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Xanten
Xanten streitet um Nazi-Raubkunst

Xanten. Der Dombauverein besitzt ein Gemälde, das die Gestapo den jüdischen Besitzern entzog. Wer ist der rechtmäßige Eigentümer? Von Jessica Balleer

Mehr als drei Jahrzehnte lang schmückte das Gemälde "Platzbild" die Geschäftsstelle des Xantener Dombauvereins. Seit einigen Monaten nun liegt es im Tresor in der Dombauhütte. Und jedes Mal, wenn Hans-Wilhelm Barking davorsteht, dann überkommt den Vereinsvorsitzenden ein unangenehmes Gefühl. Das Bild liegt hinter verschlossenen Türen, weil es sich als Objekt der NS-Raubkunst entpuppt hat.

Das Ölgemälde hat in der niederrheinischen Stadt einen Skandal ausgelöst. Die Geschichte des Gemäldes "Platzbild" beginnt im 17. Jahrhundert. In der Schule des niederländischen Künstlers Jan van der Heyden (1637 bis 1712) wurde es geschaffen. Darauf zu sehen sind der Xantener Dom und die Marktstraße im Stadtkern. 1941 wurde das Gemälde - damals im Besitz der jüdischen Familie Gottlieb und Mathilde Kraus aus Wien - durch die Geheime Staatspolizei des NS-Regimes entzogen.

Der Fall ist nur einer von vielen, die für den Jahrhundertraub durch die Nationalsozialisten stehen. Experten schätzen, dass zwischen 1933 und 1945 etwa 600.000 Kunstwerke entwendet wurden. Ab 1943 sollten sich die "Monument Men" der Aufklärung annehmen. Die US-Spezialeinheit aus Kunsthistorikern und Kuratoren spürte von Nazis geraubte Kunst auf und konfiszierte sie. Das Ziel: die ursprünglichen Besitzer zu finden und ihnen die Werke zurückzugeben. Anschließend überließen sie den Deutschen diese Aufgabe - die fortan mäßigen Erfolg damit hatten. Bis weit nach dem Zweiten Weltkrieg haben die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen nach Berichten der "Süddeutschen Zeitung" mit NS-Raubkunst gehandelt. Heute geht die Forschung der Herkunft von Kunstwerken nach, die vor 1933 entstanden sind und nach Kriegsende gehandelt wurden. Mehr als zehn Millionen Euro hat die Bundesregierung in den vergangenen Jahren investiert, um verfolgungsbedingt entzogenes Kulturgut - insbesondere aus jüdischem Eigentum - an die rechtmäßigen Eigentümer zurückzugeben.

Jan van der Heydens "Platzbild" wechselte über das Kölner Auktionshaus Lempertz den Besitzer. Der Kunstexperte Wolfgang Arntz hatte es damals verkauft, bestätigt Professor Henrik Hanstein, Leiter des Auktionshauses. Und dort hatte es der Xantener Dombauverein im Jahre 1963 für 16.100 DM ersteigert. Wer genau geboten hat, darauf weiß weder der Dombauvereinsvorsitzende Barking eine Antwort, noch kann oder will Lempertz Auskunft geben. Auch das eint die vielen Fälle: die Herkunft zu klären, gelingt in seltenen Fällen.

Cornelius Gurlitt ist der wohl bekannteste und zugleich ernüchterndste Fall. Der Düsseldorfer Erbe finanzierte seinen Lebensunterhalt mit dem Verkauf der Gemälde seines Vaters Hildebrand Gurlitt (1895-1956) bis zu seinem Tod 2014. Weltweit ist mit Raubkunst nach Kriegsende weiter gehandelt worden. Die Nazis aber handelten auch aus ideologischen Gründen und wollten oft die in ihren Augen "entartete Kunst" auslöschen.

Der Xantener Fall hat jetzt, gut 50 Jahre später, eine neue Brisanz bekommen: Die vermeintlichen Erben haben sich gemeldet. Sie haben die Commission for Looted Art in Europe (CLAE) angeschrieben, eine NGO aus London, die die Restitution von Raubkunst vorantreibt. Die Erben wollen "ihr" Bild zurück. Per Post kam der "Claim", in dem Kraus' Urenkel John Graykowsky Besitzansprüche anmeldet.

"Der Xantener Dombauverein ist der rechtmäßige Besitzer", sagt Hanstein. Er hat das Kunstwerk gutgläubig auf einer öffentlichen Auktion ersteigert. "Bona fide" würde man in juristischer Sprache sagen: Keine Moral steht über dem Gesetz. Das flaue Gefühl aber bleibt: Das Gemälde ist in Xanten zum ungewollten Fremdkörper geworden. Belastende Momente und blinde Flecken prägen seine Geschichte. Und als der Dombauverein endlich dachte, Licht in das Dunkel gebracht zu haben, folgte 2011 der nächste Tiefschlag: Das Gemälde, das im Tresor der Dombauhütte liegt, ist nur eine Kopie. Jan van der Heydens Original hängt im Louvre. Auf 5000 Euro hat ein Kunsthändler den Wert der Dublette geschätzt. Kaum nennenswert auf dem millionenschweren Kunstmarkt. Trotzdem nimmt der öffentliche Druck zu. Auch die "New York Times" und die CLAE haben den Dombauverein kontaktiert. Sie stellen Fragen zur Herkunft des Ölgemäldes und vor allem zur Haltung der Xantener.

Für Hans-Wilhelm Barking steht die nächste Vorstandsversammlung an. Der Tagesordnungspunkt "Platzbild von Jan van der Heyden" steht seit Jahren auf der Agenda. In Aktenordnern hat er alle Korrespondenzen akribisch gesammelt. Natürlich wolle man den Erben das Gemälde zurückgeben. "Das kann ich aber nicht eigenmächtig entscheiden. Wir können das Gemälde ja nicht irgendjemandem geben." Der Dombauverein fordert den bis heute nicht erbrachten Erbschaftsnachweis. Es fehlt somit das, was zur Provenienzforschung gehört: ein gesicherter Herkunftsbeleg, ehe die Entscheidung über Rückgabe oder Verbleib folgt.

So wird das "Platzbild" weiter im Tresor verharren. Ein nur kleines Kunstwerk - mit den Maßen 45 mal 56 Zentimeter, dessen Vergangenheit bewegt und dessen Zukunft ungewiss ist.

Quelle: RP
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