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Fahrbericht zur Intermot 2016
Harley-Davidson Road King mit "Milwaukee-Eight"

Fahrbericht zur Intermot 2016 - Harley-Davidson Road King mit Milwaukee-Eight
Fahrbericht zur Intermot 2016 - Harley-Davidson Road King mit Milwaukee-Eight FOTO: Harley-Davidson
Tacoma/Köln. Nein, zu einem Achtgang-Getriebe haben es die Amerikaner noch nicht gebracht. Aber immerhin zu acht Ventilen im Zylinderkopf. Folgerichtig heißt die neunte Generation des Big Twin Milwaukee-Eight. Er steckt in den großen US-Tourenmodellen wie der legendären Road King. Der Motor ist jetzt auch auf der Intermot 2016 zu sehen. Von Ulf Böhringer

Mit dem Atmospheric Twin fing die Geschichte so richtig an. Zwar war 1909 die allererste Harley-Davidson schon sechs Jahre alt, aber bis dahin gab's halt noch keinen V-Twin, sondern nur Einzylinder. Seit damals sind 45° Zylinderwinkel gesetzt. Untenliegende Nockenwellen und ellenlange Stößelstangen auch. Und – bis zum Jahr 2016 – auch zwei Ventile für den Gasdurchsatz.

Diese mehr als 100 Jahre alte Tradition geht mit der Einführung des neuen Milwaukee-Eight-Motors zu Ende: In jedem der beiden Zylinderköpfe tanzen nämlich vier, zusammen also acht Ventile. Daher der Name des neunten Big Twins aus Milwaukee. Er macht, dies gleich zu Anfang, seinen Job ausgezeichnet.

Auch wenn es beim Blick aus Europa auf den neuen Motor so scheinen mag, als diene dessen Entwicklung vorrangig der Erfüllung der neuen Euro-4-Emissionsnormen, so liegt man mit dieser Deutung offenbar neben der Wahrheit.

Intermot 2016 - das sind die neuen Motorradmodelle für 2017 FOTO: dpa, fz zeh

Es wurde Zeit nach 18 Jahren Twin-Cam-103

Und zwar aus zwei Gründen: Erstens werden die 1998 präsentierten Twin-Cam-103-Triebwerke auch künftig in vielen Harley-Modellen eingebaut, mit Euro-4-Siegel; sie sind also durchaus noch tauglich für die nahe Zukunft. Und zweitens versichert man in Milwaukee, dass es nach 18 Jahren Twin-Cam-103 einfach an der Zeit gewesen sei, neue Motoren zu bringen.

Dabei habe man vor allem auf die Kunden gehört. Die sehnten mehr Leistung zum Zwecke besserer Beschleunigung herbei, dazu weniger Hitzeabstrahlung in Richtung der Beine von Fahrer und Sozia sowie weniger Vibrationen und einen voluminöseren Auspuffsound.

Milwaukee-Eight heißt der neue Motor also. Die acht Ventile, gesteuert von nur einer untenliegenden Nockenwelle, tragen zum höheren Gasdurchsatz und zu besserer Verbrennung wie auch höherer Leistung im oberen Drehzahlbereich bei.

Intermot 2016 - Motorradmesse im Retro-Trend FOTO: dpa, fz zeh

Zugleich wird dank größerer Bohrung mehr Hubraum geliefert, 107 statt 103 Kubik-Inch, also 1.745 Kubikzentimeter statt deren 1690. Die grundlegende Motor-Neukonstruktion, bei der die eingangs genannten Glaubens-Grundsätze (45°-Zylinderwinkel, untenliegende Nockenwelle) nicht angetastet worden sind, erforderte viel Feinarbeit.

Der Milwaukee-Eight klingt einfach besser

Alleine die Absenkung der Leerlaufdrehzahl von bislang 1.050 auf neuerdings 850/min. machte die Neukonstruktion der Ölpumpe zugunsten stabiler Ölversorgung wie auch der Lichtmaschine erforderlich. Die geringere Leerlaufdrehzahl intensiviert, wie gewünscht, einerseits den Motorsound und senkt andererseits die Hitzeabstrahlung des Triebwerks. Zusätzlich gibt es gegen Mehrpreis nunmehr einen Ventilator, der die Motorabwärme in Richtung Hinterrad abführt.

Vor allem das von 138 auf 150 Nm bei 3.250/min. angehobene Drehmoment ist beim Fahren deutlich zu spüren, die drei Mehr-PS – jetzt sind es 90 – spielen eine kleinere Rolle. Die Motoren der nach wie vor mindestens sieben, teils sogar über acht Zentner wiegenden Tourer hängen bestens am Gas und beschleunigen bereits ab 1.500/min. merklich zügiger.

Probefahrt mit der Harley-Davidson CVO Limited FOTO: Harley-Davidson

Spontaner als bisher geht beim Öffnen des elektronischen Gasgriffs die Drehzahl nach oben, und das bewirkt unmittelbaren Tempozuwachs. Dabei sind die Vibrationen gering, der Motor läuft mechanisch weitaus ruhiger. Der Milwaukee-Eight 107 tut seine Arbeit spürbar gesitteter als der Twin-Cam 103.

