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Der Charme alter Straßenkreuzer
Lässig biegt die schwarze Limousine ums Eck, bollert dezent vor sich hin und erstickt jede Aufregung schon im Keim. Unter der Haube des Chevrolet Caprice steckt ein 5,7 Liter großer Achtzylinder – das Klangbild lässt keine Zweifel über die Antriebsart. Wenn Ami-Fan und Schrauber-Spezialist Georg Kaufmann aus Burscheid am Steuer dieses Fünfmeter-Schiffs sitzt, spricht sein Grinsen Bände. Eigentlich ist er ja glühender Mustang-Fan, aber die große Limousine aus dem Hause Chevrolet macht ebenso Spaß und ist zudem erstaunlich günstig. Man wird bereits für deutlich unter 10 000 Euro fündig in den einschlägigen Gebrauchtwagenbörsen. Von Patrick Broich

Kaufmanns Caprice jedoch dürfte wertvoller sein, handelt es sich doch um ein kaum 7000 Meilen gelaufenes Exemplar aus erster Hand mit Jahreswagen-Charakter. Das Modell debütierte 1977 und wurde 13 Jahre lang produziert. Neben einem Basis-Sechszylinder gab es zwei V8-Versionen – der stärkere 5,7er bringt es gerade mal auf etwas mehr als 170 PS. Die sorgen für genügend Vortrieb. Geschmeidig wechselt die Dreigang-Wandlerautomatik ihre Fahrstufen; bei 140 km/h ist allerdings Schluss. So schnell fährt man mit einem solchen Flaggschiff ohnehin nicht. Das schaukelt in Kurven mächtig und auf der weichen, nachgiebigen Sitzbank, auf die locker drei Personen passen, ist es gut, wenn man über einen robusten Magen verfügt. Der Caprice hat weder Einzelsitze noch elektrische Fensterheber, sehr ungewöhnlich für ein US-Luxusauto. Denn die großen Kreuzer waren die Vorreiter für die elektrischen Helferlein. Dafür weht dem Passagier eine kühle Brise um die Nase, Klimaanlagen waren Standard.

Wie steht es um die Unterhaltskosten? Generell gute Nachrichten für alle Freunde des Hubraums – alle bis 1982 zugelassenen und per Gutachten als erhaltenswert eingestuften Fahrzeuge bekommen schließlich ein H-Kennzeichen mit einem pauschalen Steuersatz von 191 Euro pro Jahr, das Zylindervolumen spielt dabei keine Rolle. Günstige Ersatzteilpreise bei amerikanischen Autos und solide Technik unter dem Blech – diese Punkte gelten auch für diesen großen Chevy.

In den Grundzügen gilt das auch für deutschen Acht-Zylinder. Es gibt sie schon für unter 10 000 Euro auf dem Markt. Zum Beispiel: die Mercedes S-Klasse der Baureihe W126. Das Spitzenmodell der ersten Serie, der 500 SEL, misst etwa fünf Meter und hat 240 PS. Damit kann man durchaus sportlich fahren. Unter acht Sekunden für den Sprint auf 100 km/h sind keine Kunst für 500er. Im Vergleich zum Caprice ist der deutsche Luxusliner zwar nicht ganz so schwankend unterwegs. Im Basislayout geht das Fahrwerk auf den Vorgänger W116 zurück, der ebenfalls eine Probefahrt wert ist.

Als preislich interessant können sich auch Modelle erweisen, die kurz vor dem dreißigsten Geburtstag stehen. Wer damit leben kann, eine Zeit lang etwas mehr Steuern zu bezahlen, bekommt für rund 5000 Euro veritable Luxusgefährte in manierlichem Zustand. Eine Empfehlung ist beispielsweise Cadillac. Auch die kompakte, dritte Seville-Generation mit quer eingebautem V8 (je nach Baujahr zwischen vier und fünf Liter Hubraum) besticht mit hohem Attraktivitätsfaktor inklusive feinem Maschinenbau.

Freunde der Achtzylinder-Klänge müssen die Ohren jedoch spitzen, denn GMs Nobelmarke bevorzugt leise Töne und sieht Fahrkomfort in Form absoluter Geräuscharmut als oberste Priorität an. Mit etwas mehr als 4,80 m Außenlänge gehört der Seville der dritten Generation zu den eher kompakten Amivertretern und passt somit in die grundsätzlich auf Abspeck-Kurs getrimmten 80er.

Finanziell interessant sind auch Großlimousinen aus den 90ern. Den Siebener BMW mit dem internen Code E32 gibt es schon zu moderaten Preisen rund um 2500 Euro. Als später 740i bietet das kompakte Topmodell höchsten Antriebskomfort und durchaus sportive Fahrleistungen mit moderner Fünfgangautomatik. Wer von dem 286 PS starken Vierliter-Motor jedoch auffällige Geräusche erwartet, muss eines Besseren belehrt werden: Das seidig laufende Aggregat flüstert nur so vor sich hin und gibt – zumindest akustisch – keinen Aufschluss über die Anzahl der Töpfe. Kennern fallen die großen, runden Auspuffendrohre in Verbindung mit der breiten Niere ins Auge, um die stärkere der beiden V8-Varianten (es gibt auch noch einen 730i) eindeutig zu identifizieren.

Wer noch günstiger, nämlich bereits für unter 1000 Euro, an ein Achtzylinder-Fahrzeug kommen möchte, sollte nach dem Audi V8 Ausschau halten. Einziger Nachteil: Die frühen Achtzylinder-Audis neigen verstärkt zu Motorschäden. sp-x

Quelle: RP
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