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IW-Studie
Wie gebildet sind syrische Flüchtlinge?

Flüchtlinge: Bildungsgerüchte über Syrer auf dem Prüfstand
Ist hier Arbeit und Beruf möglich? Flüchtlinge aus Syrien stellen sich bei einem Betonschwellenhersteller vor. FOTO: dpa, bwu pil
Düsseldorf. Bildung ist ein Schlüsselkriterium für die Integration. Doch über die Qualifikation von Flüchtlingen ist kaum etwas sicher bekannt. Unterschiedlichste Annahmen kursieren. Kommen da Analphabeten oder Zahnärzte? Eine Studie will mit den gröbsten Klischees aufräumen. Von Philipp Stempel

Immer mehr Flüchtlinge drängen auf den deutschen Arbeitsmarkt. Die anfängliche Hoffnung, die Menschen schnell in Jobs zu bringen, wurde von der Realität eingeholt. Es dauert einfach Zeit, die Sprache zu lernen. Zudem kann das Angebot an Sprachkursen derzeit die Nachfrage nicht erfüllen. 

Mindestens ebenso wichtig für die Integrationschancen ist neben der Sprache die Ausbildung. Die ersten Erfahrungen sind für viele frustrierend. Wer nach Deutschland gekommen ist, um Geld zu verdienen, muss sich oftmals gedulden. Symptomatisch die Erfahrungen aus einem Projekt der Bundesagentur für Arbeit: Zuwanderer wurden gezielt nach ihren Qualifikationen befragt und gefördert. Vorläufige Bilanz: Von etwa 1400 Teilnehmern konnten etwa 160 in Arbeit oder Ausbildung vermittelt werden.

Zwei Drittel sind funktionale Analphabeten?

Viel wissen jedoch selbst die Experten nicht über die Neuankömmlinge. Das zu ändern, hatten sich Marie-Claire von Radetzky und Kristina Stoewe vom Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) vorgenommen. Die beiden Wissenschaftlerinnen hatten sich gezielt mit dem Bildungsstand von syrischen Zuwanderern befasst. 

Auch weil insbesondere zu Syrern unterschiedlichste Annahmen im Umlauf sind. "Zwei Drittel sind funktionale Analphabeten" befand noch im vergangenen Dezember der Bildungsökonom Ludger Wößmann. Andererseits ist in der Flüchtlingsdebatte immer wieder vom großen Anteil gut ausgebildeter syrischer Ärzte zu lesen. 

Fünf "Gerüchte" im Studien-Check

In ihrer am Montag veröffentlichten Studie pflückten sich die Forscherinnen diese Urteile wissenschaftlich auseinander. "Es ging uns darum, Gerüchte auf ihren Wahrheitsgehalt abzuklopfen", sagte Stoewe auf Nachfrage unserer Redaktion. Ihr Befund liegt – wenig überraschend – irgendwoe in der Mitte der zugespitzten Aussagen. So sind die meisten Syrer weder komplett ohne Schulbildung noch größtenteils Akademiker. 

Im Einzelnen erörtert die Studie fünf Thesen, die die Forscher selbst als "Gerüchte" in Medien und sozialen Netzwerken gefunden hatten. Die Daten stammen weitgehend aus dem Jahr 2011, bevor der Krieg die Infrastruktur zerstörte. Das IW hatte sich schon damals im Zusammenhang mit der Anerkennung von Berufsqualifikationen mit dem syrischen Bildungssystem befasst.

  1. Zwei Drittel sind funktionale Analphabeten 

    Befund: Die Analphabetenrate in Syrien lag im Jahr 2011 bei etwa 15 Prozent, bei den 15- bis 25-Jährigen sogar bei nur 3,5 Prozent. Die Analphabeten-These halten die Forscher für falsch, weil sie Daten einer Studie zu naturwissenschaftlich-mathematischen Kompetenzen auf Pisa-Kriterien übertrage. Freilich hätten seit Ausbruch des Bürgerkriegs vermutlich nur wenige Jugendliche eine Schule besucht. Auch das vergleichsweise sehr niedrige Abschneiden im mathematischen Bereich bestreiten die Forscherinnen nicht.
  2. Die Schulbildung in Syrien hat ein niedriges Niveau

    Befund: Hier argumentieren die Forscher eher formal. Ein Schulabschluss in Syrien mit Klasse zwölf berechtige auch in Deutschland zum Besuch einer Hochschule, wenn die Schüler eine Mindestleistung erbracht hätten. Bemerkenswert ist der Hinweis, dass in weiterführenden syrischen Schulen Englisch oder Französisch und damit auch das lateinische Alphabet auf dem Programm standen.
     
  3. In Syrien gibt es keine geregelte Berufsausbildung.

    Befund: Über 70 Prozent besuchten 2011 eine Sekundarschule, davon absolvierten 22 Prozent eine staatlich reglementierte Berufsausbildung auf Facharbeiterniveau. Syrische Flüchtlinge bringen demnach Berufsqualifikationen mit, auf denen sie in Deutschland aufbauen können, auch wenn das technologische Niveau in Syrien nicht mit dem in Deutschland mithalten könne. 
     
  4. Viele Syrer sind Ärzte oder Zahnärzte

    Befund: "2009 lag Syrien mit 14,3 Allgemeinmedizinern und 8,7 Zahnärzten pro 10.000 Einwohnern recht weit oben im internationalen Vergleich", heißt es in der Studie. Dies spiegele sich auch an der Zahl syrischer Ärzte in Deutschland wider: Diese bildeten hierzulande nicht nur die viertgrößte Gruppe unter ausländischen Medizinern. Insgesamt seien derzeit 2159 syrische Ärzte in Deutschland tätig – Tendenz steigend.
     
  5. Frauen haben in Syrien geringere Bildungschancen

    Befund: Dass syrische Frauen in Bildungsfragen benachteiligt wurden, kann die Studie nicht bestätigen. Unterricht habe in Syrien stets gemeinsam mit Männern stattgefunden. Zudem sei im Jahr 2011 rund die Hälfte aller Studierenden weiblich gewesen. Besonders beliebt seien bei Studentinnen die Fächer Zahnmedizin, Pharmazie und Innenarchitektur. Allerdings seien Frauen nach der Ausbildung weniger stark im Arbeitsmarkt vertreten.
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