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Cockpit-Revolution
Das Auto als rollendes Smartphone

Düsseldorf. Das Internet erobert die Autos. Die Smartphone-Hersteller Apple, Samsung und Nokia kämpfen um die Vorherrschaft im Cockpit. Sie versprechen den Fahrern mehr Sicherheit und Komfort. Ein neues Milliarden-Geschäft. Von Thomas Reisener

Vor 127 Jahren wurde das Auto erfunden, vor 30 das Internet. Jetzt wachsen die Techniken zusammen. Smartphone-Hersteller wie Apple, Samsung und LG investieren gerade Milliarden in alte Seilschaften und neue Standards: Sie wollen den Autobauern ihre Betriebssysteme andienen. Vor zwei Wochen hat Google den langjährigen Ford-Chef Alan Mulally in den Verwaltungsrat geholt. Kurz zuvor stellte der Konzern den Prototypen für ein eigenes Auto vor - es kann ohne Fahrer fahren.

Wer heute den Standard für die Schnittstelle Internet/Auto setzt, macht morgen ein Milliardengeschäft. Das gesamte Silicon Valley arbeitet an der Fortsetzung der digitalen Revolution auf Rädern. Vision: das Auto als rollendes Smartphone. Natürlich hat das Bord-Infotainment dabei drahtlosen Zugriff auf die komplette Mediathek des Fahrers. Die Elektronik zeigt in Echtzeit freie Parkplätze, Tankstellenpreise und zufällige Freunde in der Umgebung an. Weil die Autos untereinander kommunizieren, gibt es weniger Staus, und Unfallstellen werden sofort angezeigt.

Wobei "angezeigt" gar kein Ausdruck ist für das Spektakel, das sich demnächst auf der Windschutzscheibe abspielt. Zulieferer wie Continental arbeiten an einer neuen Generation von Head-up-Displays, die das Frontfenster zum Touchscreen machen: große Info- und Bedienfelder, deren Reglern und Schaltern es genügt, wenn der Fahrer in ihre Richtung zeigt. Dreidimensionale Navigationspfeile werden in die Windschutzscheibe eingespiegelt und leuchten genau dort über der Straße, wo die Fahrspur gewechselt werden soll. Katzenaugen flackern auf, wenn der Fahrer von der Fahrbahn abzukommen droht. Fußgänger wird die Windschutzscheibe rot umranden. Auf dunklen Feldwegen werden Nachtsichtgeräte den unsichtbaren Teil der Route erfassen und die Fahrerperspektive auf der Windschutzscheibe digital ergänzen.

Vieles davon wird noch in diesem Jahrzehnt Realität. Google verhandelt gerade mit Audi, Apple mit General Motors, Daimler und BMW. Nokia kaufte 2007 zum Erstaunen der Branche für knapp sechs Milliarden Euro den Digitalkarten-Spezialisten Navteq und investierte danach noch weitere Millionen in den Kartendienst. Inzwischen erschließt sich die Strategie: Die Finnen wollen im Auto auf den vorderen Plätzen mitfahren. Auf der jüngsten Automesse in Frankfurt präsentierten sie eine Plattform, die Karten, Internet und Musik verbindet. Künftig soll Nokia-Software soziale Netzwerke einbinden und dem Fahrer zeigen, welche Facebook-Freunde sich gerade in der Nähe aufhalten. Navigationsziele werden in einer Cloud gespeichert: So kann der Fahrer nach dem Parken auch zu Fuß zum Ziel finden.

In einer Studie des spanischen Telefonkonzerns Telefonica zum "vernetzten Auto" gaben 71 Prozent der 5000 befragten Autofahrer aus Deutschland, Großbritannien, den USA, und Spanien an, dass sie spezielle Internetdienste für Autofahrer nutzen wollen. Als Vorteile nennen sie mehr Sicherheit, bessere Navigation, Frühwarnsysteme und intelligente Versicherungen, die aus dem Fahrstil individuelle Tarife berechnen. 35 Prozent glauben, in 20 Jahren gar kein eigenes Auto mehr zu besitzen.

Das ist der vielleicht folgenreichste Einfluss des mobilen Internets auf die Automobilindustrie: Einzelne Autos könnten bald nur noch kleine Fische in riesigen Car-Sharing-Schwärmen sein, die ihre Standorte ständig mit denen der Kunden verrechnen. Wer ein Auto braucht, drückt dann nur noch einen Smartphone-Knopf und wählt zwischen Transporter, Limousine oder Roadster aus. Minuten später kommt die Bestellung selbstständig herangerollt. Der Fahrer steigt ein, sein Smartphone konfiguriert die Einstellung von Sitz, Sound und den seinen häufigsten Navigationszielen. Wer soll sich in einer solchen Auto-Welt noch der Langeweile eines eigenen Fahrzeuges hingeben?

Quelle: RP
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