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30 Jahre Erasmus-Programm
Nirgendwo sonst kommt sich Europa so nahe

30 Jahre Erasmus-Programm für Studenten: Party und Pauken
Studenten im Hörsaal (Symbolbild). FOTO: dpa, Oliver Berg
Düsseldorf. Das Erasmus-Programm wird 30: Am 1. Juli 1987 gingen die ersten Studenten darüber ins europäische Ausland. Seitdem studierten mehr als vier Millionen mit EU-Hilfe in einem anderen Land. Unser Autor war auf Malta. Von Klas Libuda

Heute hatte ich einen feinen Morgen: Ich habe mir zwei Tassen Kaffee und ein Marmeladen-Brot gemacht und dann anderthalb Stunden in meinem alten digitalen Tagebuch gelesen. Zum Beispiel von dem Tag, an dem wir in einem Großraumtaxi unterwegs waren und unser Fahrer Joseph einen Unfall baute: volle Kanne in die Leitplanke geschlittert. "Der Bus ist danach nur noch Schritttempo gefahren", habe ich in meinem Blog notiert. Das war vor sieben Jahren, und wenn der Satz nicht schon so abgedroschen wäre, würde ich am liebsten schreiben: Kaum zu glauben, dass es schon so lange her ist. In der Zwischenzeit liegen bei mir zwei Uni-Abschlüsse, zwei Umzüge, ein Job; aber an Malta kann ich mich bis heute gut erinnern.

Ich war damals in einem Wohnheim für Studenten aus dem Ausland untergebracht, das die Hochschule "University Residence" getauft hatte, und das klingt nicht nur gut, meistens war es das auch. Ich war einer von vielleicht hundert Bewohnern und einer von den Hunderttausenden Deutschen, die bis dahin bereits mit dem Austauschprogramm Erasmus unterwegs gewesen sind. Im Juni 1987 beschloss die Europäische Union das Projekt, und noch im selben Jahr machten sich immerhin 3244 Studenten auf den Weg, darunter 657 Deutsche. "European community action scheme for the mobility of university students" haben die Bildungspolitiker das Programm genannt, woraus sich mit ein bisschen gutem Willen "Erasmus" ableiten lässt – angelehnt an den großen Denker Erasmus von Rotterdam.

"Die zukünftige Entwicklung der Gemeinschaft hängt weitgehend davon ab, dass eine große Zahl von Hochschulabsolventen Studium und Leben in einem anderen Mitgliedstaat unmittelbar kennengelernt hat", formulierten die Politiker vor 30 Jahren. Neun Millionen zumeist junge Menschen waren der EU zufolge seitdem eine Zeit im Ausland, die Hälfte davon als Studenten – das Programm ist heutzutage nämlich auch für Azubis, Schüler, Lehrende und den Freiwilligendienst geöffnet und nennt sich "Erasmus+". Jeder, der sich auf dem Weg gemacht hat, wird Dutzende Geschichten mit nach Hause gebracht haben. So wie ich.

28. September 2010: Das Wetter hier ist unglaublich. 25 Grad. Am Flughafen stehen Palmen.

So habe ich meine ersten Momente auf Malta erlebt, jedenfalls habe ich es genau so am selben Abend in meinem Blog festgehalten. Zugegeben, Malta ist ein eher angenehmes Fleckchen für ein Studium im Ausland. Ich studierte damals Journalismus und hatte die Wahl: Schweiz, Irland oder Rumänien, also entschied ich mich für Malta. Der Junge, der zeitgleich nach Bukarest gegangen war, gab nach wenigen Wochen auf. Malta war auszuhalten. Ich verbrachte dort fünf Monate, von September 2010 bis Februar 2011.

Und ich hatte Glück: Sie hatten mir ein karges Zimmer mit Zugang zum Dach zugewiesen Das hatten sonst nur vier, fünf weitere in der gesamten "Residence", und viele Abende verbrachten wir dort oben mit einem Bier oder zwei, und manche rauchten. Der Erste, den ich traf, war Jay aus Réunion, der französischen Insel im Indischen Ozean. Zu meinen Mitbewohnern zählten außerdem Michi aus Bayern und Matú aus der Slowakei. Außerdem lebten im Wohnheim Studenten aus Belgien, den Niederlanden, Großbritannien, Schweden und so weiter, auch Kanadier und US-Amerikaner. Bis heute verfolge ich über Facebook, was die anderen so machen. Jay ist zurück auf der Insel, und Caroline aus Marseille lebt dort nun auch. Alessia aus Italien ist zurzeit hochschwanger. Simone schreibe ich eine Nachricht, und sie sagt: Sie lebt noch immer in Utrecht. Aus den anfänglich zwölf Erasmus-Teilnehmerländern sind mittlerweile 33 geworden, darunter auch Nicht-EU-Staaten wie Island oder die Türkei.

