| 13.45 Uhr

Fahrbericht
Harley-Davidson Roadster - die Kunst des Weglassens

Harley-Davidson Roadster - Krönung der Sportster-Baureihe
Harley-Davidson Roadster - Krönung der Sportster-Baureihe FOTO: Harley-Davidson
St. Tropez. Harley-Davidson krönt seine Sportster-Baureihe mit der neuen Roadster-Variante, die sich besonders reduziert und dadurch auch sportlicher gibt. Von Ulf Böhringer

Wer selbst eine der extrem beliebten "Fourty-Eight" sein Eigen nennt, spürt einen gewaltigen Unterschied: "Dieses Fahrwerk möchte ich in meinem Motorrad haben", entfuhr es spontan einem besonders mit der Marke vertrauten Kollegen.

Äußeres Kennzeichen der für eine Harley Sportster neuen Fahrwerksqualität ist eine Upside-down-Telegabel an der Front, neu sind aber auch die hinteren Federelemente sowie  extra für dieses Modell entworfene Leichtmetall-Gussräder.

Die neuen Federelemente sorgen in Verbindung mit etwas mehr Federweg für eine mit bis zu 31 Grad spürbar größere Schräglagenfreiheit, so dass diese Sportster-Version ihrem Namen deutlich mehr Ehre macht als ihre Schwestern. 

Die Motorrad-Neuheiten 2016 FOTO: dpa, loe

Motor, Rahmen und der 12,5 Liter-Tank in seiner charakteristischen Sportster-Form entsprechen auch bei der neuen Roadster dem Grundprinzip dieser Baureihe. 1202 Kubikzentimeter beträgt der Hubraum des Langhubers, 49 kW/67 PS die Leistungsausbeute.

Wer flott unterwegs sein möchte, muss viel schalten

Bei welcher Drehzahl (5.500/min.) die Maximalleistung anfällt, kann man leicht erkennen, denn ungewöhnlicherweise wird das runde Zentralinstrument am Lenker von einem unübersehbaren Drehzahlmesser  bewohnt. Freilich dringt man aufgrund der Leistungscharakteristik des 45°-V2 nicht allzu oft in diese Region vor; dank der 97 Newtonmeter Drehmoment – sie stehen allerdings erst bei 4.250 U/min zur Verfügung – blieben während des ersten Tests über fast 300 Kilometer die letzten 1.000 Touren meistens ungenutzt.

Man verliert kaum Kraft, vermeidet aber dafür die doch beträchtlichen Vibrationen des Großkolben-Triebwerks bei für diesen Motor höheren Drehzahlen.

Fahrbericht - Ducati Multistrada 1200 Enduro FOTO: Hersteller

Wer glaubt, der 1200er garantiere mächtig Druck schon im Drehzahlkeller, wird schon bald eines Besseren belehrt: Wer flott unterwegs sein möchte, muss viel schalten, um die Drehzahlmessernadel möglichst stets zwischen 3.000 und 4.500 Umdrehungen halten zu können.

Zum Glück fallen weder Schalten noch Kuppeln schwer; beide Komponenten arbeiten präzise und leichtgängig. Im dichten Stadtverkehr bedarf es freilich gar nicht so seltenen Auskuppelns bei niedrigem Tempo. Wem entspanntes Cruisen liegt, der wird gut bedient: Ab 1.500 U/min nimmt der V2 sauber Gas an und gibt sich auch recht kultiviert.

In der Tat lässt sich die Roadster erfreulich zügig um Kurven steuern, solang diese nicht Haarnadel-Niveau erreichen. Man muss nur den Stier an den Hörnern packen (also den Lenker kräftig in die Hand nehmen), dann genügt ein kurzer Impuls und schon nimmt die relativ schmal bereifte Roadster die gewünschte Neigung ein.

Mitglied von Harley-Davidsons Dark-Custom-Familie

Kurven umrundet sie nahezu stoisch, bis der forsche Fahrer dann doch durch laut kratzende Fußrasten daran erinnert wird, dass auch diese Harley kein Racer ist. Die verbesserten Federbeine wie auch die Upside-down-Gabel mit progressiven Federn verrichten ihre Arbeit ordentlich; kurze, harte Stöße mögen beide jedoch nicht – und des Fahrers Hände bzw. Bandscheiben ebenso wenig. Die Dreischeiben-Bremsanlage mit serienmäßigem ABS erfüllt ihren Dienst unauffällig.

