Japanische Auto-Priester Schlechte Geister im Auto

Tokio · Während in Deutschland ein Gebrauchtwagen zur Grundreinigung in die Waschanlage kommt, stehen einem Auto in Japan aus Vorbesitz ganz andere Reinigungszeremonien bevor. Von der Segnung durch einen Priester bis zur Geisteraustreibung ist alles üblich.

Japan und die Geister im Auto
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Glasreiniger, Cockpitspray und vielleicht noch Desinfektionsmittel, Waschanlage, Staubsauger und wenn es hart kommt, ein Besuch beim Aufbereiter: Von den 7,1 Millionen Gebrauchtwagen, die im vergangenen Jahr in Deutschland ihren Besitzer gewechselt haben, hat ein Großteil diese Reinigungsprozedur in irgendeiner Art und Weise durchlaufen.

Auf der anderen Seite der Welt ist die Zeremonie etwas aufwendiger: Hier muss der Gebrauchte schon mal von der Seele des Vorbesitzers befreit werden.

"Es kommt vor, dass das Auto ein schlechtes Qi aufgenommen hat", sagt Eisuke Goto. Der Japaner sitzt in seinem kleinen Apartment in Tokio, unweit des Meiji-Schreins. Er bietet Tee an, dann erzählt er von seiner Berufung: Menschen helfen. Als Akupunkteur heilt er seelische und körperliche Beschwerden seiner Patienten, als Rei-jutsu-Therapeut löst er spirituelle Probleme.

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Foto: afp, kn/RAB

In dieser Funktion reinigt er Autos. Nicht mit Wasser und Seife, sondern auf spiritueller Ebene. Der chinesische Begriff "Qi", über den Goto spricht, meint Energie, in diesem Fall ist es eine schlechte Energie, die der Gebrauchtwagen aufgenommen hat.

"Einige Autos scheinen Unfälle nur so anzuziehen", nennt der Japaner ein Beispiel. In anderen Fällen hat der Vorbesitzer seine Probleme im Auto zurückgelassen, so dass der Wagen einen schlechten Einfluss auf das Leben seines neuen Besitzers hat. Das kann sich sogar in körperlichen Symptomen äußern. Gotos Patienten kommen zu ihm, damit er die schlechten Geister aus ihrem Auto entfernt.

Was für deutsche Ohren befremdlich klingen mag, ist in Japan üblich. In einem Land, in dem die städtischen Bürgersteige so rein sind, dass selbst penible deutsche Hausfrauen staunen würden und sogar Hosentaschen-Aschenbecher Abnehmer finden, damit Mitmenschen nicht mit Zigarettenkippen belästigt werden, legt man auch auf die Reinheit des Geistes großen Wert.

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Foto: Shutterstock.com/ Paolo Bona

Das Thema Gebrauchtwagen nimmt dabei einen speziellen Platz ein. Das besondere Verhältnis der Japaner zu Wagen aus Vorbesitz kann man schon in den Straßen Tokios erkennen, wenn man genau hinschaut: Es fahren fast ausschließlich neuere Modelle durch den dichten Hauptstadt-Verkehr. Über fünf oder gar zehn Jahre alte Autos sieht man kaum.

Aber nicht, weil sie massenhaft den Geist aufgegeben hätten, um ein thematisch passendes Wortspiel zu wählen. Im Gegenteil, gerade wegen ihres gepflegten Zustandes lohnt es sich oft, sie auch weitere Wege zu transportieren und dann zu verkaufen. Die Gebrauchten werden in großen Mengen exportiert, nach Russland oder Neuseeland zum Beispiel.

"In Japan hingegen mag man vor allem neue Dinge — das gilt auch für Autos", sagt Buchautor Peter Lyon, der seit vielen Jahren in Tokio lebt und sich für sein Buch "Flashing Hazards" eingehend mit der japanischen Autokultur beschäftigt hat.

Wer es sich leisten kann, fährt einen Neuwagen. Wer keinen Neuwagen fährt, legt zumindest großen Wert darauf, dass der Alte wirkt wie neu: Da müssen schon mal oft genutzte Details wie Schaltknauf oder Lenkrad ersetzt werden. Doch auch dann haben nicht wenige Menschen noch ein ungutes Gefühl in ihrem Gebrauchtwagen. Und hier kommt Goto, als eine Art Geisteraustreiber, ins Spiel.

Dafür braucht er noch nicht einmal das Auto selbst. Nummernschild, Name des Fahrers und Modell genügen, um den Wagen spirituell von allen störenden Energien zu befreien. Mit einem kleinen Glöckchen an einer Kette, das er über den Händen des Patienten pendelt, will er feststellen, wo das Problem liegt. "Es ist wie ein Metalldetektor", sagt Goto. Zum Abschluss der Zeremonie kniet sich der Therapeut vor seinen Haus-Schrein, betet zur japanischen Shinto-Göttin Amaterasu und stimmt einen Gesang an.

Shinto ist neben dem Buddhismus eine der Religionen, der die meisten Japaner anhängen. Auch in Shinto-Schreinen kann man eine Reinigungs-Zeremonie buchen, die zwischen 10.000 und 15.000 Yen — etwa 70 bis 100 Euro — kostet und etwa eine Viertelstunde dauert. Es ist eine Mischung aus Glauben und Aberglauben, die die Autobesitzer antreibt — in der Art: Wer weiß, was vorher in dem Wagen geschehen ist.

Ein Beispiel: Auch im deutschen Sprachgebrauch kennt man den Begriff "es herrscht dicke Luft", wenn zwei Menschen sich gestritten haben. Während mancher, der dazu kommt, nichts bemerkt, spüren sensiblere Naturen die negativen Schwingungen sofort. Der Shinto-Priester singt oder verstreut Salz als Teil des Reinigungsrituals. Wer allerdings ein ernsteres Problem hat, wendet sich an einen Geistheiler, oder Exorzisten, wie Goto. Drei Sitzungen reichen meistens aus, sagt er, die heutige beendet er kniend vor dem Haus-Schrein mit einem vehementen Zeigefingerschwung.

Wer ganzjährig auf Nummer sicher gehen will, fährt zu Beginn des neuen Jahres zu einem Shinto-Schrein und holt sich für ein paar Euro ein "O-fuda" für seinen Gebrauchtwagen. Der Talisman aus Papier, den sich der Autofahrer an den Rückspiegel hängt, soll zum Beispiel vor Verkehrsunfällen schützen. Und bei diesem (Aber-) Glauben sind sich die Luftlinie etwa 9.000 Kilometer voneinander entfernten Länder Japan und Deutschland wieder ziemlich ähnlich: Hierzulande heißt der Talisman Christopherus, ist der Schutzheilige der Autofahrer und fährt auf einer Plakette im Auto mit — zumindest in den älteren Modellen.

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