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Daimlers dickstes Ding
Erinnerungen an den Mercedes 600 Pullman

Die Geschichte der Pullman-Limousinen
Die Geschichte der Pullman-Limousinen FOTO: Hersteller
Stuttgart . Die deutsche Antwort auf Bentley und Rolls Royce: Der Mercedes 600 Pullman - die staatstragende Limousine ist heute ein seltenes Sammlerstück.

Fotografen schrauben die Weitwinkelobjektive auf, jeder will einen Blick in den Fond werfen: Wenn Mercedes einen neuen Pullman präsentiert, spielen sich immer die gleichen Szenen ab. Das war in diesem Jahr auf dem Genfer Salon bei der Premiere der 6,49 Meter langen XXL-Version der S-Klasse nicht anders als auf der Frankfurter Automesse IAA im Herbst 1963, wo die Geschichte der buchstäblich staatstragenden Limousine begann. Als "Groß-Reise- und Repräsentationswagen" sollte das Auto "alles in den Schatten stellen, was in der Klasse hochkarätiger Limousinen bisher für ambitionierte Kunden in aller Welt zu haben ist", heißt es in einer Firmenchronik.

Diese Mission hatte der 600er schon mit seiner Premiere erfüllt: Kein anderes Auto wurde auf der Messe so oft fotografiert und so bedrängt wie das neue Flaggschiff aus Stuttgart. Und während die IAA-Besucher sich an den Scheiben die Nasen platt drückten, trudelten von überall aus der Welt erste Bestellungen ein: Regierungen und Königshäuser, Superreiche, Sultane und Showstars - alle wollten das Auto kaufen, das als deutsche Antwort auf Rolls-Royce und Bentley eindrucksvoll den Wiederaufstieg der Bundesrepublik dokumentierte.

Schon die normale Limousine war mit ihren 5,54 Metern ein Statussymbol, wie es sonst kein anderer deutscher Hersteller im Programm hatte. Doch wirklich staatstragend wurde der 600er erst als Pullman mit noch einmal knapp 70 Zentimetern mehr Radstand und dritter Sitzreihe für dienstbare Geister wie Protokollbeamte und Dolmetscher. Dass damit der Preis von 56.500 Mark auf 63.500 Mark kletterte und man dafür seinerzeit ein schmuckes Reihenhaus kaufen konnte, war den meisten Kunden egal.

"Das beste Auto seiner Zeit"

Außerdem gab es dafür ja nicht irgendeine Prunk-Karosse: "Der Pullman war nicht mehr und nicht weniger als das beste Auto seiner Zeit", sagt Peter Schellhammer. Er muss es wissen: Schon im Lauf der fast zehn Jahre währenden Entwicklung mit allen Finessen des Modells vertraut gemacht, war er als "Flying Doctor" weltweit für die Wartung der rollenden Regierungsbank im Einsatz.

Von der Frankfurter Messe hat es der 600er direkt auf die Mattscheibe geschafft. Während ihn auf der Straße kaum jemand je zu Gesicht bekam - in knapp 20 Jahren wurden nur 2677 Exemplare gebaut, darunter gerade einmal 428 Pullman - war er im Fernsehen jeden zweiten Abend zu sehen: Es gab kaum eine Tagesschau, in der dieser Benz nicht im weltweiten Staatsdienst über den Bildschirm flimmerte.

Der Pullman war zwar Daimlers dickstes Ding, doch es ging sogar noch dekadenter: In rund 100 Tagen Handarbeit hat Mercedes das Auto damals auch zum Landaulet mit Cabrioverdeck über der Rückbank umgebaut und so zum Paradewagen gemacht. Sogar der Papst ließ sich darin fahren.

Für den Einsatz im diplomatischen Dienst hat Mercedes den 600er mit Technik ausgerüstet, die es sonst in keiner anderen Baureihe gab, erinnert sich Schellhammer. Dabei denkt er nicht nur an die Trennscheibe zwischen Fahrer und Fond, die Wechselsprechanlage oder das Barfach, sondern auch an das speziell abgestufte Getriebe: Der 6,3 Liter große V8-Motor mit 184 kW/250 PS ermöglichte einerseits eine damals atemberaubende Höchstgeschwindigkeit von 207 km/h, andererseits musste der Pullman bei Paraden stundenlang im Kriechgang rollen. Eine weitere Besonderheit: "Damit Politiker auf den Pressefotos eine gesunde Gesichtsfarbe hatten, wurde der Fond orange ausgeleuchtet."

Wartungen in aller Welt

Wartungs- und Reparatureinsätze haben Schellhammer in alle Ecken der Welt geführt. Und auch nach seiner Pensionierung war er immer wieder mal unterwegs, wenn seine alten Schätzchen ein Zipperlein plagte. Besonders anfällig ist die Hydraulik, sagt Mercedes-Classic-Sprecher René Olma. Wo heute Elektromotoren die meisten Komfortfunktionen übernehmen, wurden damals Hochdruckleitungen verlegt: Statt eines Surrens hört man bei den Oldtimern nur ein Zischen, schon gleiten die Fenster nach oben, die Trennwand schließt sich, oder die Türen ziehen sich von selbst ins Schloss. Das System war faszinierend, wird jedoch gerne undicht, wenn es länger nicht benutzt wird.

In den vergangenen drei Jahrzehnten hat Mercedes rund 40 Exemplare des 600ers restauriert, berichtet Olma, darunter immerhin 15 Pullman. Im kalifornischen Irvine oder in Fellbach bei Stuttgart werden die Autos so gründlich aufgemöbelt, dass sie danach wieder als Neuwagen durchgehen würden. "So eine Instandsetzung dauert dann auch mal ein bis zwei Jahre und kann 700 000 Euro kosten", taxiert Olma den Preisrahmen - mehrere hunderttausend Euro für das Basisfahrzeug nicht mitgerechnet.

Um den Klassiker zu ergattern, braucht man nicht nur das nötige Kleingeld, sondern obendrein Glück. "Viel mehr als die Hälfte der Pullmänner dürften nicht überlebt haben", schätzt Olma. Verglichen mit seinem neuesten Nachfolger war die Luxuslimousine von einst aus heutiger Sicht übrigens beinahe ein Schnäppchen: Heute kostet allein die Burmester-Soundanlage mit ihren 25.000 Euro fast so viel wie damals ein ganzer 600er. Und mit einem Grundpreis von knapp 500.000 Euro ist der jüngste Pullman mal wieder der teuerste Mercedes aller Zeiten - auch das gehört bei diesem Auto irgendwie zur Tradition.

(dpa)
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