5. Oktober 2010: Ich war im International Office, und im Grunde kann ich hier studieren, was ich will, solange mein Schwerpunkt Communications bleibt.

Das schrieb ich in meiner Orientierungswoche an der University of Malta, und ganz so einfach war es dann doch nicht. Ich musste unter anderem einen nervenaufreibenden Wirtschafts-Kursus belegen, weil mein Heimat-Institut das so vorschrieb. Grundlage für Erasmus sind jeweils bilaterale Abkommen zwischen den Hochschulen und die Anerkennung der im Ausland erbrachten Leistungen. Finanzielle Unterstützung gibt es auch. Ich bekam 800 Euro Zuschuss, und mir wurden die Studiengebühren erlassen. Die Nordamerikaner hingegen mussten ordentlich zahlen. Von 2014 bis 2020 möchte die EU 15 Milliarden Euro in das Austauschprogramm stecken. Gut angelegtes Geld, finde ich. Nirgendwo sonst kommt sich Europa so nahe. In manchen Fällen nicht nur im übertragenen Sinne.

15. November 2010: Heute ist Party, sagen die Franzosen. Haben heute Nacht nur 33 Minuten geschlafen, sagen sie. Waren gestern auch feiern.

Als ich nun wieder meinen Blog las, fiel mir auf, dass meine Einträge mit der Zeit immer knapper und auch seltener wurden, zum Schluss schrieb ich allerhöchstens noch einmal die Woche. Jeden Tag kam ich etwas mehr an, das war eine eigenartige, aber auch interessante Erfahrung. Andere waren ab dem ersten Tag voll da. Viele Menschen rollen mit den Augen, wenn sie von Erasmus hören, denn sie verbinden das Programm vor allem mit feiernden Austauschstudenten. Da ist durchaus etwas dran. Ich finde das recht so.

"Die Franzosen" waren eine Gruppe Berufsschüler, die ebenfalls bei uns einquartiert waren, und zuweilen vielleicht nicht das rechte Maß fanden. Alle anderen feierten wohl ebenfalls mehr als zu Hause, in Abgabe- und Klausurphasen schien das Wohnheim hingegen wie leer gefegt. Stundenlang saßen die meisten dann an ihren Schreibtischen. Matú verkroch sich zuweilen für Tage. Aber das bekommen die, die meckern, dann logischerweise nicht mit.

Wirklich kennen lernten wir uns aber nun einmal außerhalb der Studienzeit, denn in den Seminaren saßen wir an Einzeltischen und zum Lernen in den Zimmern. Es gab den klugen Wirt der Diskothek "Footloose", der Erasmus-Studenten mit einem unschlagbaren Angebot lockte: zwei Getränke zum Preis von einem. Der Laden war ziemlich oft sehr voll.

Laut einer Studie der EU-Kommission hat übrigens jeder vierte Erasmus-Student seine Liebe im Auslandssemester gefunden, was natürlich nicht heißt, dass er die auch behält. Und bis 2014 sollen der EU zufolge bereits eine Million Erasmus-Babys geboren worden sein. Einen besseren Beitrag zum großen Friedensprojekt Europa gibt es vielleicht nicht.

7. Februar 2011: Ob ich noch einmal ins Ausland gehen würde? Ja. Ob ich froh bin, nach Hause zu kommen? Auch.

Meinen letzten Eintrag schrieb ich einen Tag vor meinem Abflug, und bis heute empfinde ich so. Simone aus Utrecht schreibt: "Nach Malta zu gehen, bedeutete, meine Komfortzone zu verlassen, und ließ mich begreifen, dass man sich manchmal etwas zutrauen muss, das einem zunächst auch Angst macht." Tatsächlich ist Malta sicher nicht die Welt, ansonsten glaube ich aber, sie hat recht.

Quelle: RP
 
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