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Unser erstes Auto
Von Enten und Käfern

Unser erstes Auto: Von Enten und Käfern
Eine Ente war bei vielen das erste Auto. FOTO: SP-X/ Hersteller
Düsseldorf. An das allererste Auto denken viele gern zurück. Selbst wenn diese Rost ansetzten und nach kurzer Zeit der Lack ab war, die Wagen waren etwas Besonderes. Wir haben unsere Erinnerungen zusammengetragen.

Diese Nachricht hat uns nachhaltig aufgeschreckt: dass nämlich junge Leute heute offenbar nicht mehr so sehr auf einen Führerschein mit 18 und ein eigenes Auto aus sind. Genau das aber war damals für viele von uns das Tor zur Freiheit, der Eintritt ins richtige Leben. Und genau darum haben die meisten von uns alles oder doch sehr viel dafür unternommen. Wir haben gespart (eher selten), Nebenjobs angenommen (mitunter) oder die Oma viel öfters besucht als sonst (fast alle). Am Ende hat das meist zum Erfolg geführt, also zur Finanzierung des Führerscheins sowie eines uralten Gebrauchtwagens, in den sich heute schon aus Sicherheitsgründen kein Mensch mehr freiwillig setzen würde. Was blieb, war unser Traum oder auch unsere Illusion von Freiheit. Unsere kleinen Texte hier sind darum mehr als Selbstauskünfte - sie sind gelebte Bekenntnisse aus einer fernen Zeit und einer offenbar auch sehr anderen und vergangenen Welt.

Alfasud mit legendärem Sound

FOTO: privat

Mein erstes Auto gehörte meiner Mutter, es war ein roter VW Käfer. Nachdem ich eine Delle in die Stoßstange gefahren hatte, beschloss ich, künftige Schäden am eigenen Auto zu verursachen. So kaufte ich für kleines Geld (1200 D-Mark) einen roten Alfasud, der prächtig schnurrte und eine gute Zeit lief, bis der TÜV ihn mir wegen kapitaler Durchrostung wegnahm. Es war ein Jammer, auch dem TÜV-Mann tat es leid, denn der Wagen sah fesch aus. Er war ein Auto für die sommerlichen Momente des Lebens, ich kam mit ihm sogar in seine Heimat, doch Salzfraß durch winterliches Streuverhalten mochte mein kleiner Italiener nicht. Der röhrende Sound des Auspuffs war legendär, übte aber längst nicht die Anziehungskraft auf junge Damen aus, die ich mir erhofft hatte. In dieser Hinsicht war mein altes Klavier, das nie zum TÜV musste, hilfreicher. Wolfram Goertz

Ente auf dem Nürburgring

Sogar das Kfz-Kennzeichen habe ich nach 47 Jahren nicht vergessen: KK-EE 320. Das Nummernschild gehörte zu meiner beigefarbenen Ente, dem wackelig-knieweichen Kultwägelchen 2 CV aus der Citroën-Familie. Bezahlt hatte es 1970 die Mutter, Halter war außer mir auch mein Bruder, Fahrer jedoch war ich allein, weil Bruder Willhelm fern der Heimat in West-Berlin studierte. Heute würde man jemanden, der eine Ente fuhr, als leicht verrückt bezeichnen. Das drollige Ding war, wie die Juristen sagen, gesetzlich eingerichtet: Lenkrad, Tacho, Revolver-Drei-Gangschaltung, Pedale für Gas, Kupplung, Bremse, aufrollbares Verdeck, seitliche Klappfenster. Innen war's zugig, nie ging es zügig voran. Dennoch unvergessen bleibt der Schabernack auf der Nürburgring-Nordschleife: mit maximaler Seitenlage und maximaler Geschwindigkeit von 90 Stundenkilometern. Meine Begleiterin fand das Auto "süß". Selbstverständlich beherzigte ich beim Enten-Treffen auf der Straße den üblichen Gruß als Zeichen dafür, dass man zum Klub der jungen Verrückten gehörte, die untermotorisiert, aber überglücklich in einer Schaukel auf vier schmalen Rädern die Leichtigkeit des Seins empfanden. Es kam jedoch an feuchten Herbstmorgen vor, dass die Zündung nicht zündete und deshalb die Leichtigkeit des Seins in schnöde Handarbeit mündete. Mit einer eisernen Kurbel, welche der Enten-Baumeister für Notfälle mitgeliefert hatte, brachte ich an so manchem Tag meine Ente in Gang. Nach fünf Jahren wurde sie gegen ein anderes harmloses Tier getauscht: den Käfer von VW. Reinhold Michels

Erste Fahrt im zweiten Gang

Es war der Morgen meiner Führerscheinprüfung. Zu Fuß war ich nach bestandenem Test nach Hause gelaufen, so erleichtert wie selten im Leben, da stand er schon vor der Tür: der Käfer meiner Tante. Diamantsilbermetallic. Mit einer Plakette hinten auf dem Motordeckel: Der "Silver Bug" gehörte zu jener Serie, die in Mexiko gebaut wurde, als dort 1981 das zwanzigmillionste Exemplar vom Band rollte. Aber das nahm ich alles gar nicht wahr, so riesig war die Überraschung. Das Ziel der ersten Fahrt war also klar. Mit Blumen auf dem Rücksitz fuhr ich allein zu meiner Tante. Allerdings hatte ich in einem modernen Golf fahren gelernt, nun musste ich plötzlich eine Kupplung in den Boden treten, und die Gänge liefen auch nicht wie geschmiert. Ehrlich gesagt, hat es bei dieser ersten Fahrt nur bis zum zweiten Gang gereicht. Ich bin also in meinem silbernen Käfer durch den Verkehr gekrochen, schweißnass, und hab mir bei der Tante nichts anmerken lassen. Den dritten Gang habe ich dann abends gefunden - bei Übungsrunden mit dem großen Bruder vor dem Supermarkt. Dorothee Krings

