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Fahrbericht: Moto Guzzi Audace 1400
Böser Junge

Moto Guzzi Audace im Test
Moto Guzzi Audace im Test FOTO: Moto Guzzi
Mandello del Lario. Chrom am Motorrad ist gleichermaßen klassisch wie nett. Kann man haben. Muss man aber nicht. So ganz ohne derlei Zierrat wird aus einem Tourer ein echtes Muscle Bike. Von Ulf Böhringer

Man nehme eine Moto Guzzi California 1400, befreie sie von allem tourengemäßen Ballast, reiße ihr die Chrom-Brillanten vom Leib und tauche die frühere Lichtgestalt in ein mattschwarzes Tauchbad – so ungefähr könnte man sich den Entstehungsprozess einer Moto Guzzi Audace 1400 vorstellen. Wenn man es nicht aus erster Hand besser wüsste: Chefdesigner Miguel Galluzzi selbst hat bei der Gestaltung dieses "die dunkle Seite von Moto Guzzi repräsentierenden Modells" die Hände im Spiel gehabt. Die Audace 1400 ist ein außergewöhnliches Motorrad: Stark, schwer und nichts für Leute mit schwachen Nerven.

Würde man die California 1400 und die Audace (man spricht "audatsche") nebeneinanderstellen, wäre die Ähnlichkeit zwischen beiden Modellen leicht erkennbar. Dennoch zeigt sich die dunkle, von fast jeglichem Chrom-Zierrat befreite Neuheit von Moto Guzzi in vielen Details sehr eigenständig: Das fängt beim mattschwarz lackierten Rundscheinwerfer ohne LED-Tagfahrlicht an und geht über die kaum gekrümmte, ebenfalls mattschwarze Lenkstange ("Flat-Bar-Lenker") mit hohen Risern bis hin zu den höchst markant gestalteten Endrohren der doppelseitig verlaufenden Auspuffanlage. "Die Audace fährt sich anders, und das muss man auch sehen", findet der aus Argentinien stammende und in Kalifornien residierende Stardesigner, der einstmals die Ducati Monster entworfen hat. Mit "mutig" oder "kühn" lässt sich das Wort audace übrigens übersetzen – durchaus passend, diese Modellbezeichnung.

Die Audace macht mächtig Eindruck: Denn nicht nur das unübersehbare Triebwerk – der Guzzi-V2 ist mit 1.380 Kubikzentimetern Hubraum immerhin der volumenstärkste Zweizylindermotor aus europäischer Produktion – ist schwarz lackiert, sondern sogar die Auspuffkrümmern zeigen sich mattschwarz. Ihr gewaltiger Durchmesser entspricht durchaus dem beeindruckenden Hubvolumen der beiden Zylinder von jeweils 690 Kubikzentimetern. Deren blankpolierte Kühlrippen finden in je vier blanken Rippen auf den beiden Zylinderhauben ihre Entsprechung – eine edle Optik! Schön in Szene gesetzt sind auch die beiden Federbeine, deren Gas-Ausgleichsbehälter liegend oberhalb der Zweiarmschwinge montiert sind. Funktional sind sie auch nicht ohne: Außer der Federbasis ist auch die Zugstufe einstellbar. Der Federweg liegt notabene bei 120 Millimetern hinten wie vorne.

Die Audace rollt auf fetten Sohlen: Vorne ist ein 130 Millimeter breiter Reifen im 80er-Verhältnis auf einem 18 Zoll-Leichtmetallgussrad montiert, hinten ein 200er Schlappen im 60er Querschnitt auf einem sechs Zoll breiten Gussrad. Der Abstand zwischen den beiden Radnaben beträgt mit 1.695 Millimetern fast 1,70 Meter! Dass sich die Moto Guzzi Audace also nicht gerade "wie ein Fahrrad" bewegen lässt, liegt auf der Hand. Doch Miguel Galluzzi legt großen Wert darauf, dass Motorräder mit seiner Handschrift dennoch gut handhabbar sind.

Das kann ihm auch im Fall der 314 Kilogramm schweren Audace bescheinigt werden, denn sie zeichnet sich durch ein berechenbares, keineswegs schwerfälliges Fahrverhalten aus. Der Flat-Bar-Lenker ist freilich nichts für Leute unter etwa 1,75 Meter Körpergröße, sonst wird der Oberkörper zu weit über den doch recht ausladenden 20,5 Liter-Tank gebeugt. Die sehr moderate Sitzhöhe von 740 Millimetern erleichtert die Standortsuche der Füße beim Anhalten, der Kniewinkel ist dennoch sehr entspannt. Ein Lob gilt auch der Dreischeiben-Bremsanlage mit radial montierten Bremszangen vorne, die in Wirkung wie Ansprechverhalten überzeugen kann.

Zum Motor gibt es nicht viel mehr zu sagen, als dass er mit seinen 71 kW/96 PS fett Leistung abgibt und in praktisch jedem Drehzahlbereich gut fahrbar ist. Zumeist zeigt deshalb der runde, recht gut ablesbare Drehzahlmesser im Zentralinstrument nicht mehr als 4.000 Touren an. Auch wenn die Kühlung mittels Luft und Motoröl noch ganz traditionell funktioniert, ist das Triebwerk doch hochmodern: Der bereits nach Euro 4 homologierte Antrieb weist drei Fahrmodi und eine Traktionskontrolle auf. Die war bei unserer Testfahrt rund um den Comer See, wo sich ja der Firmensitz von Moto Guzzi befindet, auch gelegentlich im Einsatz – es regnete nämlich zeitweise, die Straßen waren überwiegend nass. Das Hinterrad bedurfte deshalb immer wieder des elektronischen Regeleingriffs, um nicht den Kontakt zur Fahrbahn zu verlieren.

Für 18.500 Euro liefert Moto Guzzi mit der Audace einen markanten, gut ausgestatteten Sport-Cruiser, dessen optische Erscheinung echt was hermacht. Der Hersteller selbst bietet zahlreiche Möglichkeiten, den Aufmerksamkeitswert zu steigern: Der Zubehörkatalog ist ein buchdickes Werk und enthält so reizvolle Accessoires wie rote Zylinderhauben und eine aus Karbon gefertigte Tankverkleidung, die prima zum Serien-Frontkotflügel aus demselben exklusiven Werkstoff passt. Wenn Moto Guzzi jetzt auch noch ein paar Details in der Verarbeitung (Beschlagneigung von Scheinwerfern und Blinkern bei Nässe, Elektro-Ausrüstung) auf das allgemeine Niveau des Fahrzeugs anheben kann, darf man Käufern zum Erwerb einer Audace 1400 gratulieren. Motorräder wie diese – nämlich ein gelungener Mix aus traditionellem Ansatz und moderner Technologie – gibt es am Markt nicht mehr viele.

(SP-X)
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