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IAA 2017 vs. IAA 1967
Flower Power für eine farbenfrohe neue Auto-Welt

Festival von Love, Peace und Drehmoment
Festival von Love, Peace und Drehmoment FOTO: SP-X/Hersteller
Düsseldorf. Noch nie waren die grauen Messehallen so bunt. Zukunftsweisende Technologieträger, farbige Fiberglassportler und verrückte Spaßmobile feierten auf der Frankfurter IAA 1967 ein Festival von Love, Peace und Drehmoment. Es war eine revolutionäre Zeit, in der sich auch die automobile Gesellschaft neu erfand. Von Wolfram Nickel

Eigentlich war alles wie immer und doch war alles anders. Die Frankfurter IAA hatte im sonnigen September 1967 wieder die ganze Autowelt zu Gast, mehr als 80 Marken aus 16 Ländern kündeten von einer heute kaum mehr vorstellbaren Vielfalt.

Vor allem aber spiegelten sie den globalen Zeitgeist - und dieser fegte zum ersten Mal mit revolutionären, farbenfrohen Veränderungen durch die Messehallen. Eine dreiviertel Million Menschen drängte sich um neue Fahrzeuggenerationen, die sich über alle zementierten Konventionen hinwegsetzten und von Flower Power, Pop Art und Avantgarde kündeten.

Fast schien es, als würde das Auto neu erfunden und signalfarben lackiert, sei es als futuristische Wankel-Limousine wie der NSU Ro 80, in Form von provozierenden Powerpaketen wie Porsche 911 T, Ford RS oder Opel Commodore, schräge Shootingbrakes made in England, exotische Rennmäuse und extrovertierte Geländegänger aus Japan, skurrile Sportler aus Kunststoff-Baukästen oder bunte Wohnmobile.

IAA 2017 - das sind alle Neuheiten von A bis Z FOTO: Hersteller/SP-X

Die Pop-Protagonisten der Hippie-Bewegung fuhren psychedelisch bemalte Porsche und Rolls-Royce, vor allem aber verwegen lackierte Volkswagen. Dagegen setzten die Studenten in ihrem Kampf gegen das Establishment und die Professoren mit deren "Muff von 1.000 Jahren" auf unangepasste, aber robuste Renault 4 und Citroen 2 CV.

Die IAA avancierte zum Laufsteg für den motorisierten Lifestyle

Vor 50 Jahren wurde das Auto erstmals wichtiges modisches Accessoire und die IAA avancierte zum Laufsteg für den motorisierten Lifestyle. Wovon auch Volvo und Saab zu berichten wussten, galten die Schweden doch fortan als Sicherheitsstatement auf Lehrer- und Professoren-Parkplätzen. Überhaupt wurde Sicherheit zum großen Thema, dies unter dem Druck dramatisch steigender Unfallzahlen auf einem bereits völlig überlasteten Straßennetz.

Über 17.000 Verkehrstote wies die deutsche Unfallstatistik für 1967 aus, rund fünf Mal so viel wie heute. Während die Skandinavier damals bereits Reboard-Kindersitze und Sicherheitsgurte für die Rücksitze anboten, begnügten sich manche Hersteller noch mit Basics wie Verbundglas und Mehrkreisbremsen. Zur Lichtgestalt in der Messe am Main wurde dagegen die durch Kurvenscheinwerfer aufgewertete "Göttin" Citroen DS.

IAA 2017 - Automesse zeigt Luxus und Sport FOTO: dpa, loe

Überhaupt waren in der neuen Ausstellungshalle 5 so viele strahlende Sonnenflitzer in farbenfrohen Tönen arrangiert wie noch nie. Gegen diese automobilen Popstars hatten die Moll-Klänge der ersten Krise zum Ende des bundesdeutschen Wirtschaftswunders keine Chance.

Auf den Messeständen der US-Muscle-Car-Importeure erklang stattdessen die seit dem Monterey Pop Festival weltbekannte hoffnungsfrohe Hippie-Hymne "San Francisco" von Scott McKenzie, während die Beatles im Album Sgt. Pepper's durch psychedelische Verspieltheit dem Sommer der Liebe Referenz erwiesen. Passend dazu hatte John Lennon seinen Rolls-Royce Phantom V bunt bemalen lassen. Während sich allerdings Hippie-Protagonistin Janis Joplin - "My friends all drive Porsches" - nie mehr von ihrem euphorisch lackierten 356 Cabrio trennen sollte, funkelte auf der IAA 1967 bereits der Stern, dem Lennon später nicht widerstehen konnte. Schließlich provozierte kein Megaliner mehr als der 6,24 Meter messende Mercedes 600 Pullman.

