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Programm "Vision Zero"
Schweden will keine Verkehrstoten mehr

"Vision Zero" - Schweden will keine Verkehrstoten mehr
Die Stockholmer Innenstadt. Mit 2,8 Verkehrstoten pro 100.000 Einwohnern hat Schweden deutlich weniger Unfallopfer als die meisten anderen Nationen. FOTO: dpa/Jonas Ekstromer
Stockholm. Auf schwedischen Straßen soll ab 2050 niemand mehr sterben. Das ist das ehrgeizige Ziel des Programms "Vision Zero" . Mit einem umfangreichen Maßnahmenkatalog wurde bereits jetzt die Zahl der Verkehrstoten deutlich vermindert. Von André Anwar

Sobald in Stockholm die ersten Schneeflocken fallen, laufen Kinder fast wie professionelle Eishockeyspieler durch die Straßen. Sie tragen Sturzhelme, Knie- und Armgelenkschützer und sind manchmal sogar noch mit Leinen aneinandergebunden. Das mag für Ausländer übertrieben wirken. Aber Schweden ist ein Land, das viel Wert auf Sicherheit legt. Das gilt auch für den Straßenverkehr. Schweden hat sich mit dem Programm "Vision Zero" ein ehrgeiziges Ziel gesetzt: die Zahl der Verkehrstoten auf Null zu bringen. Ab 2050 soll niemand mehr durch Verkehrsunfälle sterben oder schwer verletzt werden.

Mit 2,8 Verkehrstoten pro 100.000 Einwohnern hat Schweden bereits heute deutlich weniger Unfallopfer als die meisten anderen Nationen. In Deutschland sind es laut WHO 4,7 Verkehrstote pro 100.000 Einwohner, in Frankreich 6,4, in den USA 11,4, in Russland 18,6 und in China 20,5. Allein 2015 werden laut WHO-Schätzung weltweit 1,4 Millionen Menschen im Verkehr sterben. 2030 sollen es schon 1,8 Millionen Tote pro Jahr sein.

Deshalb interessieren sich viele Länder dafür, wie Schweden den Kampf gegen den Tod auf der Straße führt. "Wir haben zunächst die Straßenplaner und Verkehrsplaner in die Pflicht genommen, ein idiotensicheres Rundumsystem um den Menschen herum zu bauen, das schwere Unfälle verhindert", sagt Matts-Ake Belin vom Verkehrsamt, der bekannteste Straßensicherheitsexperte des Landes. Das hat jahrelang Todesfälle auf schwedischen Straßen analysiert. Zu hohe Geschwindigkeit sei ein zentraler Punkt, sagt Belin.

Ab 0,2 Promille am Steuer drohen hohe Strafen 

Das Land hat daher extrem viele Geschwindigkeitsbegrenzungen. "Wer von einem Auto mit 50 km/h angefahren wird, stirbt in 80 Prozent der Fälle. Bei einer Geschwindigkeit von 30 km/h überleben dahingegen über 90 Prozent", sagt er. Die Einhaltung des Tempolimits wird durch ein engmaschiges Netz von Kameras kontrolliert und von drakonischen Geldstrafen flankiert. Es gehe nicht darum, Geld zu verdienen, sagt Belin. Es gehe um Abschreckung.

Vor allem auf Landstraßen verzeichnet das Land einen drastischen Rückgang der Todesfälle. Auf den gefährlichsten 3000 Kilometern wurden Mittelstreifenbarrieren errichtet. "Durch diese Barrieren sterben 90 Prozent weniger Autofahrer", erklärt Belin. Insgesamt werde über den Straßenbau viel für die Sicherheit getan. So würden Fußgänger und Fahrradwege ausgebaut, weil es auf engen Straßen weniger tödliche Unfälle gebe als auf breiteren.

Schweden toleriert zudem keine Alkoholsünder. Ab 0,2 Promille am Steuer drohen hohe Strafen. Alkohol am Steuer ist gesellschaftlich geächtet und gilt nicht als Kavaliersdelikt. Selbst Haftstrafen werden schnell ausgesprochen. Das Polizeikontrollnetz ist mit 2,5 Millionen Stichproben im Jahr bei einer Bevölkerung von 9,6 Millionen Menschen relativ hoch. Heute fahren laut Polizeischätzung 99,8 Prozent nüchtern.

Unbelehrbare müssen sich Alkoholschlösser ins Auto einbauen lassen. Auch in Taxis, Bussen und Lastwagen sind Alkoholschlösser stark verbreitet. Wenn deren Fahrer betrunken sind, springen die Fahrzeuge nicht an. Alkoholschlösser sollen in Schweden mittelfristig überall Pflicht werden. Als Nächstes soll es in Schweden um mehr Sicherheit für Fahrradfahrer gehen. So müssen Jugendliche bis 15 Jahre bereits mit Bußgeldern rechnen, wenn sie ohne Helm fahren.

In Deutschland sieht Belin viel Verbesserungspozential

Die meisten Schweden finden all die Regeln und Beschränkungen gut. Das Volk ist es gewöhnt, dass sich der Staat einmischt. Die Vermutung, dass Schweden heute vor allem wegen besserer medizinischer Unfallversorgung und seiner dünnen Besiedlung so wenig Todesopfer im Verkehr habe, weist Belin zurück. Den Einwand höre er oft. Aber man habe schließlich die direkten Effekte der eingeführten Maßnahmen gemessen. Belin: "Zudem passieren die meisten Unfälle gerade dort, wo die Straßen leerer sind. Auf vollen Straßen passieren weniger tödliche Unfälle."

In Deutschland sieht Belin noch viel Verbesserungspotenzial. Die deutsche Autobahn aber sei eine gute Sache – weil sie Fußgänger von Autofahrern trenne. Eigentlich sei das ein gutes Konzept, aber Autobahnen zu bauen sei viel teurer als etwa Mittelleitplanken zu errichten. Um die Unfallstatistik in Deutschland zu verbessern, empfiehlt Belin vor allem Mittelstreifenbarrieren auf Landstraßen. Und an der Abneigung gegenüber einem generellen Tempolimit zu arbeiten.

Quelle: RP
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