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Tradition: 30 Jahre Peugeot 205 Cabriolet
Den Korb zum Kult gemacht

Tradition: 30 Jahre Peugeot 205 Cabriolet
Tradition: 30 Jahre Peugeot 205 Cabriolet FOTO: Peugeot
Köln. Pininfarina und Peugeot, das war über Jahrzehnte eine perfekte Symbiose. Die Franzosen lieferten preiswerte Großserientechnik und der italienische Designer die verführerischen Formen. So auch beim Peugeot 205 Cabriolet, mit dem das Sonnenstudio trotz Überrollbügel unwiderstehlich schick wurde.

Gewiss, das Peugeot 205 Cabriolet war nicht die Nummer eins. Die liebevollen, leicht spöttischen Namen Erdbeerkörbchen oder Henkelchen trug zuerst das 1979 vorgestellte Volkswagen Golf Cabrio mit markantem Überrollbügel. Aber schon als zweiter kompakter offener Viersitzer mit Karosserieverstärkung durch Sicherheitsbügel folgte der unmittelbare Vorläufer des Peugeot 205, der ebenfalls vom italienischen Cabriospezialisten Pininfarina konzipierte Talbot Samba.

Als sich Peugeot zur Beerdigung der verlustbringenden Tochter Talbot entschloss, war es dann soweit: Passgenau zum 50. Jubiläum der Turiner Carrozzeria präsentierte Pininfarina 1985 nicht nur ein Peugeot Concept Coupé, sondern auch den bis heute vielleicht schönsten Entwurf in Körbchenform, das Peugeot 205 Cabriolet. Ein kleiner Sonnenkönig in Haute Couture, nach dem die Cabrio-Käufer ab dem Folgejahr Schlange standen.

Tatsächlich konnte Peugeot von dem preiswerten und nur 3,71 Meter langen Open-Air-Kleinwagen in zehn Jahren rund 72.000 Einheiten absetzen. Mehr noch: Der 205 führte die ganze familienfreundliche Frischluftbewegung zum ersten Klimax, wollten doch nun fast alle Massenhersteller daran teilhaben. Und das mit billigem Bügel, der vorläufig keinen mehr störte.

Tradition: 60 Jahre BMW 503 und 507 FOTO: BMW

Lass die Sonne rein, diesem Ruf folgen Peugeot Automobile seit über 120 Jahren. Und das sogar in für Frischluftfans freudlosen Dekaden wie den 1970er Jahren als das traditionelle Cabrio zum Aussterben verurteilt schien. Hatte doch Pininfarina mit dem Peugeot 504 Cabrio bereits 1969 eine zeitlose Ikone kreiert, die erst 14 Jahre später zum Produktionsanlauf des Peugeot 205 Platz machen musste in den beengten Turiner Werkshallen. Jetzt hielt der italienische Couturier den offenen Kleinwagen der Löwenmarke für den ganz großen Cabrio-Knaller der kommenden Jahre mit entsprechendem Kapazitätsbedarf im Werk. Womit gegenüber Medien auch der Fertigungsauslauf von Fiat (124) Spidereuropa und Talbot Samba begründet wurde. Tatsächlich brachte der Peugeot 205 alle Talente eines Trendsetters mit: Die Blechdachvariante zählte bereits zu den meistverkauften Pkw Europas und die Faltdachversion verkörperte Sommer, Sonne und Spaß zum kleinen Preis.

Mit einem starken Überrollbügel, der Überleben trotz Überschlag garantierten sollte – vor allem aber allzu heftige Verwindungen der ihres Stahldachs beraubten Karosserie verhinderte. Sicher, möglich gewesen wären auch massive, von außen unsichtbare Strukturverstärkungen wie beim zeitgleich lancierten Saab 900 Cabrio oder dem offenen BMW 325i. Aber damit wäre der pfiffige Franzosen-Flitzer teuer geworden, teurer auch als das Volkswagen Golf Cabriolet, die Messlatte für Viersitzer mit Verdeck. Nach den Erfahrungen mit dem Talbot Samba Cabrio, das technisch noch auf dem Peugeot 104 von 1972 basierte und teils in desaströser Qualität zusammengebaut war, wollte Sochaux nun Wolfsburg überholen. Der neue Peugeot von Pininfarina sollte deshalb solide sein wie die in Niedersachsen bei Karmann gebauten Golf und Ford Escort Cabriolets. Schließlich war Deutschland Europas größter Cabriomarkt, zudem zeigten sich die deutschen Frischluftfans besonders sensibel gegenüber nach dem Laissez-Faire-Prinzip gebauten Fahrzeugen.