Stundenlange Wartezeiten

Um Protest und Provokation ging es 1967. Neue Werte wurden ausgerufen und Tabus gebrochen. Ganz besonders durch den NSU Ro 80. In einer technikgläubigen Zeit, die auf die erste Mondlandung und den Erstflug des Überschalljets Concorde wartete, stand der revolutionäre Ro 80 mit seinem 85 kW/115 PS starken Kreiskolben-Triebwerk für das Auto der Zukunft. Und wer wollte nicht einen Blick in die Kristallkugel riskieren?

50 Jahre Ro 80 - der Zeit voraus FOTO: Unternehmensarchiv der Audi AG

Einfach jeder IAA-Besucher, wie die Ordner in Halle 5 auf Stand 810 wussten. Stundenlange Wartezeiten für einen kurzen Blick und die vage Hoffnung auf eine Sitzprobe schreckten niemanden ab. NSU kam kaum nach mit dem Prospektdruck für seinen automobilen Hoffnungsträger, dessen Entwicklungskosten die Neckarsulmer Kassen so geplündert hatten, dass schon bald VW die Kontrolle über den Kreiskolbenhersteller hatte.

Was in Frankfurt noch keiner ahnte: Ausgerechnet das Herzstück des Ro, der namensgebende Rotationskolbenmotor wurde in Deutschland nie massentauglich. Allein Mazda gelang dies mit Rotary-Triebwerken in Millionenauflage.

Auf der IAA 1967 hätte Mazda anlässlich seines Europastarts bereits zu gerne seinen seit Mai in Serie gebauten Cosmo Sport mit Zweischeiben-Kreiskolbenmotor gezeigt, musste diese Bühne aber noch Wankel-Lizenzgeber NSU überlassen. Nur Honda zeigte deshalb Neues aus Fernost in Form winziger Sportler und Cityflitzer mit Motoren, die hoch drehten wie ein Formel-1-Racer. Immerhin kündigte Toyota Geländewagen an, wie ein Krefelder Importeur kommunizierte.

IAA 2017 - die wichtigsten neuen Modelle FOTO: VW

Der totgesagte Käfer zeigte sich lebendiger denn je

Während die Wirtschaftsmedien spekulierten, wann in Wolfsburg die Ära des Käfer-Förderers Heinrich Nordhoff enden würde und ob die auf der IAA doch noch nicht enthüllte VW-Mittelklasse (Typ 411) endlich Ford und Opel Marktanteile abringen würde, zeigte sich der so oft totgesagte Käfer lebendiger denn je.

Nicht nur, dass ihn die Blumenkinder als Kultauto entdeckten, auch die frisch aufbrandende Welle der Strand- und Spaßmobile nutzte seine Technik. Diese Buggys kamen aus Amerika und führten zugleich zu einem neuen Hype der Kunststoffkarosserie im Sportwagenbau. So zeigte Matra Automobiles seinen originellen Plastikflitzer 530, Saab den Sonett II und Metzeler den Delta mit NSU-Technik.

BMW 6er GT - Limousine mit Coupé-Ästhetik FOTO: BMW/Bernhard Limberger

Auch wenn sich die Sonne des Wirtschaftswunders vorübergehend verdunkelt hatte, ließen sich die Autokäufer das Träumen nicht nehmen und wagten sogar gänzlich Unerwartetes: Erstmals wurden Importfahrzeuge in Deutschland wirklich en vogue und eine Macht, der später ein Drittel des Marktes gehören sollte.

Dazu gehörte sogar Alfa Romeo, jene Marke, die damals noch gegen BMW punktete. Während die Münchner in Frankfurt ihr sportliches Image polierten durch die aufgefrischten Coupés 1600 GT und 3000 V8 des gerade übernommenen Konkurrenten Glas, ließen sich die Mailänder für ihren Duetto Spider feiern.

Modelleinführung via Product Placements

Was Alfa sogar auf der Kinoleinwand gelang, denn dort landeten die Italiener den genialen Coup einer Modelleinführung via Product Placements. Im nur scheinbar harmlosen Hollywoodstreifen "Die Reifeprüfung" jagte Hauptdarsteller Dustin Hoffman alias Benjamin Braddock im Alfa Spider zu den gesellschaftlich verbotenen Verabredungen mit der verheirateten Mrs Robinson und deren Tochter Elaine, begleitet vom Soundtrack der Superstars Simon & Garfunkel.

Dagegen sprachen exklusive Sportler wie der neue Maserati Ghibli und Aston Martin DBS die Avantgarde unter den wohlhabenden Bundesbürgern an. Experimentierfreudige Enthusiasten, die Supercars in dezentem Design schätzten, vielleicht weil sie ahnten, was kommen sollte.

Durch die gesellschaftlichen und politischen Umbrüche wurden chromfunkelnde V8 in der Bonner Republik nach 1968 ebenso geächtet wie grelle italienische V12. "Sechs sells", lautete stattdessen die neue Botschaft bei BMW, Jaguar, Fiat oder Volvo, die im Herbst 1967 ihre künftigen, politisch korrekten Flaggschiffe finalisierten.

(csr/SP-X)
 
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