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Architektur in NRW
Wie wir bauen, so sind wir

Architektur in NRW: Wie wir bauen, so sind wir
Der Kö-Bogen, entworfen von Star-Architekt Daniel Libeskind, verbindet den Hofgarten mit der Düsseldorfer Einkaufs- und Flaniermeile Königsallee. FOTO: Andreas Endermann
Düsseldorf. Die moderne Architektur wurde in Deutschland erfunden, das Rheinland spielte eine Hauptrolle. Mittlerweile ist der Glanz etwas verblasst. Doch die Bauszene in NRW, ist innovativer als ihr Ruf.  Von Martin Kessler

Die Welt lässt sich in zwei Typen von Menschen teilen. Die einen bauen gern und ständig, die anderen machen es sich lieber ohne allzu große Veränderungen in ihren vier Wänden gemütlich. Die Deutschen gehörten einst zum ersten Typ, neigen aber jetzt eher zur zweiten Variante. Um die Wende zum 20. Jahrhundert erfanden die Deutschen die Moderne – klarer und kühner wurden die Entwürfe und Bauten.

Peter Behrens, der Erste in dieser Reihe, versammelte in seinem Büro damals Walter Gropius, Ludwig Mies van der Rohe, Adolf Meyer und Le Corbusier, von denen einige später das Bauhaus gründeten, die Wegmarke des Neuen Bauens. "Die deutsche Baukunst war damals Weltspitze", urteilt Ulrich Königs, Architekturprofessor an der Universität Wuppertal.

Nationalsozialismus unterbrach die Erfolgsgeschichte

Das Rheinland spielte zusammen mit Berlin die Hauptrolle. Berühmt war die von Behrens begründete Düsseldorfer Schule in der ersten Dekade des 20. Jahrhunderts. Bevor der Ahnherr der Moderne sich selbstständig machte, leitete Behrens von 1904 bis 1909 die Kunstgewerbeschule in der rheinischen Residenzstadt. Düsseldorf wurde "zu einer der wichtigsten Durchgangsstationen der Moderne", schreibt der Architekturhistoriker Wolfgang Pehnt in seinem Standardwerk "Deutsche Architektur seit 1900".

Und die wegweisende Werkbund-Ausstellung in Köln von 1914, mit der die neuen Ansätze in Architektur, Malerei und Design einem breiten Publikum vorgestellt wurden, unterstreicht nochmals die Bedeutung des Rheinlands. Vor allem die 20er Jahre sind gespickt mit Werken des Neuen Bauens hierzulande.

Die Katastrophe des Nationalsozialismus unterbrach diese Erfolgsgeschichte jäh. Im zerstörten Deutschland stellte sich baulich und architektonisch die Frage des Neubeginns. Die internationale Avantgarde mit Gropius und Mies van der Rohe war emigriert. Die Moderne setzte sich dennoch durch.

Internationaler Stil hieß der erste globale Ansatz in der Architektur, dem sich zumindest die Baumeister des Westens verpflichtet fühlten. In Nordrhein-Westfalen entstanden einige Stil-Ikonen, die auch heute noch die Stadtbilder bestimmen – in Düsseldorf das neue Mannesmann-Hochhaus von Paul Schneider-Esleben (1955) und das Dreischeibenhaus von Helmut Hentrich (1960), in Bonn der Lange Eugen von Egon Eiermann (1969).

60er Jahre wurden zum Symbol für kaltes, gefühlloses Bauen

Zugleich erreichte das Phänomen der Trabantenstadt Deutschland. Die 60er Jahre wurden zum Symbol für kaltes, gefühlloses Bauen, in Köln-Chorweiler für 100.000 Bewohner, in der Metastadt Wulfen bei Dorsten im Ruhrgebiet für 50.000. Die Moderne kam in Verruf, obwohl sie den Menschen doch helles, freundliches und hygienisches Wohnen zu bezahlbaren Preisen versprach. "Architektur, die tötet", nannten die revoltierenden Studenten der 60er Jahre den Baustil.

Erst ein halbes Jahrhundert später sollte die Bewegung "Architektur, die hilft" entstehen. Sie ist zugleich der neueste Trend beim Bauen. Verbunden wird sie mit dem chilenischen Architekten Alejandro Aravena, der eine Abkehr von Großprojekten und eine Orientierung zur Kleinsiedlung, zur Überschaubarkeit und zur Teilhabe der künftigen Bewohner an den Planungen propagiert und in mehreren Vorhaben praktiziert hat.

In Deutschland und in Nordrhein-Westfalen macht sich der neue Ansatz vor allem beim nachhaltigen Bauen, dem Erhalt guter Bausubstanz oder der Gründung von Baugruppen fest. Der Architekt, so der Wuppertaler Hochschullehrer Königs, der auch eigene soziale Bauprojekte zusammen mit seiner Ehefrau Ilse Königs abgeschlossen hat, sei hier mehr "Sozialforscher, Moderator, Initiator und weniger ein autoritärer Entwerfer".

Die neue Bewegung soll eine Entwicklung ablösen, die nach dem internationalen Einheitsstil entstand und den Entwurf des Architekten als solitäres Produkt in den Mittelpunkt stellte. "Der Stararchitekt hinterlässt in den Metropolen des Globus seinen Fußabdruck", nennt das Architekturprofessor Königs.

Mit dem Niederländer Rem Koolhaas, der Britin Zaha Hadid und dem Amerikaner Frank Gehry ist dieser Ansatz berühmt geworden. Die großen Stars der Architektur sind auch nach Nordrhein-Westfalen gekommen. Gehry baute von 1994 bis 1999 den Neuen Zollhof im Medienhafen Düsseldorf als dekonstruktivistisches Gebäude. Der Italiener Renzo Piano hat 2005 in Köln mit seinem Weltstadthaus für die Bekleidungskette Peek & Cloppenburg eine Stadtmarke gesetzt.

Das Ehepaar Schürmann, Großmeister der Architektur

Neben den global tätigen Architekten ohne lokale Verwurzelung hat NRW auch eigene Großmeister hervorgebracht wie das Ehepaar Schürmann, die Erbauer des neuen Kölner Martinsviertels. Auch Karl-Heinz Petzinka zählt dazu, der das Stadttor in der Landeshauptstadt schuf, bis vor wenigen Tagen Sitz der NRW-Staatskanzlei. Werke mit Signatur-Charakter schufen auch die Düsseldorfer Architekten Christoph Ingenhoven (RWE-Turm in Essen) und Friedel Kellermann (Centro Oberhausen).

Das jüngste Projekt dieser Signatur-Architektur ist der Kö-Bogen, der die weltberühmte Königsallee in Düsseldorf mit dem idyllischen Hofgarten verbindet. Für die Befürworter verwandelt das Milliardenprojekt die Landeshauptstadt in eine Weltmetropole. Die Kritiker stören sich an der von oben durchgesetzten Planung, die auf Bürgerwünsche wenig Rücksicht nahm.

Der Kö-Bogen ist die spektakulärste städtebauliche Planung der jüngsten Zeit in NRW. Mit dem Entwurf des US-Stararchitekten Daniel Libeskind läuft sie ganz nach den Regeln der globalisierten Weltstadtarchitektur ab. Spötter meinten, Libeskind sei beim ersten Spatenstich 2009 selbst ganz schön neugierig gewesen, was sein New Yorker Büro da im fernen Düsseldorf geplant habe.

 
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