Differenzieren von allen nur um qualitative Perfektion bemühten Freiluftmobilen
sollte sich der Peugeot 205 aber auch als Petit Charmeur. Deshalb nahm es dem Gallier nicht einmal die Fachpresse übel, dass er in Vergleichstests im Kapitel Verwindungssteifigkeit durch gelegentliches Ächzen und Stöhnen auf sich hinwies. Ausgleichen konnte dies der unwiderstehliche Auftritt durch die Designlinien der 205-Limousine mit niedriger Gürtellinie, nach vorn abfallender Motorhaube, zierlichen Dachsäulen und ungewöhnlich großen Fensterflächen. Auch wenn die Fenster im Fond leider ebenso wenig vollständig versenkt werden konnten wie bei VW oder Ford. Einen regelrechten Sturm emotionaler Zuneigung entfachte der kleine Gallier durch seine grandiose Verdeckkonstruktion. Offen gab es keinen gigantisch aufgetürmten Verdeckberg wie etwa bei frühen Golf, der das Freiluftfahrgefühl unangenehm stark einschränkte. Geschlossen wiederum nicht das Problem eines ballonartig aufgeblähten Stoffdachs bei schnellen Autobahnfahrten. Von Kunden wie Fachkritikern gelobt wurde die einfache Verdeckhandhabung: Mit zwei Hebeln am Windschutzrahmen wurde das Faltdach entriegelt und anschließend mühelos nach hinten geklappt. Die ordentliche Fahrzeugheizung ermutigte zudem zum Genuss des offenen Fahrens selbst bei kühleren Temperaturen.

Während alle anderen familientauglichen Sonnentänzer fahrdynamisch damals eher zu einem sanften Sunshine Reggae einluden, war der Peugeot 205 CTI ein rebellischer Rock 'n‘ Roller, den Journalisten damals als "CTI unter den GTI" feierten. Wurde die 205 GTI Limousine in der Werbung erfolglos von einem gewaltigen Hubschrauber mit Raketenwerfern gejagt, machte der Open-Air-Muskel-Mini nun seinerseits sogar Jagd auf teure Turbo-Ikonen wie das Saab 900 Cabrio. Gut neun Sekunden genügten dem gallischen 75 kW/102 PS starken Sprinter für das Passieren der 100-km/h-Marke, da schoben Saab, Golf, Escort oder auch Fiat Ritmo viel gelassener an.

An die Rekord-Stückzahlen seines allerdings auch etwa ein Drittel billigeren Blechdach-Verwandten konnte das 205 Cabrio zwar nicht anknüpfen, dennoch übertraf die Nachfrage zeitweise deutlich die Produktionskapazitäten bei Pininfarina. Weshalb sich die Löwenmarke auch Zeit ließ mit dem Ausbau der Motorenpalette und etwa die besonders preiswerte Einstiegsversion 205 CJ mit 44 kW/60 PS Vergasermotor erst 1988 nachlegte. Da hatte der schicke Peugeot den Trend zum Bügelcabrio schon eindrucksvoll beschleunigt. Als das 205 Cabrio im Juli 1995 allmählich aus den Preislisten gestrichen wurde, hatte der kleine Henkelmann einen ganzen Club von Bügel-Cabrios um sich geschart: Ob Bitter Rallye Roadster, BMW Baur 3er Top Cabriolets, Fiat Ritmo, Fiat Uno von L&H, Ford Escort, Honda Jazz, Jaguar XJ-SC, Mazda Familia/323, Nissan Micra, Opel Kadett, Rover 200 Series, Seat Ibiza, VW Golf oder Volvo 480, sie alle suchten zeitweise zumindest als Prototyp den Platz an der Sonne.

Mit dem Abgang des Peugeot starb fast die ganze Gattung der Bügelfalter ab Mitte der 1990er Jahre nach und nach aus, neue Mode machten nun die bügelfreien Vollcabrios und wenig später dann die Coupé-Cabriolets. Auch hier fuhren die Franzosen immer vorn mit, wovon etwa die Pioniere Renault 19, Peugeot 306 und Peugeot 206 CC berichten können. Aber das ist bereits eine neue Geschichte.

(SP-X)
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