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Concorso d`Eleganza Villa d`Este 2017
Hier treffen sich die schönsten Autos der Welt

Concorso d`Eleganza 2017 - die schönsten Autos der Welt
Concorso d`Eleganza 2017 - die schönsten Autos der Welt FOTO: BMW
Como. Italienisches Lebensgefühl, ein Grandhotel wie aus einem Film und davor die bemerkenswertesten Automobile der Geschichte. Der Schönheitswettbewerb am Comer See erzählt immer wieder von der tiefen Liebe zwischen Mensch und Maschine. Von Alexandra Felts

Jonathan Segal saß am Steuer seines Maserati A6G und wartet gespannt darauf, dass die Jury seine Nummer aufrufen würde. Aber ausgerechnet jetzt sprang der 2000 Gran Sport von 1956 nicht mehr an.

Ein fachkundiger Herr im orangefarbenen Leinenanzug eilte dazu, beugte sich als Notarzt über den Reihensechszylinder und winkte sofort die Hilfskräfte von BMW herbei. Gemeinsam schoben sie unter großem Applaus Nummer 60 entlang der mondänen Terrasse des Hotels Villa d`Este zur Tribüne der entzückten Jury.

Dieser Maserati war Teil der 2015 entdeckten Sammlung Baillon und hatte mit anderen Kostbarkeiten Jahrzehnte vergessen in Garagen und Scheunen geschlummert, ehe sie alle sensationell entdeckt und versteigert wurden. Und nun das. Dabei hatte das schwarztürkisfarbene Coupé mit seinem amerikanischen Besitzer schon die ersten 3000 Kilometer eines neu erblühten Lebens absolviert. So sind die Auto-Biografien, die alljährlich beim weltberühmten Concorso d`Eleganza zur Legendenbildung der Fangemeinde taugen.

Die 20 wichtigsten Coupes aller Zeiten FOTO: Hersteller

Noch mit Roststellen

Auch in einem anderen Punkt sorgte die Nummer 60 für Aufsehen, denn Segal hatte nur die Technik restaurieren lassen. Inmitten der auf Hochglanz vorbereiteten Rivalen um die Coppa d`Oro trug das Blechkostüm des großartigen Karosserieschneiders Pietro Frua noch die Zeichen der Zeit in Form von abgeblättertem Lack und Roststellen.

Jedes Jahr wählt das Komitee des Concorso aus der Fülle der hoffnungsvollen Besitzer Modelle aus, die neben dem Kriterium der Ursprünglichkeit bedeutungsvoll für die Technik- und Designgeschichte waren. Die über 50 Fahrzeuge und Motorräder wurden diesmal frei nach Jules Vernes "Reise um die Welt in 80 Tagen" zu einer Schau durch die Ära der Rekorde eingeladen.

Aufgeteilt in Klassen, die so verheißungsvolle Titel hatten wie "Travelling in Style", "Speed Demons", "Heroes of the Jet Age" oder gar "Fast and Flamboyant" für das Segment der Playboy-Gefährte konnte man grandiose, kühne, verrückte oder unnachahmlich elegante Formen und Details aus nächster Nähe begutachten.

Goodwood Festival of Speed - für alle Sinne FOTO: Hanne Lübbehüsen/SP-X

Rolls-Royce und Bentley dürfen nicht fehlen

"Ich nehme zwar viele Aspekte dieser Autos durchaus in meine persönliche Datenbank im Kopf auf", erzählte Adrian van Hooydonk, Designchef beim Concorso-Organisator BMW, "aber ich muss mich täglich auf die Zukunft ausrichten."

Betrachtet man ausgestellte Klassiker wie den Aston Martin DB4 GT Zagato, den Lancia Flaminia Sport oder den Lamborghini 350 GT, die wie der Cisitalia oder die Alfa Romeo Giulietta mit langer Motorhaube, kurzen Überhängen und kompakter Kabine die Coupéform immer weiter ausgereizt haben, dann fügt sich auch die Studie der künftigen 8er-Reihe von BMW, die am Comer See Premiere hatte, bei allem technologischen Fortschritt in diese maßgebende Ahnenreihe ein.

Rolls-Royce und Bentley dürfen bei einem Concorso natürlich nie fehlen, denn sie sorgten zu ihrer Zeit für die standesgemäße Mobilität. Ein Phantom I von 1926 verblüffte durch ein im Stil des Rokoko ausgemaltes Kutscheninterieur mit bestickter Sitzbank. Leder war keine Luxusoption, sondern dem Wind und Wetter ausgesetzten Chauffeur vorbehalten. Die große alte Dame kostete neu 6500 Pfund - der Gegenwart eines Straßenzugs im damaligen London.

Der Bentley MK VI gehörte 1947 dem märchenhaften Autonarren und Maharadscha von Baroda und wurde als Cabriolet mit Brokatsitzen bestellt.

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Der große Entertainer Dean Martin war bekanntlich nicht nur trinkfest, sondern auch mit der Mafia bekannt. Ihm gehörte einst die teure Chrysler-Ghia-Koproduktion L 6.4 von 1962, die nur 117 Mal gebaut wurde. Auch dieses wirklich elegante Coupé mit herrlich gewölbten Scheiben und Chromapplikationen hatte eine bemerkenswerte Sonderausstattung: ein vom Sänger bestellter Revolverhalfter unter dem Fahrersitz.