Lack ab nach zwei Jahren

FOTO: privat

55 PS für 800 Euro - das klang für mich vor 30 Jahren nach einem guten Deal. Was hätte ich mir auch sonst einreden sollen: Mehr Auto als diesen 1974er Ford Taunus konnte ich mir von meinem Zivi-Gehalt ja ohnehin nicht leisten. Der Vorbesitzer - irgendein Schauspieler aus Münster - hatte das Etikett einer Whisky-Flasche auf die Motorhaube geklebt und ich eine Stones-Zunge auf den Kofferraum. Ansonsten war mein "Blues-Mobil" taubengrau. Was praktisch war: So musste man die nachgeschweißten Roststellen nur grundieren und konnte sich aufwändige Lackierarbeiten sparen. Als ich das Auto zwei Jahre später tief bewegt zu seiner letzten Ruhestätte auf einem Schrottplatz in Rinkerode fuhr, war der Lack dann auch tatsächlich ab. Und zwar ganz. Ich bekam noch 30 Mark für die Batterie. Was mir besonders gefiel: Mein Schauspieler-Vorbesitzer hatte den Schlüssel im Zündschloss abgebrochen. Zum Anlassen musste ich also immer ein Zehn-Pfennig-Stück auf den Schlitz drücken, um so den Rest-Schlüssel umzudrehen. Heute ist das ein teures Extra und heißt Keyless-Go. Nur mit dem Unterschied, dass meine Lösung damals funktionierte. Was man von dem heutigen Funkschlüssel-Kontaktlos-Gedöns ja wohl nicht gerade behaupten kann. Thomas Reisener

Läuft und läuft und läuft

FOTO: privat

Mein erstes Auto fahre ich noch immer, denn den Wagen habe ich erst vor drei Jahren übernommen. Es ist ein Ford Focus, Baujahr 2003, und er läuft und läuft und läuft. Sollte sich das einmal ändern, und der Tag wird ja wohl kommen, war's das. Einen neuen Wagen werde ich mir wohl nicht mehr zulegen. Mein erstes Auto kann vorerst mein letztes bleiben, denn in den vergangenen drei Jahren habe ich festgestellt, dass es ohne genauso gut geht. So ein Wagen ist teuer, in der Stadt steht man ständig im Stau, und die Parkplatzsuche dauert oftmals ewig. Jeden Tag um kurz vor sieben morgens gibt's im Viertel deshalb eine Choreografie zu bestaunen: Dann nämlich bewegen alle ihre Wagen aus den Halteverboten, kurz darauf rückt für gewöhnlich das Ordnungsamt an. Dieses Auto kostet also nicht nur und verstopft die Straßen. Es bringt mich auch um den Schlaf. Klas Libuda

Ein VW namens Enzo

FOTO: privat

Mein erstes Auto habe ich Enzo getauft - nach Enzo Ferrari, dem Rennwagenhersteller. Nicht, dass mein Auto viel Ähnlichkeit mit einem Ferrari gehabt hätte. Aber gefühlt habe ich mich wie in einem coolen roten Sportwagen. An jeder Ampel war mein Wagen der lauteste. Das lag nicht etwa an den Pferdestärken, sondern am rostzerfressenen Auspuff, aber das war mir egal. Mein Vater schenkte mir den VW Golf Pick-up etwa ein Jahr vor meinem 18. Geburtstag mit den Worten: "Da müssen wir noch einiges dran machen." Ich hatte bis dahin keine Ahnung von Autos, aber Teil für Teil machten mein Vater und ich die Kiste flott, und mit der Zeit gewann ich diesen Wagen lieb. Das Auto brachte mich zu meinem ersten Date, zum ersten Disco-Besuch, zum ersten Job und in meinen ersten Urlaub ohne Eltern - nach Holland ans Meer. Enzo war nicht bloß ein Auto, sondern ein Wegbegleiter. Anna Zörner

Überwältigende 23 PS

FOTO: privat

Die blassgelbe Ente stand schon zwei Wochen vor dem 18. Geburtstag vor der Haustür. Zum Angucken. Zum Träumen. 23 PS, knappe 400 Kubikmeter Hubraum und Bodenbleche, die (was ich damals noch nicht ahnte) vor allem zum Schweißen da waren. Das Auto war aber auch ein Deal. Es wurde von den Eltern unter der Vorgabe angeschafft, den so innig ersehnten Motorradführerschein nicht zu machen. Eine Frage der Vernunft. Und die Antwort darauf fiel wirklich schwer. Am Nachmittag nach bestandener "Auto-Prüfung" war ich allein daheim. Der Zündschlüssel lag auf dem Schreibtisch, der Tank (20 Liter) war gefüllt. Die Welt stand also offen. Alles konnte passieren. Das war dermaßen überwältigend, dass ich mich schlafen legen musste. Unglaublich. Die Abenteuer begannen später - mit Fahrten nach Österreich (18 Stunden), durch Schneelandschaften und im Sommer mit sechs Mitfahrern bei offenem Verdeck. Die Ente blieb tapfer, soweit sie konnte. Eine Zeit des kleinen, kurzen Glücks. Lothar Schröder

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Quelle: RP
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