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Architektur in NRW
Aufbrüche an Rhein und Ruhr

Ungewöhnliche Architektur in NRW
Ungewöhnliche Architektur in NRW FOTO: Jens Kirchner, Entwurf: kadawittfeldarchitektur
Düsseldorf. Nach dem Niedergang der Großindustrie plante NRW mit der IBA Emscher Park den innovativen Befreiungsschlag. Das gelang nur graduell, eine neue Generation von Architekten war aber elektrisiert. Von Martin Kessler

Der Glanz der Residenzen, Kulturtempel und Festsäle ging an der Region zwischen Rhein und Weser vorbei. Die Industrie mit ihren atemberaubenden Veränderungen bestimmte das Leben der Menschen - und auch die Architektur. Eine ihrer Krönungen war das modernste Bergwerk der Welt, die Zeche Zollverein XII in Essen im industriellen Herzen des Landes. Sie wurde zwischen 1927 und 1932 von Fritz Schupp und Martin Kremmer gebaut nach dem letzten Stand des technischen und sozialen Fortschritts. Der Industriebau, der heute neben dem Kölner und Aachener Dom, den Brühler Schlössern und dem Kloster Corvey zu den wenigen Weltkulturerbe-Stätten Nordrhein-Westfalens zählt, ist mit einer flexiblen Stahlkonstruktion und klimaresistenten Gebäudehüllen aus Eisenprofilen, Klinker und Glas ausgestattet. Damals ein Bau der Super-Moderne, heute ein gigantisches Freiluftmuseum, neu konzipiert von den Stararchitekten Norman Foster und Rem Koolhaas.

Mit dem Niedergang der großen Fabriken stand das Ruhrgebiet vor dem Ruin. Doch es gab Aufbrüche - einer der bedeutendsten war die Internationale Bauausstellung (IBA) Emscher Park. Ziel dieses größten Erneuerungsprojekts in der NRW-Geschichte war die Inszenierung des Strukturwandels entlang der alten imposanten Industriedenkmäler. Die Menschen sollten die einst verbotenen Zonen der Industrielandschaft neu entdecken, dort wohnen, sie als Freizeitparks nutzen und innovative neue Jobs schaffen - aus den Universitäten heraus, in den Lofts der alten Betriebe oder über ihre kulturelle Eroberung.

Industriemonumente als Landmarken

"Die Eckpunkte für die erhaltende Stadtentwicklung sind die Denkmäler einschließlich der Industriedenkmäler", hatte der damalige NRW-Bauminister Christoph Zöpel (SPD) erkannt und mit dem Geografen und Raumplaner Karl Ganser einen kongenialen Partner gefunden. "Ganser kam 1980 ins Ministerium, nachdem wir einen Spaziergang um die Ruhr-Universität herum gemacht hatten", erinnert sich Zöpel. "Eine solche Architektur wie hier darf sich nicht wiederholen", waren die beiden sich einig. Die Folge war ein zehnjähriges Großprojekt von 1989 bis 1999, das die öffentliche Hand drei Milliarden Mark kostete und die bisherige Städtebaupolitik auf den Kopf stellte. "Die Erde bebte", fasste der bekannte Stadtplaner Friedrich Wolters die Wirkung der IBA zusammen.

Tatsächlich wurden alte Industriemonumente wie der Gasometer in Oberhausen, die Jahrhunderthalle in Bochum, Zechen, Eisenhütten, Schiffshebewerke als große Landmarken inszeniert. Die Route der Industriekultur zog erstmals Touristen ins Revier. Bergarbeitersiedlungen wie Schüngelberg in Gelsenkirchen erhielten ein neues modernes Gesicht. Naturräume wurden wiederentdeckt. An der Emscher, dem schmutzigsten Fluss Deutschlands, vielleicht Europas, wurde das größte Renaturierungsvorhaben der Geschichte begonnen, ebenfalls ein Milliardenprojekt. Die Hoffnungen haben sich nicht alle erfüllt, blühende Landschaften sind nur vereinzelt entstanden. Zu lange hielt man an den alten Strukturen fest. Dennoch ist Zöpel überzeugt: "Die IBA war die kostengünstigste Variante der Stadt- und Raumentwicklung."

Architektur muss verschiedene Ebenen der Begegnung ermöglichen

Und noch etwas zeitigte das Projekt: Eine neue Architektengeneration nahm die Ideen der IBA auf, die Rückbesinnung auf natürliche Kreisläufe, die Vermeidung von Verkehr, die Öffnung verbauter und begrenzter Räume. Bescheiden, aber fein ist etwa das aus den 1950er Jahren stammende Einfamilienhaus in Hürth, das die beiden Kölner Architekten Jörg Leeser und Anne-Julchen Bernhardt 2012 zu einem schmucken, preisgekrönten "Kleinen Haus Blau" mit einer durchgängigen Komposition und viel Liebe zum Detail umgebaut haben. Erst 1999 wurde das Büro der beiden Aachener Architekten Klaus Kada und Gerhard Wittfeld gegründet. Mittlerweile zählt es rund 130 vor allem jüngere Mitarbeiter - Architekten, Planer, Designer. Das neue lichtdurchflutete Direktionsgebäude der AachenMünchner Versicherung in der Stadt Karls des Großen ist eines ihrer Werke, die prämierte archäologische Vitrine im belebten Elisengarten in Aachen ein zweites.

Stehen innovative und farbenfrohe Baustile im Büro Kadawittfeld im Vordergrund, so will das Düsseldorfer Team Green Architects ethische und ökologische Ansprüche mit effizienten Nutzungen verbinden. "Architektur muss verschiedene Ebenen der Begegnung ermöglichen", fordert Marc Böhnke, einer der Partner des zwölf Beschäftigte zählenden Büros. "Düsseldorf braucht mehr Räume mit Aufenthaltsqualität", ergänzt der 46-Jährige, der sein Handwerk bei Stararchitekt Christoph Ingenhoven erlernt hat. Das Büro hat so unterschiedliche Bauten wie Studentenwohnheime, Logistik-Center oder Hotels entworfen und abgewickelt. Jetzt ist das junge Team im Düsseldorfer Medienhafen aktiv und hat Ideen für Stadtplanungen, die mit weniger Verkehr auskommen. Sein Motto: "Architekten dürfen auch Turnschuhe tragen und Skateboard fahren."

Quelle: RP
 
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