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Tödlicher Unfall in Bayern
Wenn Hitze die Autobahn sprengt

Blow-ups auf Autobahnen: Große Gefahr bei Hitze
Blow-ups können eine tödliche Gefahr darstellen. FOTO: dpa, Walter Dennstedt, Mittelbayerisch
Die extreme Sommer-Hitze hat 2014 auf der A93 in Bayern eine Autobahn regelrecht gesprengt. Die Nahtstellen der Betonplatten waren aneinandergestoßen und gebrochen. Folge: Ein Sprungschanzen-Effekt. Ein Motorradfahrer kam ums Leben. Kann das in NRW auch passieren? Von Philipp Stempel

Die Hitzewelle hat am Dienstag und Mittwoch auch Autobahnen beschädigt. Vor allem im Süden, wo es bis zu 40 Grad heiß wurde, wurden bei den Autobahnmeistereien Schäden gemeldet. So etwa bei einem Stück der A8 bei Remchingen nahe Karlsruhe oder auch auf der A7 in Baden-Württemberg. Auch in Bayern auf den Autobahnen A3, A7, A92 und A94 wölbte sich die Fahrbahn vor Hitze. Autofahrer wurden aufgefordert, auf allen Betonstrecken besonders vorsichtig zu fahren.

Dass solche Hitzeschäden tragische Folgen haben können, zeigt ein Fall auf der A93 bei Abensberg: Ein 59-jähriger Motorradfahrer kam ums Leben. Laut Polizei war er in Richtung Regensburg über eine halbmeterhohe Aufwölbung gefahren. Die Fahrbahn habe sich in Sekundenbruchteilen nach oben gewölbt, sei aufgerissen und habe so eine Art "Sprungschanze"gebildet, schildert die ortsnahe Zeitung "Mittelbayerische" den Vorfall. Der Motorradfahrer starb noch am Unfallort.

"Als wenn eine Tür aufgeht"

Auto: Zwölf schlimme Fehler bei Hitze FOTO: dpa, TÜV Süd

Aufnahmen zeigen, dass die Bruchstelle im Beton sich über die gesamte Breite der Fahrbahn zog. Ein Augenzeugenbericht lässt erahnen, wie gespenstisch schnell die Straße aufplatzte: "Als wenn eine Tür aufgeht", sagte ein beteiligter Autofahrer der bayerischen Zeitung.

Experten sprechen in solchen Fällen von "Blow-Ups". Betroffen seien vor allem Abschnitte mit Betonplatten, sagte der Sprecher der Autobahndirektion Südbayern, Josef Seebacher. Dass das so schnell an so vielen Stellen auftrete, sei außergewöhnlich. Alle Verkehrsteilnehmer wurden dringend aufgefordert, auf allen Betonstrecken äußerst vorsichtig zu fahren.

Normalerweise reichen zwei Millimeter 

Hitze im Auto: Was erlaubt ist und was nicht FOTO: ddp

Bodo Sina vom Landesbetrieb Straßenbau in Nordrhein-Westfalen kennt den Blow-up-Effekt. Er lässt sich auch auf den Straßen in NRW beobachten, wenn auch glücklicherweise nicht in so drastischen Ausmaßen. Er geht davon aus, dass die extremen Temperaturunterschiede in sehr kurzer Zeit dazu geführt haben, dass sich die Stoßkanten der Betonplatten in der Fuge mehrere Zentimeter hochwölbten.

Üblicherweise rechnet ein Autobahnmeister nach der Formel: Pro Grad Temperaturunterschied dehnt oder schrumpft eine Betonplatte pro Meter einen Zehntel Millimeter. Um diese Schwankungen auszugleichen, werden daher Dehnungsfugen von etwa zwei Millimeter Stärke in die Betondecke gefräst. Jeder, der schon einmal einen Fußboden verlegt hat, weiß: Bei Temperaturunterschieden dehnt sich das Material aus oder es schrumpft zusammen. Die Fugen sollen dem Material Spiel zum Arbeiten geben.

Wie eine Reihe von Dominosteinen

Tipps, wie man der Hitze entgegenwirkt FOTO: AP

Kompliziert wird es jedoch dann, wenn die Fahrbahn alt wird, erste Teile Schäden aufweisen und sich partiell vom Boden lösen. Sina vergleicht einen solchen Fall mit einer Reihe von mehreren Dominosteinen, von denen einige fest mit dem Untergrund verklebt sind, andere nicht. Hinzu kommen können bereits mit Asphalt geflickte Stellen.

Was passiert nun, wenn diese heterogene Ansammlung von Steinchen in Bewegung gerät? Die Folge: Das gesamte Gefüge der Dominosteine verzieht sich, Spannungen können sich auftürmen – und Schäden bewirken. Die Betondecke platzt auf. In der Regel sind das kleinere Stellen am Rand, die eine oder andere Ecke platzt dann weg. Unter Extrembedingungen wie jetzt in Bayern sind auch extreme Folgen möglich.

Es kann in Sekunden geschehen

In NRW sind Sina vergleichbare Fälle trotz der zahlreichen Klagen über den Zustand der Autobahnen in den vergangenen Jahren freilich nicht zu Ohren gekommen. Betonplatten gibt es hier ebenso wie in Bayern, beispielsweise auf der A44 oder der A31. Lediglich auf der A31 gab es einen Blow up, der aber schnell repariert wurde. Ausschließen will einen solchen Effekt jedoch auch in NRW niemand.

Besonders tückisch: Die ersten Schäden sind unsichtbar, spielen sich unter der Fahrbahndecke ab. Kommt es dann aber zu zu extremen Temperaturschwankungen wie jetzt in Bayern, können sich die Spannungen blitzartig entladen. So soll die A 93 innerhalb weniger Sekunden aufgerissen sein. Bis zu 50 Zentimeter hoch soll sich der Beton türmen können, heißt es von den Experten aus Bayern.

Regelmäßige Kontrollen

"Wir können nur dann reagieren, wenn es bereits passiert ist – ein sehr schwieriges Problem", sagte der Dienstellenleiter der Autobahndirektion Regensburg, Christian Unzner, der "Mittelbayerischen".

Üblicherweise deuten sich solche Fahrbahnschäden jedoch schleichend an, betont NRW-Experte Sina. Auch deswegen bemühen sich Streckenwarte, die Autobahnen regelmäßig zu kontrollieren. Zudem sei man auf Hinweise von Autofahrern angewiesen. "Wir haben nicht an jeder Ecke einen stehen", sagt Sina. Die Kollegen seien schnell draußen.

(pst/das)
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