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Sieben Fragen, sieben Antworten
Abgas-Skandal setzt Winterkorn unter Druck

Das ist Martin Winterkorn
Das ist Martin Winterkorn FOTO: dpa, ude arc lof
Wolfsburg/Washington. Volkswagen verlor an der Börse 16 Milliarden Euro. Der Konzern hat Abgas-Prüfungen in den USA manipuliert - auch in Deutschland? Von Reinhard Kowalewsky

Härter kann es für ein Unternehmen nur schwer kommen: In wenigen Stunden verlor Deutschlands umsatzstärkster Konzern Volkswagen gestern 16 Milliarden Euro an Börsenwert, nachdem er zugegeben hatte, dass die Messergebnisse für Diesel-Autos in den USA manipuliert worden waren.

Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) spricht von einem "schlimmen Vorfall". Und sowohl der Duisburger Branchenexperte Ferdinand Dudenhöffer als auch Umweltschützer fordern den Rücktritt des 68-jährigen: "Entweder Martin Winterkorn hat nicht gewusst, was seine Kollegen in den USA treiben. Dann hat er ein Führungsproblem. Oder er hat es gewussst - dann ist er erst recht nicht zu halten", sagte Dudenhöffer.

Am Mittwoch kommen die Aufsichtsräte zusammen, um über die Krise zu beraten. Niedersachsens Ministerpräsident und VW-Kontrolleur Stephan Weil (SPD) nannte die Manipulationen "völlig inakzeptabel". Nach einer gründlichen Aufklärung werde über die Folgen entschieden.

Wie hat VW manipuliert? Der Konzern hat offenbar die Bordcomputer vieler Dieselwagen in den Vereinigten Staaten so programmiert, dass sie bei den Tests durch die Umweltbehörde auf einen speziellen Sparmodus umschalteten. Als Ergebnis konnten die Deutschen die sehr strengen US-Vorgaben für Schadstoffe erfüllen. Aber im Normalbetrieb stießen die Wagen dann deutlich mehr Schadstoffe aus - konnten aber beim Kunden wohl auch mit zügigerem Motorenverhalten glänzen.

Ihre Rechte bei Auto-Rückrufen FOTO: Hersteller

Hat VW auch in Europa getrickst? Das ist die für die deutschen Bürger entscheidende Frage. Dieses Thema wollte Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) gestern im Gespräch mit Winterkorn klären. Verdächtig ist für Branchenkenner Dudenhöffer jedenfalls, dass VW bisher keine Erklärung zur europäischen Praxis abgab. Er weist daraufhin, dass in Europa seit einem Jahr mit der "Euronorm 6" ähnlich rigide Richtwerte wie in den USA gelten: So dürfen Dieselmotoren nur noch 80 Milligramm Stickoxid pro Kilometer ausstoßen, das sind knapp 50 Prozent weniger als der Grenzwert, der bislang galt und nur zehn Milligramm mehr, als die USA mit 70 Milligramm vorsehen. Dudenhöffer: "Hierzulande muss nun geprüft werden, ob VW bei den Zulassungen für Wagen trickste."

Was kostet Volkswagen der Skandal? Umgerechnet rund 16 Milliarden Euro könnten an Geldbuße an die US-Umweltschutzbehörde fällig werden. Die Fahrer der betroffenen fast eine halbe Million Autos können Nachbesserungen oder einen Umtausch verlangen - was weitere Milliarden Euro kosten kann. Laut Auffassung der Stuttgarter Kanzlei Tilp könnten außerdem einzelne Aktionäre Schadenersatz fordern, weil ihnen die Risiken in Amerika verschwiegen worden waren. Und als größtes Risiko droht Volkswagen ein erneuter, schlimmer Rückschlag im so wichtigen USA-Geschäft.

Was bedeutet die Krise in den USA für VW? Die Panne in Amerika kommt zur Unzeit: Volkswagen leidet bereits darunter, dass China als weltweit wichtigster Verkaufsmarkt schwächelt. Nun droht das schon lange fällige Aufholrennen in den USA zu scheitern: 2014 verkaufte VW dort nur 600.000 Wagen - rund sechs Prozent des weltweiten Verkaufs von etwas über zehn Millionen Stück. 2018 sollten aber rund 800.000 Fahrzeuge abgesetzt werden - und gerade Fahrzeuge mit der vielbeworbenen "Clean Diesel"-Technik sollten den Durchbruch bringen. Eine Hoffnung, die VW nun wohl abschreiben muss.

Dobrindt: Vom Erfinder der Gurkentruppe zum Minister FOTO: dpa, Maurizio Gambarini

Sind auch andere Autokonzerne betroffen? Daimler und BMW erklärten, von den Vorgängen in den USA nicht tangiert zu sein. Dies bestätigt die Bundesregierung weitgehend. Es gäbe keine "weiteren Erkenntnisse über mögliche Schummeleien weiterer deutscher Automobilproduzenten". Allerdings fordert Berlin alle Hersteller auf, in den USA aber auch in Deutschland eng mit den Behörden zusammenzuarbeiten, um Manipulationen bei Autotests ausschließen zu können.

Was sagen die Arbeitnehmer? Der VW-Betriebsrat und das Land Niedersachsen als zweitgrößter VW-Aktionär geben sich schwer betroffen. Sie fordern die lückenlose Aufklärung der Manipulationen: "Wir als Arbeitnehmervertreter nehmen die Vorwürfe sehr ernst und sind geschockt. Das muss jetzt mit aller Konsequenz und Offenheit aufgeklärt werden", sagte Volkswagen-Betriebsratschef Bernd Osterloh. Einen Rücktritt Winterkorns forderte er jedoch nicht.

Wie wichtig ist VW für Deutschland und NRW? Mit fast 300.000 Mitarbeitern ist Volkswagen mit Siemens, Daimler und Bosch einer der größten industriellen Arbeitgeber in Deutschland. VW ist wichtigster Arbeitgeber in Niedersachsen. In NRW sitzen Dutzende Zulieferer, die nach Wolfsburg liefern.

Quelle: RP
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