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Auf der Jagd nach dem besten Score
Sparen mit Telematik-Tarifen der Kfz-Versicherung

Autoversicherung: Sparen mit Telematik-Tarifen der Kfz-Versicherung
Neugierige Kästen: Solche Geräte sammeln Daten über die OBD-Schnittstelle (l.) oder werden ähnlich einer Blackbox im Auto montiert. FOTO: dpa, loe
Düsseldorf. Belohnung für defensives Fahren: Mit Vergünstigungen durch Telematik-Tarife werben immer mehr Kfz-Versicherer vor allem um junge Kunden. Dabei wird das Fahrverhalten erfasst und bewertet. Lohnt sich der Daten-Striptease?

Am Anfang steht ein Eingriff: Eine kleine Box muss ins Innenleben des Autos eingesetzt werden. Mit ihrer Hilfe kann das individuelle Verhalten des Fahrers erfasst werden: wie schnell er fährt, wie er beschleunigt und bremst oder durch Kurven fährt.

All das behält die Box nicht für sich. Über eine Datenverbindung teilt sie ihr Wissen in Form von Punktwerten mit der Kfz-Versicherung, die daraufhin den Fahrer einstuft.

Kunden mit so einem technischen Begleiter an Bord haben einen Telematik-Vertrag abgeschlossen. Der Anreiz: Die Versicherungen versprechen besonders defensiven Fahrern Beitragsrabatte. Im Gegenzug erhofft man sich weniger Schadensereignisse.

Versicherung zieht positive Bilanz nach Telematik-Versuch

Das ändert sich für Autofahrer 2016

Die erste Gesellschaft in Deutschland, die ihren Kunden Telematik-Box und -vertrag anbot, war Anfang 2014 die Sparkassentochter S-Direkt. Nach zwei Jahren ist das Pilotprojekt mittlerweile beendet. Das Unternehmen zieht eine positive Bilanz: "Das Feedback der Kunden war exzellent", sagt Jürgen Cramer, Vorstandsmitglied bei S-Direkt. Deshalb arbeitet das Unternehmen bereits an einem Nachfolgeprodukt. "Zum Jahresende wird es ein marktfähiges Angebot geben", sagt Cramer.

Auch andere Versicherungen sind auf den Telematik-Zug aufgesprungen. So verspricht die Marke Sijox der Signal-Iduna-Gruppe für junge Autofahrer von 17 bis 30 Jahren Rabatte von bis zu 40 Prozent bei Abschluss des Tarifs AppDrive.

Mit Vertragsbeginn erhalten sie ein Telematik-Gerät, das fachmännisch an der OBD-Schnittstelle (On Board Diagnose) im Auto installiert werden muss. Über eine App erhalten die Versicherten Aufschluss über ihren Fahrstil. Auch die Versicherung hat Zugriff auf die gesammelten Punkte, den sogenannten Score.

Allianz und Huk planen Telematik-Tarife

Was Autofahrer wissen wollen FOTO: dpa

Der Versicherer Axa hat mit DriveCheck ein vergleichbares Telematik-Angebot für unter 25-Jährige, das allerdings auf Einbauten am Fahrzeug verzichtet und nur auf App-Basis funktioniert. Einsparpotenzial: 15 Prozent.

Andere Gesellschaften planen ebenfalls Telematik-Tarife, darunter die Branchenriesen bei der Kfz-Versicherung Allianz und Huk. Sie wollen sich schwerpunktmäßig ebenfalls auf junge Fahrer konzentrieren, die statistisch betrachtet überdurchschnittlich oft in schwere Unfälle verwickelt sind.

Geht es nach einer Studie der Beratungsfirma Roland Berger, werden weitere Versicherungen nachziehen. Bis 2030 erwarten die für die Studie "Geschäftsmodell der Kfz-Versicherung im Umbruch" im vergangenen Jahr befragten Branchenexperten für telematikbasierte Kfz-Versicherungen einen Marktanteil von mehr als 20 Prozent. Insbesondere der zunehmende Abschluss von Policen über Vergleichsportale setze die Kfz-Versicherer unter Druck.

Telematik und Datenschutz

ADAC-Test: Antriebsarten bei Kleinwagen im Kostencheck FOTO: dpa, juc cw

Autofahrer, die Telematik-Tarife nutzen, geben eine Menge Daten preis. Der Score setzt sich in aller Regel aus der Fahrweise zusammen, also wie stark der Versicherte bremst oder beschleunigt, Geschwindigkeitsübertretungen, dem Anteil von Nachtfahrten und Stadtfahrten.

"Wenn Versicherer Daten erheben, werden sie damit auch etwas anfangen wollen", sagt Philipp Opfermann, Versicherungsexperte bei der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen. Allerdings arbeiten die Versicherer bei der Ausarbeitung ihrer Telematik-Produkte meist eng mit Datenschützern zusammen.

Doch je mehr sich Telematiktarife verbreiten, desto teurer könnten klassische Tarife werden. "Das ist eine Gefahr", sagt Opfermann. Zwar zeichne sich dies aktuell nicht ab, doch denkbar sei, dass Versicherungsnehmer, die sich gegen einen Telematiktarif entschieden, unter Generalverdacht gestellt würden, riskantere Autofahrer zu sein. Ein Szenario sei auch, dass rüpelhaften Autofahrern die Kaskoversicherung gekündigt werde.

Die Versicherungsgesellschaften schließen derzeit aber durch die Bank aus, dass die Erhebung des Scores zu ihrem Nachteil genutzt wird. "Der Sijox-Tarif sieht keinerlei Nachzahlungen für Kunden vor, die einen etwas forscheren Fahrstil pflegen", schreibt etwa die Signal Iduna in einer Mitteilung.

Versicherungswechsel als Spar-Alternative

Aber auch unabhängig von der Sorge um die Datenerfassung sollten Autofahrer eine einfache Vergleichsrechnung aufmachen: Ist der Telematiktarif wirklich ein Schnäppchen, oder bietet ein Versicherungswechsel nicht das größere Einsparpotenzial? Oft lassen sich mehrere hundert Euro im Jahr sparen - ganz ohne Datenüberwachung.

Hat der Versicherungsnehmer aber erst einmal Hardware im Auto installiert, werde er wahrscheinlich "träger und weniger wechselfreudig", sagt Opfermann. Bei der Kalkulation sollte man auch etwaige Kosten für die Telematik-Einheit berücksichtigen, mit der die Autos erst für die neuen Tarife tauglich gemacht werden müssen.

Trotz aller Einwürfe: Autofahrer stehen den neuen Tarifen offenbar mehrheitlich positiv gegenüber. So ergab eine repräsentative Studie des Marktforschungsinstituts Forsa - allerdings im Auftrag der Axa erstellt -, dass sich fast zwei Drittel (62 Prozent) der Autofahrer für Beitragsnachlässe aufgrund ihres Fahrverhaltens interessieren. 

Noch größeren Anklang fanden darin allerdings Telematik-Dienste, die bei Unfällen für die Übersendung von Notruf und Standortkoordinaten sorgen oder das Auto bei Diebstahl orten.

Und eine Idee hat zumindest den Teilnehmern des S-Direkt-Pilotprojektes besonders gut gefallen. Die Versicherung vergab regelmäßig den Titel "Bester Fahrer des Monats". Besonders versicherungsfreundliches Fahren quittierte die Gesellschaft mit drei Monaten kostenfreiem Versicherungsschutz.

- Studie von Roland Berger

(dpa)
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