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Analyse des Zwischenberichts zum Abi 2013
Was beim Abitur alles besser werden muss

Sylvia Löhrmann – die grüne Schulpolitikerin
Sylvia Löhrmann – die grüne Schulpolitikerin FOTO: dpa, Roland Weihrauch
Düsseldorf. Schulministerin Sylvia Löhrmann hat am Mittwoch einen Zwischenbericht zum Abitur 2013 gegeben. Streit gibt es vor allem um die Entwicklung der Klausur-Fragen – auf Schulen, Experten und Ministerium warten Hausaufgaben. Von Frank Vollmer

Vorsorglich war der Schulausschuss, der sonst im Fraktionssaal der SPD tagt, ins weite Landtagsplenum umgezogen. Denn Tagesordnungspunkt 4 barg Sprengstoff: "Statusbericht zum schriftlichen Zentralabitur 2013". Seit Wochen protestieren frustrierte Abiturienten vor allem gegen ihre Mathematik-Klausur. In den sozialen Netzwerken hatten knapp 300 Schüler angekündigt, persönlich die Sitzung mitzuverfolgen – am Ende kamen nur etwa 20. Sie erlebten eine teils hitzige Debatte über große und sehr kleine Pannen (16 Zwischenfälle listet das Ministerium auf, bei 121 000 Abiturienten) – und darüber, was sich ändern muss. Sechs Lehren aus dem Abitur-Durchgang 2013.

Das Zentralabitur Seit 2007 werden die Aufgaben in NRW zentral gestellt. Das Verfahren hat sich bewährt, obwohl jetzt, wenn es irgendwo hakt, im schlimmsten Fall gleich Zehntausende betroffen sind. Die Probleme sind aber meist nicht dramatisch – anders als früher, als immer wieder ganze Klausuren unlösbar waren. Und Fehler kommen jetzt unweigerlich ans Licht; das erhöht den Druck auf die Aufgabensteller.

Fazit: Das Zentralabi sorgt in der Summe für mehr Gerechtigkeit und ist daher zu Recht in der Politik und bei den meisten Experten unumstritten.

Die Aufgaben Trotzdem entzündet sich wieder heftige Kritik an den Klausuren. Abgesehen von Missverständlichkeiten betraf das vor allem das Mathe-Abitur. Die Kritik von Schülern und Experten reißt nicht ab, dass vor allem eine Aufgabe im Grundkurs (die "Tannen-Aufgabe") so umständlich formuliert sei, dass viele Schüler über der Textinterpretation nicht mehr zum Rechnen kamen. "Gewisse Anforderungen sollten schon da sein", kommentierte gestern Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne).

Zweifel sät das Abi 2013 daran, ob es richtig war, auf die Experten-Kommission zu verzichten, die 2009 bis 2012 die Aufgaben geprüft hatte. Die wütenden Schüler hatten eine zusätzliche unabhängige Überprüfung gefordert. Unmöglich, sagt Löhrmann und verweist auf die Lehrer und Wissenschaftler, die das Ministerium selbst einsetzt: "In der Bundesliga wird auch nicht der Schiedsrichter ausgetauscht." Zudem habe die Kommission "den Anschein erweckt, politische Verantwortung abzuschieben". Die Opposition kritisiert dagegen, bei Krisen überprüfe nun das Ministerium quasi sich selbst. "Damit macht man sich angreifbar", sagt Yvonne Gebauer, schulpolitische Sprecherin der FDP.

Fazit: Auch wenn die Entscheidung, ob etwa eine Klausur nachgeschrieben wird, beim Ministerium liegen muss – der Wunsch nach mehr Transparenz ist auch beim Abi dringend. Zusammen mit der Notwendigkeit, klar verständliche Aufgaben zu formulieren, bedeutet das Nachholbedarf. Ohne gleich neue Kommissionen zu gründen, sollten Externe stärker einbezogen werden.

Die Schulen Die Rückmeldungen zum Mathe-Abitur waren widersprüchlich. Unlösbar war keine Aufgabe, aber einige Schulen berichteten von massiven Problemen – reibungslos scheint es dagegen vor allem dort gelaufen zu sein, wo die Lehrer alle Aufgaben von vorn bis hinten durchrechneten. Üble Folgen hatte es, die "Tannen-Aufgabe" den Schülern in dem falschen Glauben vorzusetzen, dieser Typ sei 2012 einfach gewesen und werde es daher dieses Jahr wieder sein. Andere, kleinere Ungereimtheiten fielen meist rechtzeitig auf – aber vier Schulen merkten nicht, dass ihnen das Ministerium im Fach Sozialwissenschaften mit Schwerpunkt Wirtschaft falsche Klausuren geliefert hatte.

Fazit: Trotz Zentralabitur sind Schulen und Lehrer in der Pflicht, eher fünfmal zu viel als einmal zu wenig hinzusehen. Das passiert offenbar nicht immer.

Die Ministerin Löhrmann trat im Mathe-Streit zunächst konziliant auf, indem sie eine Nachschreibemöglichkeit nicht ausschloss. In der Sache zeigte sie dann aber mit ihrem Nein klare Kante. Das hat ihr den Vorwurf eingetragen, sie habe die Schüler getäuscht. Löhrmann weist das zurück. Zugleich hat sie angekündigt, die Mathe-Aufgaben seit 2008 darauf durchleuchten zu lassen, "ob ein Trend erkennbar ist, dass die Aufgaben nicht angemessen sind".

Fazit: Die Ministerin hat zwar ihre Linie durchgesetzt. Trotzdem wird ihr 2013 nachhängen – die Opposition hält Löhrmann ihre Attacken gegen ihre Vorgängerin Barbara Sommer (CDU) anlässlich damaliger Abi-Pannen vor ("als Mensch unersetzlich, als Ministerin eine Katastrophe"). "An diesen Maßstäben müssen Sie sich nun messen lassen", sagt Petra Vogt, schulpolitische Sprecherin der CDU. Auch in den Koalitionsparteien regt sich leise Kritik.

Die Schüler Erstmals hat sich massiver Protest gegen Abitur-Aufgaben im Internet formiert. Die erste Welle der Empörung schwoll binnen Tagen gewaltig an; inzwischen scheint allerdings dem Protest die Puste auszugehen. Die Facebook-Gruppe hat rund ein Zehntel ihrer Mitglieder schon wieder verloren, und die Mobilisierung gestern für den Landtag funktionierte überhaupt nicht.

Fazit: Die jungen Wutbürger formieren sich. Solange aber niemand die Organisation in die Hand nimmt, wird der durchschlagende Erfolg ausbleiben.

Das "Turbo-Abitur" Das ist der Kern des Problems. Den Frust über die Folgen der Verkürzung der Gymnasialzeit auf acht Jahre (G 8) zeigt schon, dass überhaupt das Gerücht Verbreitung finden konnte, die Mathe-Klausuren 2013 seien extra schwer gewesen, um unter den Studienbewerbern des Doppeljahrgangs tüchtig auszusieben. Umgekehrt formulierten manche Protestler mindestens zwischen den Zeilen die Erwartung, unter diesen erschwerten Bedingungen seien doch auch einfachere Aufgaben als in den Vorjahren legitim gewesen. Immer wieder geäußert wurde die Befürchtung, G 8 führe zu Kürzungen beim Lernstoff, aber nicht zur Anpassung der Klausur-Anforderungen.

Fazit: An der Entschärfung des "Turbo-Abiturs" muss weiter gearbeitet werden. Denn der Doppeljahrgang war einmalig. Die Riesenbaustelle G 8 dagegen wird NRW erhalten bleiben.

(RP/felt)
 
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