. Und Regisseur Thomas Schadt, der bisher vor allem Filme gedreht hat, bebildert meist nur brav. Oder er leistet sich abgegriffene Provokationen, schickt Brünhild als islamistische Selbstmordattentäterin mit glänzendem Sprengstoffgürtel auf die Bühne, ohne Zusammenhang, als sei das nicht längst nur noch Polittheater-Folklore.

Nico Hofmann hat in Worms den Versuch unternommen, auf einer Freilichtbühne gefälliges Theater mit Anspruch zu servieren. Dafür gab es zurückhaltenden Applaus. Und dann stehen die Menschen wieder im Park. Fackeln brennen. Auf der kleinen Bühne hat eine Band übernommen. Roland Koch sitzt jetzt an einem Biertisch und bröselt eine Brezel. Eine Frau zieht die Pumps aus, steht barfuß im Gras. Gläser klirren, in einem Zelt werden Wachteln serviert. Und es wird Nacht in Worms.

Hier geht es zu den Bildern des Stücks.

Quelle: RP
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