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Neue Studie warnt
Handy am Steuer – lebensgefährlicher Blindflug

'Die letzte Nachricht': Immer wieder Tote wegen Handy
Düsseldorf. Autofahrer, die hinter dem Steuer mit dem Handy herumhantieren, stellen ein ernsthaftes Verkehrsrisiko dar. Besonders das Tippen und Lesen lenkt stark vom Verkehr ab. In Deutschland ist die Zahl der Verstöße besonders hoch.

Das geht aus einer bislang unveröffentlichten Studie der Technischen Universität Braunschweig hervor, welche den Radioprogrammen NDR Info und N-JOY vorliegt. Die Verkehrspsychologen registrierten bei der Beobachtung von knapp 12.000 vorbeifahrenden Autos, dass in diesem Moment 4,5 Prozent der Fahrer durch Hantieren mit ihrem Handy abgelenkt waren – das sind mehr Fahrer, als beim Telefonieren beobachtet wurden.

Zu einem ähnlichen Ergebnis kam eine Stichproben-Kontrolle des Automobilclubs ACE im Herbst 2015. An rund 600 neuralgischen Punkten in ganz Deutschland hatten sich die Tester positioniert, um das Verhalten in Bezug auf das Mobiltelefon genauer unter die Lupe zu nehmen. Insgesamt wurden dabei 13.878 verbotene Handynutzungen dokumentiert. 

"Alarmierend hohen Rate von Tippen während der Fahrt" 

Die Braunschweiger Studie spricht von einer im Vergleich zu anderen Ländern "alarmierend hohen Rate von Tippen während der Fahrt" in Deutschland. Das bestätigt auch Bruno Merz, Organisator der Aktion "Park dein Handy, wenn du fährst": "Das Entdeckungsrisiko ist so gering, dass die Strafe von 60 Euro und einem Punkt in Flensburg immer weniger Autofahrer davon abhält, am Steuer zum Smartphone zu greifen."

Das kosten Verkehrssünden im Ausland

Der Leiter der Studie, der Verkehrspsychologie-Professor Mark Vollrath, schließt daraus, dass Fahrer Handys auch dann benutzen, wenn der Verkehr höhere Aufmerksamkeit erfordert. Vollrath führt den Anteil unzulässiger Handynutzung auf die stark gestiegene Zahl von Smartphones in Deutschland zurück, aber auch auf mangelndes Problembewusstsein.

"Den Leuten scheint nicht klar zu sein, wie gefährlich gerade das Tippen auf dem Handy ist. Aber Problembewusstsein alleine reicht nicht. Man lässt solche Dinge erst dann sein, wenn sie zu negativen Konsequenzen führen", sagte Vollrath und forderte mehr Kontrollen sowie eine Überarbeitung der gesetzlichen Regelung.

Die Grafik des ADAC zeigt, wie viele Meter man bei welcher ablenkenden Tätigkeit im Auto im Blindflug zurücklegt. (Ein Klick auf "Vergrößern" zeigt die ganze Grafik). FOTO: ADAC

Auch zehn der von den beiden Radiosendern befragten 16 Bundesländer halten die Formulierung des Mobiltelefonverbots für nicht mehr zeitgemäß, unter anderem, weil mittlerweile auch viele andere technische Geräte genutzt werden könnten. Das Schreiben einer SMS oder das Eintippen einer Telefonnummer erhöht das Unfallrisiko laut Studien um das Sechs- bis Zwölffache.

Der ACE hat nach seiner Untersuchung drei Hauptursachen für die Missachtung des Handyverbots ausgemacht:

  • Niedriges Entdeckungsrisiko: Defizite im Bereich der polizeilichen Verkehrsüberwachung führen dazu, dass heute kaum ein Handysünder überführt wird. Das Entdeckungsrisiko sei so gering, dass die Strafe von 60 Euro und einem Punkt in Flensburg immer weniger Autofahrer davon abhält, am Steuer zum Smartphone zu greifen, heißt es vonseiten des  Automobilclubs.

  • Psychologische "Belohnung": Durch Ablenkung verursachte Fahrfehler, die glimpflich ausgehen, würden vom Gehirn 'belohnt‘, die Gefahr des Unfalls mit schwerwiegenden Konsequenzen ausgeblendet und nur das "Meistern der Situation" verinnerlicht. "Der Fahrer bekommt quasi einen Klaps auf die Schulter", sagt Merz. 

  • Fehlende Unfallstatistik: Bisher wird bei Unfällen in der Regel nicht ermittelt, ob zum Unfallzeitpunkt telefoniert, gesimst oder gesurft wurde. Die fehlenden Daten führen dazu, dass – im Gegensatz beispielsweise zu Alkoholdelikten – nur theoretische Werte bezüglich der tödlichen Gefahr vorliegen. 

Statistiken aus Ländern wie den USA oder Österreich nennen die Nutzung von Handys als eine der Hauptunfallursachen. In Deutschland führen nur Berlin, das Saarland und Nordrhein-Westfalen überhaupt Statistiken, kommen dabei aber auf überraschend geringe Zahlen. 

Danach konnte in weniger als 0,1 Prozent der Unfälle Handynutzung als Unfallursache nachgewiesen werden. Verkehrsforscher Vollrath hält diese Zahlen für nicht repräsentativ und die Erfassung durch die Polizei für lückenhaft. Der ADAC schätzt, dass in Deutschland jeder zehnte Unfall auf unzulässige Handynutzung zurückzuführen ist. 

Handys dürfen laut Straßenverkehrsordnung während der Fahrt nicht in die Hand genommen und benutzt werden. Verstöße von Autofahrern werden mit 60 Euro Bußgeld und einem Punkt beim Flensburger Kraftfahrtbundesamt geahndet. In anderen europäischen Ländern sind die Strafen teils drastisch höher. Für Radfahrer werden 25 Euro fällig. Immer wieder diskutieren Politiker eine Erweiterung und Verschärfung des Verbots.

(csr)
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