Eine silberne außerirdische Flunder

Der Charme eines solchen Wettbewerbs liegt im friedlichen Nebeneinander der Kontraste und der alten Feindschaften, die auf dem manikürten Rasen des Grandhotels vergessen scheinen: Vorkriegsrennwagen von Bugatti neben den 3-Liter-Bentleys - dem erbitterten Rivalen.

Ein Horch-Cabriolet neben einem nicht weniger einladenden offenen 770 Mercedes-Benz und gegenüber ein Porsche 911 Carrera RSR von 1973, der sich mit einem Renn-Ferrari 365 GTB/4 Spider N.A.R.T. die Anbetung der Motorsportenthusiasten teilen muss. Schräg gegenüber Carlo Abarths 1000 Bialbero Record, eine silberne außerirdische Flunder, die 1960 mit über 191 Stundenkilometer den Langstreckenweltrekord aufstellte.

Pebble Beach: Klassiker-Luxus in Kalifornien FOTO: Günter Weigel, SP-X

Möglich, dass auch deswegen das kleine Motorboot der Guardia di Finanza neben den eleganten - und ebenfalls playboytauglichen - Rivabooten vor dem Concorso kreuzte. Vielleicht haben sie auch keine Steuersünder unter den stolzen Besitzern vermutet, sondern schützten die geparkten Millionenwerte vor Kidnappern.

Aber selbst einen vornehmen Ferrari 365 California holt man als böser Bube so schnell nicht ein. Dabei lieben die Eigner nichts mehr, als sich mit den Gästen des Concorso und beim öffentlichen Tag an der Villa Erba über ihr Juwel und seine Geschichte zu unterhalten. Schnell sind die Originaldokumente gezückt, Details erläutert, die Motorhaube geöffnet und Anekdoten erzählt. Aufregend wird es erst, wenn die Herren und Damen der Jury, die man an ihren weißen Panamahüten erkennt, die Reihen abschreiten und prüfen.

Anregungen für attraktive moderne Stromer

Der Concorso ist auch Schauplatz von Entdeckungen, die man kaum in einer Sammlung zu sehen bekommt wie der entzückende kleine Intermeccanica Imp 700 GT von 1961 mit 25 PS, der einem Deutschen gehört. Dieses federleichte Coupé könnte man sich heute mit einem batterieelektrischen Antrieb als Cityflitzer vorstellen.

Auch das kleine Osca MT4-Coupé von 1952 der Maserati-Brüder würde heute Köpfe verdrehen. Repliken und Retrostyling sind zwar verpönt, aber in der Vergangenheit lassen sich einige Anregungen für attraktive moderne Stromer finden, auch wenn heute viel mehr Auflagen von den Designern berücksichtigt werden müssen.

Davon ließen sich die Schöpfer des Techrules Ren nicht stören. Für die alljährliche Ausstellung der Concept Cars hatte GFC Style aus Italien eine Art turbinenbetriebenen Raumgleiter mitgebracht.

Diese Autos veränderten die Welt FOTO: Hersteller

Fassungslose Rolls-Royce-Kenner

Rolls-Royce versuchte mit dem Swepttail ebenfalls einen Brückenschlag: So wie einst Luxushersteller Automobile komplett für einen Kunden aufbauten und individualisierten, ist dieses hier ausgestellte neue Coupé Resultat einer engen Kooperation. Der Geschäftsmann hatte sich ausdrücklich eine maritime Form gewünscht. Mit diesem Solitär reiste er nach dem Concorso weiter.

Man kann sich die Fassungslosigkeit von Rolls-Royce-Kennern auf der Autobahn vorstellen. "Dieser Kunde lässt sich ebenfalls seine Uhren eigens anfertigen", erzählte Designer Giles Taylor.

Die Szene verjüngt sich, nicht nur bei den Motorrädern des Concorso, die neben beeindruckend erhaltenen Vorkriegsmodellen beispielsweise auch eine Kawasaki Z 900 von 1979 aus der Feder von Bizzarrini zeigten.

Der Concorso-Sieger war der erste Lurani Nibbio mit Moto-Guzzi-Motor des blaublütigen Rennfahrers und Ingenieurs Lurani Cernuschi. Das kleine blaue Geschoß von 1935 eroberte die Herzen, am Steuer der junge Enkel, der wie beim Maserati mit Startschwierigkeiten zu kämpfen hatte.

Zu den Youngtimern und den Concorso-Teilnehmern gehörte auch der knapp 30jährige Tscheche Tomas Hoferek, der die stromlinienförmige Tatra 77-Limousine von 1934 - ein Erbstück - zeigte. Angezogen im Look der Dreißiger Jahre präsentierte er diesen weltweit ersten aerodynamisch geformten Reisewagen.

Die Jury hatte lange debattiert, ob zu einem Concorso der Schönen und Reichen auch so ein Modell zugelassen werden sollte. Aber wie wird das erst in 30 bis 40 Jahren sein, wenn einige der mitgebrachten Kleinkinder dann selbst die Autoparade abschreiten? Werden sie raunen, wenn der erste Serien-TT von Audi, der schon in viel höheren Stückzahlen gebaut wurde, über die Terrasse fährt?

Was ziemlich sicher ist: Den Concorso wird es auch dann noch geben. 

(SP-X)
 
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