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70 Jahre Kult
Ein Herz und eine Vespa

Rom. Vor 70 Jahren wurde der Motorroller zum Patent angemeldet. Seither bewegt er nicht nur Menschen, sondern auch Herzen: Die Vespa war nie nur schnödes Fahrzeug, sondern stand auch für italienisches dolce vita. Von Jörg Isringhaus

Was Automobilfreunden der Käfer, bedeutet Motorrad-Enthusiasten die Wespe. Der eigenwillig geformte Motorroller aus dem Hause Piaggio war nie nur schnödes Fortbewegungsmittel, sondern bereits kurz nach seinem Stapellauf Ausdruck eines Lebensgefühls, Verkörperung des Zeitgeists und, mit zunehmendem Alter, auch Beschwörung eines Mythos. Kurz: eine unglaubliche Erfolgsgeschichte. Dass ein Gebrauchsgegenstand über sich selbst hinausweist, sieht man immer dann, wenn er emotional aufgeladen ist - also beispielsweise in Filmen etwas über die Figuren erzählt. Bei der Vespa ist das vor allem "Ein Herz und eine Krone" mit Gregory Peck und Audry Hepburn, einer Geschichte über eine unkonventionelle Liebe. 1953 war das, da war die Vespa schon sieben Jahre alt - aber bis heute, ihrem 70. Geburtstag, hat der Motorroller nichts von seiner Anziehungskraft verloren.

"Die sieht aus wie eine Wespe"

Dabei sollte er, so die Grundidee, vor allem einfach, effektiv und erschwinglich sein. Die Firma Piaggio, die bis dahin Kriegsflugzeuge gebaut hatte, suchte einen Verkaufsschlager für Friedenszeiten - ein motorisiertes Fahrzeug für jedermann. Zunächst kam dabei keine Wespe, sondern ein "Entchen" heraus: "Paperino" hieß der Prototyp eines Motorrads, das bei Firmengründer Enrico Piaggio aber durchfiel. Zu unbequem, zu laut, zu schmutzig war es. Erst beim zweiten Versuch legte Ingenieur Corradino d'Ascanio die bis heute nur leicht modifizierte Vespa-Form vor: breites Hinterteil, schmale Taille, der Flugzeuganlasser-Motor komplett verkleidet. "Die sieht aus wie eine Wespe", soll der begeisterte Piaggio ausgerufen haben. Am 23. April 1946 wurde sie zum Patent angemeldet - eine Legende war geboren.

Sie ist heute mindestens so lebendig wie zu den Hochzeiten in den 50ern. Rund 150 verschiedene Vespa-Modelle brachte die Firma auf den Markt, rund 18 Millionen Exemplare des Motorrollers wurden weltweit verkauft. Seit 2005 konnte Piaggio die Produktionszahl in den Werken in Pontedera, Vietnam und Indien auf 170.000 Stück pro Jahr verdreifachen. Derartiger Erfolg schafft Begehrlichkeiten: Nicht nur wurde die Form des Motorrollers von anderen Herstellern aufgegriffen und interpretiert, sondern teils auch gnadenlos kopiert. Was den Siegeszug der echten Vespa allerdings nicht stoppen konnte.

Das erste Modell war jedoch alles andere als eine Rakete. Mit 3,2 PS bei rund 100 Kubikzentimeter Hubraum schaffte die Ur-Vespa gerade mal 60 km/h. Um Geschwindigkeit ging es den Käufern jedoch nicht. Sie wollten vor allem kommod unterwegs sein, ohne sich an öligen Ketten die Klamotten zu verschmutzen. Und genau das bot der vielleicht nicht superschöne, dafür aber charmant-charakteristische Motorroller: einen gefederten Sattel und einen kettenfreien Antrieb durch eine Triebsatzschwinge, dazu noch unter einer Abdeckung verborgen. Außerdem ließ sich durch den komfortablen Fußraum zur Not auch noch der Einkauf transportieren.

Richtig befeuert wurde der Erfolg des Rollers und damit der Mythos aber durch seine Filmstar-Qualitäten. Fotos der unvergesslichen Spritztour von Peck und Hepburn zieren bis heute in Italien Kalender und Postkarten. Es sollten noch viele Filme folgen, in denen der Roller prominent auftaucht, von der Rock-Oper "Quadrophenia", in der sich britische Mods zu Vespa-Gangs zusammenrotten, über "American Graffiti" bis zu "Der talentierte Mr. Ripley". Diven wie Joan Collins, Jayne Mansfield und Nicole Kidman wurden nicht nur im Film, sondern auch am Set am Vespa-Lenker gesichtet.

Ein Rekord nach dem anderen

Die Vespa feierte auch Rekorde: 1952 baute der Franzose Georges Monneret eine "Vespa Anfibia" für das Rennen Paris-London und durchquerte mit ihr erfolgreich den Ärmelkanal. Spezial-Vespas erzielten später Spitzengeschwindigkeiten von mehr als 170 Kilometern pro Stunde. Abenteurer fuhren durch afrikanische Wüsten oder von Europa nach Grönland oder Indien oder Vietnam. Einer, der Australier Geoff Dean, ist sogar einmal um die Welt gerollt. Dazu schrauben in unzähligen Vespa-Clubs Fans des italienischen Rollers an ihren Maschinen und machen selbst betagte Exemplare zu Sammlerstücken. Und so steht in manchen Garagen heute vielleicht neben Käfer oder Ente die gepflegte Wespe für den Sommer.

Quelle: RP
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