Die Neuheiten der Motorradmesse EICMA 2015 FOTO: Hersteller

Die Roadster ist Mitglied von Harley-Davidsons 2008 eingeführter Dark-Custom-Familie. Darunter sind Motorräder zu verstehen, die einerseits nicht mehr aufweisen, als man zum Fahren wirklich braucht, die aber andererseits zugleich vielerlei optische Veränderungen erlauben – ein gelungener, weil einträglicher Beitrag der Marketing-Abteilung.

Der Zubehörabsatz von Customizingteilen floriert baureihenübergreifend. Da Harley bei der Roadster also alles weggelassen hat, was nicht zwingend erforderlich scheint, gibt es ausstattungsseitig auch nicht viel zu beschreiben: Prima funktionieren die selbstrückstellenden Blinker, sehr gut gelöst ist die Bedienlogik der Lenkerschalter. Das schlüssellose (Keyless-) Startsystem, erstmals in einer Sportster verwendet, funktioniert ebenfalls astrein.

Danebengegangen ist allerdings die Gestaltung des neuen Zentralinstruments: Das unterhalb des Drehzahlmessers gelegene Display mit Geschwindigkeits- und Ganganzeige ist nur bei voll draufknallender Sonne oder bei Dunkelheit ablesbar, ansonsten verweigert es wegen des zu geringen Kontrasts der invers dargestellten Ziffern auf dunklem Grund einfach die Informationsweitergabe.

Vergleichstest: BMW S 1000 vs. Ducati Multistrada FOTO: fbn/SP-X

Ein noch größeres Ärgernis sind die Fahrerfußrasten: Erstens fehlt ihnen eine Feder, die sie vor dem unbeabsichtigten Hochklappen bewahrt, zweitens ragen sie exakt an jenem Platz so weit nach außen, dass es beim Anhalten stets höchster Konzentration bedarf, um den Fuß sicher auf dem Boden zu platzieren. Einige Male wäre das beinahe schief gegangen.

Zudem bleibt man wegen der schräg nach außen weisenden "Angstnippel" immer wieder mit den Stiefeln hängen, was diese genauso wenig mögen wie der Fahrer. Insgesamt eine klare Fehlkonstruktion – waren die Harley-Erprobungsfahrer eigentlich nie im Stop & Go-Verkehr unterwegs?

Mit einem Preis von – je nach Lackierung – 12.705 bis 13.285 Euro verlangt Harley-Davidson nicht wenig Geld für ein Bike, das in dieser Konfiguration nur in diesem Jahr angeboten werden kann, denn es ist noch nicht nach der neuen Euro-4-Emissionsnorm homologiert, sondern noch nach der am 31. Dezember 2016 auslaufenden Euro 3.

Motorrad fit für den Frühling machen FOTO: dpa, zeh

Für den Fahrer/Käufer muss das kein Nachteil sein: Denn noch weiß niemand außerhalb der Motor-Company in Milwaukee, ob die neue Homologation nicht Leistung kostet – und wenn ja, wie viele der bislang 67 PS übrigbleiben.

Technische Daten Harley Davidson XL1200CX Roadster

Motor:  Luftgekühlter Zweizylinder-Viertakt-V-Motor (45°), 1.202 ccm Hubraum, 49 kW/67 PS bei  5.500/min., 97 Nm bei 4.250/min; Einspritzung, 6 Gänge, Zahnriemen.

Fahrwerk: Doppelschleifern-Stahlrohrrahmen; vorne 4,3 cm USD-Telegabel, 11,4 cm Federweg; hinten Stahl-Zweiarmschwinge, zwei Federbeine, Vorspannung einstellbar, 8,1 cm Federweg; Leichtmetallgussfelgen; Reifen 120/70 R 19 (vorne) und 150/70 R 18 (hinten). 30 cm Doppelscheibenbremse vorne, 26 cm Einscheibenbremse hinten.

Assistenzsysteme: ABS.

Maße und Gewichte: Radstand 1,505 m, Sitzhöhe 78,5 cm, Gewicht fahrfertig 259 kg; Tankinhalt  12,5 l.

Preis: ab 12.705 Euro inkl. Nebenkosten.

(SP-X)
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Testbericht: Harley-Davidson Roadster - die Kunst des Weglassens


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.