Und er klingt auch besser. Wobei wir beim ersten Test im amerikanischen Nordwesten die EU-Auspuffanlagen noch nicht zu Gehör bekamen; Motoreningenieur Matt Miller versicherte aber, dass der Unterschied zwischen den US- und den EU-Anlagen deutlich geringer sei als in der Vergangenheit. Schön wäre, wenn der Kupplungshebel einstellbar und die Bedienungskräfte der Kupplung geringer wären.

Die luft-/ölgekühlte Version des Milwaukee-Eight 107 wird in nicht nur in der Road King, sondern auch in den Modellen Street Glide Special und Road Glide Special sowie im neuen Trike mit der Bezeichnung Freewheeler eingebaut.

Die Motorrad-Neuheiten 2016 FOTO: dpa, loe

Verbessertes Fahrverhalten

Im Fahrerlebnis konnten wir zum mit zusätzlicher Wasserkühlung der Auslassventile ausgerüsteten "Twin-Cooled Milwaukee-Eight 107" keine Unterschiede feststellen. Weil die für dieses Triebwerk erforderlichen Wasserkühler in den genannten Modellen optisch stören würden, kommt die quasi doppelt gekühlte neue Motorversion in jenen Modellen zum Einsatz, die einen Wetterschutz für die Fahrerbeine aufweisen; dort können die Kühler elegant versteckt werden.

Das sind die Versionen Ultra Limited, Ultra Limited Low, Road Glide Ultra sowie das bekannte Trike mit Namen Tri Glide.

Alle Touringmodelle treten 2017 mit neuen Fahrwerkskomponenten an. Die neue Showa-Telegabel weist einen höheren Öldurchsatz zugunsten eines besseren Ansprechverhaltens auf. Und die Vorspannung der hinteren Federbeine erfolgt nun mittels eines Handrads.

Damit wird das Fahrverhalten der Tourer nochmals ein wenig besser, die Stabilität auf unruhigem Untergrund in Kurven erhöht sich. Nach wie vor bleiben die Harley-Tourer ultraschwere, in Fahrt jedoch gut beherrschbare Motorräder mit, je nach Modell, mehr oder minder begrenzter Schräglagenfreiheit.

Mit der Road King ist man König der Straßen

Am agilsten zeigt sich weiterhin die Road King, die allerdings auch vergleichsweise pur daherkommt. Die Federbein-Verstellung per Handrad setzt die Abnahme des mit zwei Flügelschrauben befestigten linken Seitenkoffers voraus, was in der Praxis wohl dazu führen wird, dass die meisten Fahrer sich auf eine einmalige Einstellung beschränken werden.

Die 750 Testkilometer im US-Nordwesten zeigten außer den zweifellos ausgezeichneten Motorqualitäten des Milwaukee-Eight 107 in seinen beiden Varianten auch deutlich, wozu die Harley-Tourenmaschinen wirklich gemacht sind: Entspanntes Gleiten auch auf langen Distanzen fällt mit ihnen denkbar leicht.

Das auf US-Straßen ziemlich einheitliche, gleichmäßige Tempo minimiert Überholvorgänge, die meist großen Kurvenradien machen vergleichsweise selten die Reduzierung der Geschwindigkeit nötig, so dass man zumeist mit 55 bis 65 Meilen pro Stunde unterwegs ist.

Die im dünn besiedelten Washington großen Distanzen zwischen den Ortsdurchfahrten haben deshalb recht hohe Durchschnittsgeschwindigkeiten zur Folge. Viel Schalten ist angesichts der hohen Kraftreserven des neuen Harley-Motors überflüssig. Als "König der Straße" darf man sich mit der Road King deshalb allemal fühlen.

Technische Daten Harley-Davidson Road King

Motor: Luft-/ölgekühlter Zweizylinder-Viertaktmotor, Zylinderwinkel 45 Grad, 1745 ccm Hubraum, ohv, eine Nockenwelle, 4 Ventile pro Zylinder, 66 kW/90 PS bei  5.450/min., 150 Nm bei 3.250/min; Einspritzung, 6 Gänge, Zahnriemen.

Fahrwerk: Stahlrohr-Doppelschleifenrahmen, 4,9 cm-Telegabel vorne, 11,7 cm Federweg; Stahl-Zweiarmschwinge hinten, zwei Federbeine, Vorspannung hydraul. einstellbar, 7,6 cm Federweg; Leichtmetallgussräder; Reifen 130/80 B17 (vorne) und 180/65 B 16 (hinten). 30 cm Doppelscheibenbremse vorne, 30 cm Einscheibenbremse hinten.

Assistenzsysteme: Zweikreis-ABS.

Fahrdaten: Höchstgeschwindigkeit 175 km/h.

Maße und Gewichte: Radstand 1,62 m, Sitzhöhe 70,5 cm, Gewicht fahrbereit 379 kg; Tankinhalt 22,7 l.

Preis: ab 24.295 Euro

(SP-X)
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