| 07.39 Uhr

Düsseldorf
Zahme Nibelungen

Düsseldorf. Am Düsseldorfer Schauspielhaus macht Kurt Josef Schildknecht aus Hebbels blutrüstigem Heldendrama ein allzu braves Kammerspiel. Von Dorothee Krings

Zickenkrieg am Hof der Nibelungen: Gerade malte sich Kriemhild noch frohlockend aus, wie der tapfere Siegfried sie zum Dom von Worms führen wird. Stolz ist sie auf ihren Bräutigam, den Unbesiegbaren, den Drachentöter. Doch die Stolzen sind empfänglich für das Gift der Kränkung. So kann Kriemhild die Angeberei ihrer Schwägerin kaum ertragen. Die wilde Brunhild reizt sie bis aufs Blut, und es ist eine biestige Lust, das Wortgefecht der eifersüchtigen Frauen zu erleben, wie sie sticheln, ihre Männer anpreisen, ihre Worte in Häme tränken. Doch plötzlich ist das Maß überschritten, reißt Kriemhild ihr goldenes Gewand in die Höhe, zeigt der Schwägerin jenen Gürtel, der beweist, dass Brunhild eine Gehörnte ist, dass ausgerechnet die Amazone sich vom falschen Mann bezwingen ließ. Das ist der Moment, da sich alles Glück in Leid verkehrt. Schon bald werden beide Frauen nur noch schwarze Kleider tragen. Rachlust allein wird sie am Leben erhalten - und das Geschlecht der Nibelungen vernichten.

Uns wird im Schicksalstoff des Nibelungenlieds berichtet, was von alters her Neid, Niedertracht und Hass zwischen Menschen sät, was sie zu glühenden Kriegern und willigen Vollstreckern von Tragödien macht: Neid, Intrigen, Eifersucht schüren Aggressionen, die sich in Mord, Gemetzel, Krieg entladen, wenn die Treueschwüre erst gesprochen sind. Doch am Düsseldorfer Schauspielhaus wirkt die Inszenierung des blutdurstigen Stoffes in der Version von Friedrich Hebbel zunächst wie ein braves Kammerspiel. Die Darsteller in historisch inspirierten Kostümen treten in zeitlosen Räumen auf. Der Zuschauer erfährt in geschickt komprimierten Szenen, was er zum Verständnis der Handlung wissen muss. Doch da beunruhigt nichts. Es geht nicht um die Mechanismen des Fanatismus, nicht um die fatale Sehnsucht nach Unterordnung oder die Grausamkeit von Menschen, die alles tun, um das bestehende System zu bewahren. Die Inszenierung setzt weder Akzente, noch verrät sie Deutungsansätze. Das Unheil erscheint als das Versagen Einzelner, die Zicken haben es halt angerichtet. So kann das Publikum gelassen betrachten, wie ein Trauerspiel verlässlich abschnurrt, das keine einzige verstörende Szene wagt und die Gegenwart nichts angeht.

Die bündig reduzierte Fassung hat Dietrich Hilsdorf mit dem Dramaturgen Oliver Held verfasst und auch das Konzept der Inszenierung entwickelt. Eine Erkrankung hinderte ihn an der Vollendung, und Kurt Josef Schildknecht fand sich bereit, einzuspringen. Schildknecht hat Düsseldorf mit seiner Inszenierung des Gerichtsdramas "Terror" den Blockbuster der Saison verschafft. Das Stück ist seit vielen Wochen ausverkauft, wohl auch, weil Schildknecht nicht zu Mätzchen neigt, sondern auf die Dynamik von Texten vertraut und sie solide und uneitel auf die Bühne bringt. Bei diesen Nibelungen aber ist er zu defensiv geblieben.

Immerhin nutzen die Schauspieler ihren Raum: Tanja Schleiff etwa als reizbare Kriemhild wächst an der Tragik ihrer Rolle und ist voll Inbrunst die Königin der Rache. Ihre Widersacherin, Hanna Werth als männerschlingende Brunhild, wird im Käfig auf die Bühne geschoben. Daraus befreit, entwickelt sie aber auch ohne derlei optische Platitüden glühenden Furor. Moritz Führmann gibt den meuchelnden Hagen Tronje als finster-zornigen Kapuzenträger. Dagegen soll Heisam Abbas den strahlenden Siegfried im weißen Gewande darstellen, allerdings liegt ihm das Triumphale wenig, dieser Siegfried ist mehr Kumpel, denn Held.

Eine verschiebbare Wand mit großem Tor zerteilt den Raum geschickt in immer neue Spieleinheiten. Wie ein Röntgenarm fährt dieses Tor bisweilen über die Spielfläche hinweg, doch schwer zu sagen, was er durchleuchtet. Denn das Stück läuft zwar gefällig ab, der Zuschauer kann bequem folgen, doch bleibt der innere Anlass für die Inszenierung unklar. Keine starken Bilder, keine Andeutungen zu den Motiven der Figuren, nichts, das sich ins Gedächtnis brennen würde, wie seinerzeit, als Karin Beier "Die Nibelungen" in Köln in die Gegenwart holte und ihre Darsteller zum intensiven Ausdruck ihrer Gefühle und Motive anstachelte.

Auch in Düsseldorf soll es am Ende Bezüge zur Gegenwart geben. Nach der Pause werden Bilder von Soldaten aus Kriegen unterschiedlicher Epoche in die Szene geblendet. Doch das wirkt aufgepfropft, ein später Bruch. Realer Krieg als Effekt. Das geschieht, wenn eine Inszenierung zu lange nichts von Bezügen zur Wirklichkeit wissen will.

Doch bleibt dieser Abend ein flotter Ritt durch das Nibelungenland, kompakt und verständlich - er wird seine Anhänger finden.

Quelle: RP
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