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Duisburg
Leben mit 160 Treppenstufen

Duisburg: Leben mit 160 Treppenstufen
Am Richard-Hindorf-Platz auf Ruhrorter Seite (oben) stehen die beiden bewohnten Brückentürme. Unten der Homberger Hebeturm vor dem Schulschiff "Rhein". FOTO: crei
Duisburg. Wohnen, leben und arbeiten in historischen Türmen diesseits und jenseits der Friedrich-Ebert-Brücke in Duisburg am Rhein. Im Hebeturm lebt der Künstler Willi Kissmer, zwei Brückentürme werden geschäftlich genutzt. Von Olaf Reifegerste

Sie sind ein Wahrzeichen von Ruhrort und das westliche Eingangstor in den Hafenstadtteil: Die Ruhrorter Brückentürme am Richard-Hindorf-Platz an der Friedrich-Ebert-Brücke. Er dagegen ist das Pendant zum 1971 auf Ruhrorter Seite abgerissenen sogenannten Trajekt-Turm: Der Homberger Hebeturm am dortigen Eisenbahnhafen - ein Wahrzeichen Hombergs.

Von der Kuppel des Schifferkinderheims Nikolausburg an der Homberger Straße in Ruhrort hat man einen fantastischen Blick in Richtung Nordwest. Gut zu erkennen sind dabei der Rhein mit der Friedrich-Ebert-Brücke und seinen Brückentürmen wie auch der Hebeturm am Eisenbahnbassin auf der Homberger Seite. Während die Ruhrorter Brückentürme derzeit reine Geschäftsräume sind, wohnt, lebt und arbeitet der Duisburger Künstler Willi Kissmer in seinem Homberger Hebeturm.

Die beginnende Industrialisierung des Ruhrgebietes Anfang des 19. Jahrhunderts und der Übergang zur Dampfschleppschifffahrt hatten den Massengutverkehr auf dem Rhein eingeleitet. Sie gaben dem Rhein-Ruhr-Hafen ebenso entscheidende Strukturimpulse wie der um die Mitte des gleichen Jahrhunderts aufkommende Eisenbahnverkehr. 1856 begann man einen sogenannten Trajektverkehr zwischen Homberg und Ruhrort einzurichten und Eisenbahnwaggons über den Rhein zu transportieren. Aus technischen Gründen entschied man sich jedoch für eine Fähre anstelle einer Eisenbahnbrücke, um die Netze des linken und rechten Niederrheins zu verbinden. Mit Hilfe englischer Ingenieure entstanden zwei Hebetürme zur Überwindung des Höhenunterschieds zwischen den jeweiligen Bahnhöfen und dem Rhein sowie zur sicheren Einschiffung der Waggons auf die dampfgetriebenen Fährschiffe. Die "Ruhrort-Homberger Rhein-Trajektanstalt" beförderte ein Jahr nach Inbetriebnahme schon über 47.000 Eisenbahnwaggons mit ihrer Dampffähre über den Rhein. Durch die Fertigstellung der Eisenbahnbrücke Hochfeld-Rheinhausen1885 kam das Aus für die Hebetürme.

Der auf Ruhrorter Seite stehende Hebeturm wurde 1971 trotz Denkmalschutz und zahlreicher Proteste aus der Bevölkerung wegen Baufälligkeit abgerissen. Sein Gegenüber in Homberg steht noch heute und feiert mittlerweile seinen 161. Geburtstag. In dem Hebeturm befand sich von 1928 - mit Unterbrechung durch den Zweiten Weltkrieg - bis 1987 eine Jugendherberge. Auch die Bücherei war dort für einige Jahre untergebracht. Das Gebäude steht seit Jahren unter Denkmalschutz und ist seit 1989 in Privatbesitz des Künstlers Willi Kissmer, der in diesem Gebäude wohnt und auch sein Atelier hat. "Das Leben mit 160 Treppenstufen stellt ein gutes Konditionstraining dar", sagt er. "Im Turm gibt es keinen Aufzug, muss man wissen. Und in der obersten Etage befindet sich mein Atelier. Die unteren Geschosse dienen mir als Wohnräume."

Auf der zwischen 1904 und 1907 erbauten Ruhrort-Homberger Straßenbrücke, der späteren "Admiral-Scheer-Brücke", wurden an deren Enden jeweils zwei imposante Türme errichtet, die in ihrem Aussehen an "wehrhafte" Stadttore erinnerten. Nach der Zerstörung des Brückenbauwerks durch zurückweichende deutsche Soldaten 1945 wurde später an gleicher Stelle die Friedrich-Ebert-Brücke errichtet. Heute existieren nur noch die beiden 32 Meter hohen Brückentürme auf der Ruhrorter Seite, da die Homberger Türme infolge einer vergrößerten Fahrbahnbreite des Brückenneubaus weichen mussten. Lange Zeit blieben die Ruhrorter Brückentürme, die ursprünglich eine Zollstation waren, ungenutzt, obwohl beide Immobilien, so hieß und heißt es nach wie vor in Fachkreisen, schlichtweg "der Hammer" seien: Die Lage, die Aussicht, die Räumlichkeiten, die Verkehrsanbindung und nicht zuletzt die Gebäude selbst seien "absolut einzigartig in Duisburg" und darüber hinaus.

Das erkannte wohl auch der Bauingenieur Jan Stapelmann, der 2009 den Nordturm für Wohn- und Arbeitszwecke ankaufte und in einjähriger Arbeit in Abstimmung mit der Denkmalbehörde sanierte. Diesem hatte er beim Umbau sogar einen innenliegenden Aufzug verpasst, der vom Erdgeschoss bis ins fünfte Stockwerk fährt. Die unteren Etagen des Turms, die jeweils eine Grundfläche von bis zu 63 Quadratmetern aufweisen, hatte Stapelmann zu gewerblichen Nutzräumen umgebaut. In den beiden oberen Geschossen hatte er bis 2015 selbst gewohnt. Dann zog es ihn nach Korschenbroich in ein sogenanntes ehemaliges Hallenhaus.

Mittlerweile sind im Nordturm alle sechs Etagen vermietet und beherbergen eine Eventmarketinggesellschaft und eine Versicherungsvertretung, eine Immobilienfirma und eine viergliedrige Marketingagentur, ein Logistikunternehmen und einen Befrachter in der Binnentankschifffahrt.

Auch der gegenüberliegende sogenannte Südturm befindet sich jetzt, nachdem er kernsaniert wurde und ebenfalls einen Fahrstuhl bekommen hat, in Privatbesitz. Bis 2010 diente er zumindest teilweise als Wohngebäude. Jetzt sind die mehr als 400 Quadratmeter allesamt gewerblich vermietet. Neuester Mieter auf den beiden unteren Etagen ist die Villa Rheindeich, eine Praxis für Physiotherapie und Wellnessmassagen.

Die Betreiber der Einrichtung, Anette und Jochen Peters sowie Simone Zymny, haben schnell Fuß gefasst im Kreativquartier Ruhrort und beteiligen sich am 8. Dezember mit einem "Türchen" beim beliebten "Lebendigen Adventskalender" im Hafenstadtteil. Weitere Mieter des Südturms sind das Institut Apeiros, das im zweiten Stock einen großen Schulungsraum mit üppigem Außenbalkon unterhält, ein sechsköpfiges Psychologenteam, das gleich zwei Geschosse angemietet hat, sowie eine Hausverwaltung unterm Dach.

Von dort reicht der Blick bei gutem Wetter sogar bis zur Essener Skyline.

Quelle: RP
 
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