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Interview
Ex-Prüferin verrät, was wirklich beim "Idiotentest" passiert

Hintergrund: 15 Fragen aus dem "Idiotentest"
Hintergrund: 15 Fragen aus dem "Idiotentest" FOTO: shutterstock/ gwolters
Düsseldorf . Alkohol am Steuer, zu hohes Tempo, Drogen – bestimmte Verstöße im Straßenverkehr ziehen den gefürchteten "Idiotentest" nach sich. Aber was passiert dabei eigentlich wirklich? Wir haben eine ehemalige Prüferin danach befragt.  Von Susanne Hamann

Frau Koch, warum nennt man die medizinisch-psychologische Untersuchung (MPU) eigentlich Idiotentest?

Koch Das kommt daher, dass man früher vor allem auch dann zum Idiotentest musste, wenn man mehrfach durch die Führerscheinprüfung gefallen ist. Heute hat das aber keinen Stellenwert mehr. 

Und was passiert bei einer MPU?

Koch Die MPU besteht aus drei Komponenten: Einer psychologischen Einschätzung, die etwa 40 bis 60 Minuten dauert, einem Reaktionstest und einer körperlichen Untersuchung, die jeweils etwa 20 Minuten in Anspruch nehmen. 

Und warum gilt die Prüfung als so besonders schwer?

Koch Weil der Kern der MPU eigentlich psychologisch ist. Das heißt, im Gespräch soll nicht nur festgestellt werden, ob sich das Verhalten des Betroffenen verändert hat. Viel wichtiger ist, ob er Einsicht zeigt und die Ursachen seines Problems verstanden hat. 

Warum ist das so wichtig?

Koch Wir reden hier ja nicht von Kleinigkeiten. Wenn eine MPU nötig ist, muss es schon zu wiederholten Verkehrsverstößen kommen. Oder zu hohem oder wiederholten Alkohol- beziehungsweise Drogeneinfluss am Steuer. Nur wenn sich jemand ausreichend damit auseinandergesetzt hat, warum er so handelt, ist auch die Prognose möglich, ob er sich künftig besser benimmt.

Sie waren erst MPU-Prüferin und geben jetzt Vorbereitungsstunden. Warum sind diese Kurse eigentlich nötig?

Koch Die meisten MPUs werden wegen Alkohol am Steuer angeordnet. Und das Problem ist dann ja meistens nicht, dass jemand mal einen über den Durst trinkt. Um bei 1,6 Promille noch fahren zu können, muss man schon an Alkohol gewöhnt sein. Das bedeutet der Alkohol wirkt sich nicht nur auf den Führerschein aus, sondern auch auf das ganze Leben. In der Verkehrstherapie stellen sich die Betroffenen ihren Problemen, lernen sie anzunehmen und anders zu lösen. Nur so kann auch echte Einsicht hergestellt werden - und darauf kommt es in der MPU an. 

Karin Koch ist Diplom-Psychologin und Verkehrspsychologin. Nach sieben Jahren als MPU-Prüferin, bietet sie nun MPU-Vorbereitungskurse unter anderem in Düsseldorf und Köln an. FOTO: Karin Koch

Sie sagen bei der MPU geht es vor allem darum, ob der Betroffene seine Probleme einsieht. Aber es muss doch auch viele geben, die das gar nicht wollen? 

Koch Ja, da habe ich während meiner Zeit als Prüfer einige erlebt. Meistens sind das aber diejenigen, die Verkehrsverstöße begangen haben. Die argumentieren dann herum.

Und was war der krasseste Fall, den Sie erlebt haben?

Koch Also der mit Abstand krasseste Fall war der einer Frau, die sich bei einem Mord mitschuldig gemacht hatte. Sie und ihr damaliger Freund haben die Leiche in den Kofferraum gelegt und haben dann versucht, mit dem Wagen zu fliehen. In der MPU-Prüfung hat sie dann erzählt, wie es ihr damals ergangen ist, warum sie anders hätte reagieren müssen und wie abhängig sie von diesem Mann war. Das ist natürlich heftig gewesen. 

Wenn man einen Mord begeht, muss man zur MPU?

Koch Wenn bei einer Straftat ein Auto zu Fluchtzwecken genutzt wird, dann kann es sein, dass die Verkehrsbehörde das nach der Haftstrafe anordnet. Damit soll sichergestellt werden, dass derjenige auch wieder in der Lage ist am Straßenverkehr teilzunehmen. 

Ok. Und eher so ein alltäglicher krasser Fall?

Koch Erstaunlicherweise sind diejenigen, die unter Alkoholeinfluss gefahren sind, meist unheimlich einsichtig und froh gewesen, dass nichts passiert ist. Das liegt daran, dass es einem schneller passieren kann als man denkt, dass eine schlimme Lebenssituation, Alkohol und eine Autofahrt zusammen kommen. Aber unter den Verkehrssündern hört man so einige Ausreden: "Die Blitzer sind schuld, die Stadt will ja nur Geld verdienen", oder auch "als ich da lang gefahren bin, war das Schild verkehrt rum aufgestellt." Eines der eindrücklichsten Argumente war aber von jemandem, der auf der Autobahn einen Unfall verursacht hat und dann sagte: "Aber ich fahre doch Mercedes, der andere hätte mich vorlassen müssen." 

Darf man denn eigentlich beliebig oft durch die MPU fallen?

Koch Es gibt tatsächlich keine Grenze. Ich habe mal erlebt, dass jemand sechsmal wegen demselben Delikt durchgefallen ist. Er kam jedes Mal bei der Untersuchung mit zwei Promille an und behauptete zugleich, er würde nie mehr als zwei Gläser Wein trinken. So etwas ist aber wirklich die Ausnahme. 

Verkehrsdelikte: Das sind die Hauptgründe für eine MPU

Aber ist so eine MPU nicht unheimlich teuer?

Koch Man muss tatsächlich mit Kosten bis zu 3000 Euro rechnen. Das deckt dann die Vorbereitungsstunden, die regelmäßigen Abstinenznachweise zum Beispiel wegen Alkohol, die Begutachtung selbst und die Kosten, die durch die Bürokratie entstehen. 

Abstinenznachweise?

Koch Wenn jemand wegen Alkohol- oder Drogenmissbrauch eine MPU machen muss, kann es sein, dass er im Zeitraum von einem Jahr mehrfach spontan aufgefordert wird, zu einem Drogen- oder Alkoholtest zu kommen. So soll sichergestellt werden, dass er nüchtern bleibt. 

Das Gespräch führte Susanne Hamann.

(ham)
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