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Remscheid
Wohnen im alten Amtsgericht

Remscheid: Wohnen im alten Amtsgericht
Rosarot: Die Gründerzeit-Villa unweit der Lenneper Altstadt. FOTO: Hertgen Nico
Remscheid. Das Boardinghouse an der Bahnhofstraße 12 in Lennep wurde 2016 eröffnet. In historischem Ambiente können Mieter auch für längere Zeit wohnen. Der Umbau folgte in enger Absprache mit dem Amt für Denkmalschutz der Stadt Remscheid. Von Wolfgang Weitzdörfer

Das ehemalige Amtsgericht an der Bahnhofstraße in Lennep wirkt mit seiner massiven Front und den dicken Steinwänden wie ein großer, altrosafarbener Wächter. Zehn Jahre lang stand die Villa aus der Gründerzeit nach der Auflösung des Amtsgerichts leer, für die Immobilie hatte sich partout kein Mieter oder Käufer finden lassen. Das Land als Eigentümer des rund 125 Jahre alten Gebäudes hatte sich schließlich an die Wuppertaler Firmengruppe Küpper gewandt: "Wir sind selbst ein Traditionsunternehmen mit Wurzeln bis ins späte 19. Jahrhundert", sagt Juliane Horn, Leiterin Projektentwicklung bei Küpper. Und über die vergangenen Jahrzehnte habe man sich einen Namen gemacht, wenn es um schwer zu vermittelnde Immobilien gehe: "Wir haben einen guten Draht zu den entsprechenden Stellen im Land NRW, man ist von dort immer wieder mit solchen Objekten an uns herangetreten", sagt Horn. Der Investor scheut sich dabei auch nicht davor, neue und vielleicht auch ungewöhnliche Konzeptideen umzusetzen.

So auch im Falle des alten Amtsgerichts, das im Jahr 2016 als sogenanntes Boardinghouse neu eröffnet wurde. "Wir haben das Gebäude nur einmal besichtigt - und waren vom Fleck weg begeistert", sagt die Projektleiterin. Allerdings habe man zunächst einmal die typischen Umbausünden aus den 1970er-Jahren entfernen müssen: "Viele der wunderschönen, hohen Stuckdecken waren abgehängt, auf den hochwertigen Fliesen von Villeroy & Boch sowie auf dem Holzparkett lag Linoleum", erklärt Horn. Das Haus steht unter Denkmalschutz, daher gab es beim Umbau nicht viel Spielraum. Dennoch sei die Zusammenarbeit mit der Stadt Remscheid völlig problemlos gewesen, betont Horn: "Die Mitarbeiter aus der Stadtverwaltung und dem Amt für Denkmalschutz haben wirklich optimal mit uns zusammengearbeitet. Die Umbauphase hat daher mit dem Genehmigungsprozess auch nur etwa ein Jahr gedauert."

An den Wänden gibt es auch ein wenig Berliner Flair. FOTO: Küpper

Der Grundriss des ehemaligen Gerichtsgebäudes sei zudem ideal für das Vorhaben eines Boardinghouses gewesen. Nach der Renovierung sind nun zehn Appartements von 30 Quadratmetern bis zu 120 Quadratmetern Wohnfläche entstanden. Das Flair des alten Gerichts ist nach wie vor überall zu erleben, sagt Horn: "So mussten wir etwa die Richterbank an ihrem Ort lassen - heute ist sie die Arbeitsplatte in der Küche eines Appartements." Dieses Appartement sei auch das beliebteste bei den Gästen. Auch die Farbkombination von Altrosa an der Fassade und Blau an der Tür sei historisch korrekt: "Wir haben verschiedene Farbproben entnommen und so diese Farben als jene erkannt, die auch vor 125 Jahren verwendet wurden", sagt Juliane Horn.

Selbst am Eingang wähnt man sich weniger vor einem Hotel denn vor einem Gericht: Begünstigt wird dieser Eindruck natürlich durch die Sprechanlage und das Schild mit der Aufschrift "Amtsgericht Remscheid". Beide Elemente wurden belassen: "Wir mögen es, wenn man die Geschichte des Hauses noch erkennen kann", sagt die Projektleiterin. Lediglich eine Stuckverzierung, die noch aus der Zeit des Nationalsozialismus stammt und mit entsprechender Symbolik versehen war, wurde entfernt.

Doch wer mietet sich eigentlich im Boardinghouse ein ? "Es ist ein bunt gemischtes Publikum, das zu uns kommt", sagt Horn. Auch die Mietdauer variiere, wobei eine Mindestzeit von drei Tagen vorgesehen ist: "Wer sich aber für ein Jahr einmieten will, kann das auch machen", sagt Horn. Unter den Mietern seien Handwerker, die auf Montage im Bergischen sind, ebenso wie Dozenten der Bergischen Universität, die für einen längeren Zeitraum an der Uni arbeiten. "Es gibt aber auch Gäste, die nur für ein verlängertes Wochenende nach Remscheid kommen und nicht in ein normales Hotel wollen", sagt Horn. Ebenso seien Marktbeschicker der Kirmes oder Standbetreiber des Weihnachtsmarkts unter den Gästen.

Eine Kochinsel ersetzt den Richtertisch. FOTO: Küpper

Die Gäste bekommen ein komplett ausgestattetes Appartement, in dem sie wie in einer gemieteten Wohnung völlig eigenständig leben können. "Es besteht aber die Möglichkeit, Servicepakete dazu zu buchen", erklärt Horn. Diese beinhalten etwa einen Wäscheservice oder eine regelmäßige Appartementreinigung. "Viele unserer Kunden möchten das aber gar nicht, weil sie unabhängig wohnen wollen. Es gibt im Keller des Roten Löwen Waschmaschinen und Trockner." Die Einrichtung ist hochwertig, die Investoren arbeiten mit der dänischen Firma BO-Concept zusammen: "Es ist alles ein wenig anspruchsvoller, in den Appartements sollten nicht einfache Ikea-Regale stehen", sagt Horn. Schließlich sei die Wohnung ja das Zuhause der Gäste - und das teilweise für eine sehr lange Zeit.

Die Lenneper seien sehr froh gewesen, als klar wurde, dass "ihr" altes Amtsgericht eine neue Bestimmung bekommen sollte: "Während der Bauphase waren immer wieder Nachbarn da und haben sich den Fortschritt angesehen. Ein älteres Ehepaar hat sich sogar so sehr darüber gefreut, dass es sich direkt für Hausmeistertätigkeiten angeboten hat", sagt Horn. Das Angebot habe Küpper angenommen, und so komme es immer wieder vor, dass in Wuppertal das Telefon klingelt, wenn am Boardinghouse etwas gemacht werden müsse: "Nach einem starken Sturm ist etwa eine Fahne vom Dach gefallen, das haben wir über das Ehepaar mitbekommen", sagt Horn.

Wer sich ins Boardinghouse einmieten will, muss unter Umständen eine lange Vorlaufzeit einplanen - ein deutliches Zeichen dafür, wie beliebt das Wohnen im ehemaligen Gericht ist.

Quelle: RP
 
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